Wie Wii U die Konsole für jeden werden will

Von Tim Herrmann am 03. Mai 2012

Wii - die „Konsole für jeden“ - schien ein Ausweg aus der Sackgasse zu sein, deren Inbegriff der Nintendo GameCube war. Traditionelle Fans sollten in die neue Generation mit- und ganz neue Kunden hinzukommen. Brillante Idee – aber Nintendo hat sie nicht mit letzter Konsequenz umsetzen können. Das Konzept "Wii" mit seiner Fokussierung auf Gelegenheits- und Familienspiele wurde nach dem ca. dreijährigen großen Hype und Erfolg nicht zu einem auch nachhaltig erfolgreichen Geschäftsmodell für zukünftige Konsolen, weil die traditionellen Fans als verlässliches Fundament einer Spielkonsole wegbrachen und das Gesamtkonstrukt zu bröckeln begann, als auch die neuen Kunden das Interesse wieder verloren. Nintendo will die Fehler aus der letzten Generation aufgedeckt haben und mit der nächsten Plattform, Wii U, ausmerzen. Sie soll nun wirklich diese Konsole für jeden werden, die eigentlich schon Wii sein sollte – wird das funktionieren?

Wii HD
„This is a Wii for you“, versprach Reggie Fils-Aimé, der Präsident von Nintendo of America, den Fans auf der E3 im letzten Jahr. Und tatsächlich ist Wii U im Kern ein Upgrade mit besserer Technik als Hauptneuerung. Gute Grafik schadet simplen Titeln wie Wii Fit nicht, die die letzte Generation prägten. Sie reißt aber die Hürde um, die mehr tiefgründige, komplexe und aufwändige Produktionen auf Wii verhinderte.

Die Hürde war nicht unbedingt die Technik an sich – sehr gute, tiefgängige Spiele waren auch mit Wii-Hardware nicht unmöglich. Die Hürde war vielmehr die Differenz zwischen den HD-Konsolen und Nintendos Plattform: Je besser die anderen Konsolen mit großen Blockbustern genutzt wurden, desto mehr fielen Flimmern, amateurhafte Effekte und Animationen und die vielen Beschränkungen der Wii-Konsole auf. Nintendo verlor nach und nach diejenigen, die an ernsthaften Videospielen interessiert waren. Selbst The Legend of Zelda – Skyward Sword blieb mit etwa drei Millionen Verkäufern hinter den Vorgängern zurück.

Die Technik-Differenz quälte auch die Dritthersteller. Portierungen von Blockbustern waren unmöglich, Exklusiventwicklungen der einzige Ausweg. Aber Exklusivität kostet viel Geld, weshalb die meisten Dritthersteller nur zögerlich oder gar nicht mit großen Projekten aufsprangen.

Wenn man Wii stärkere Technik gibt, so die Schlussfolgerung, müssten Drittentwickler ihre Blockbuster portieren können, während Nintendo mit eigener Stärke sowohl in neuen als auch traditionellen Kundenschichten auftrumpfen könnte. Das Ergebnis dieser simplen Logik heißt Wii U.

Wii U ist kein Weitspringer
Machen wir uns aber nichts vor: Die neue Plattform wird grafisch keine allzu großen Sprünge in eine neue Generation machen. Sie wird sich vermutlich auf einem Niveau mit den sechs bzw. sieben Jahre alten Konkurrenzsystemen, PlayStation 3 und XBOX360, einpendeln und in einigen Aspekten wegen neuerer Komponenten leichte Vorsprünge zur aktuellen HD-Generation aufweisen.

Die Nachrichtenlage in internationalen und gut vernetzten Portalen wie GamesIndustry.biz oder Computer&Videogames.com deutete in den letzten Wochen in diese Richtung. Ob nun "anonyme Quellen" oder nicht: Wo Rauch ist, da ist meist auch Feuer. Schon eher sollte man gesunde Skepsis anbringen, wenn ein Foren-User von Freunden eines Freundes erfahren haben will, dass Epic seine futuristische Unreal Engine 4 gerade für Wii U anpasst, weil die Konsole so ein Kraftpaket ist.

Namentlich genannte Entwickler wie Randy Pitchford von Gearbox (Aliens – Colonial Marines) sagen zwar, Wii U sei eine "powerful machine" - das ist aber so überraschend wie der berühmte Iwata-Kommentar "Fans werden 'Wow' sagen, wenn sie die Grafik von Wii sehen". Diese Studios arbeiten unter Geheimhaltungsverträgen mit Nintendo zusammen. Und sie wollen möglichst schnell Geld auf Wii U verdienen. Natürlich sprechen Ubisofts CEO Yves Guillemot oder EAs Entwicklungschef Frank Gibeau also regelmäßig wohlwollend von Nintendo – sie wollen Premium-Partner bleiben und die aktuellsten Entwicklungs-Kits als erstes bekommen, um einen Zeitvorteil bei der Entwicklung zu gewinnen.

Die Japaner haben im Übrigen auch kein wirtschaftliches Interesse an einer Power-Konsole, die man entweder zu teuer oder mit Verlust verkaufen müsste. Nintendos Aktienkurs ist im letzten Jahr um 40% gesunken. Also werden die Produktionskosten der neuen Konsole derzeit wohl mit günstigen Komponenten gedrückt, wie man sie auch in aktuellen Systemen findet, um einen guten Preis bis maximal 300€ anbieten zu können.

Dritthersteller wollen’s günstig
Was bedeutet es nun für das Gesamtkonzept, wenn Wii U technisch keine neue Generation einläutet? Zunächst einmal ist das sogar ein Vorteil für die neue Konsole. So gut wie alle großen Blockbuster von 2012 und 2013 dürften noch für Wii U erscheinen – FIFA, Call of Duty, Resident Evil 6, GTA V – Portierungen wären günstig und einfach.

Wie es ab 2014 weitergeht, hängt maßgeblich von Sony und Microsoft ab – Wii U wäre eine Steilvorlage, um alte Positionierungen wiederherzustellen: High-End-Anbieter auf der einen, Nintendo auf der anderen Seite. Zum Problem würde dies nur, wenn die technischen Unterschiede zwischen der neuen Sony-/Microsoft-Generation und Wii U so groß werden sollten, dass Portierungen der High-End-Spiele auf Wii U nicht mehr möglich sind – so wie es zwischen PS3, XBOX360 und Wii der Fall war. Dann bräche Nintendos Konsole nach ein paar Jahren im schlimmsten Fall erneut der wichtige Third-Party-Support weg. Anpassungen und Umsetzungen wären zu teuer, also unrentabel. Die Wii-Geschichte könnte sich wiederholen.

Sony und Microsoft können sich viel zu teure Konsolen aber nicht (schon wieder) leisten - trotz des Zwanges, sich von Nintendo zu differenzieren. Insofern befinden sich eher die Konkurrenten im Dilemma als Nintendo.

Nintendo im Wettbewerb
Ein weiterer Aspekt, der dem Ziel der „Konsole für jeden“ zunächst nicht zuträglich ist, ist die Marke „Wii“ selbst. Sie hat sich in den vergangenen Jahren emotional erheblich aufgeladen - und das nicht nur im Interesse von Nintendo. Als „Casual-Konsole“ abgetan und von den meisten Drittherstellern boykottiert, ist der Name „Wii“ nach fünf Jahren belastet.

Warum will Crytek Crysis 3 nicht für Wii U bringen? Warum verwehrt Capcom Wii U bisher eine Ankündigung von Resident Evil 6? Warum will Hideo Kojima nichts entwickeln? Grund könnte die Marke „Wii“ sein, die nicht nur bei Spielern, sondern auch in der Entwicklerszene ihren Ruf als schwierige Plattform weg hat. Es braucht also gewisse Anreize, damit die Zweifler überzeugt werden. Zu diesen Anreizen ist Nintendo bereit, wie Präsident Iwata auf einer der letzten Investorenkonferenzen verriet.

Erstmals will man notfalls dafür bezahlen, dass Drittentwickler ihre Blockbuster auch für Wii U umsetzen – ein Novum in der Firmengeschichte. Die Dritthersteller freut es, sie können Nintendo, Sony und Microsoft jetzt in Bieterwettkämpfe um speziellen DLC oder Zeitexklusivität treiben. Für die Fans zählt: Nintendo stürzt sich mit ganzer Kraft in den Wettkampf, den man mit Wii bewusst umgangen hat. Das bedeutet für das Unternehmen ein Risiko – für Fans wohl ein größeres Spielelineup.

Die Wiimote in der nächsten Generation
Eine wichtige Rolle wird auch die Wii-Remote spielen: Nintendo sollte sie jedem Wii U-System beilegen, damit sie zum Standard wird. Sie war griffig, intuitiv, vielseitig einsetzbar - und damit der essentielle Erfolgsfaktor der Wii-Generation. Ein dicker Controller mit Sticks, Steuerkreuz, acht Knöpfen, Schultertasten, Triggern, Kameras und Touchscreen könnte viele Wii-Fit-Spieler überfordern. Die Wii-Remote Plus muss, wie in den ersten Trailern dargestellt, ein Grundbestandteil von Wii U bleiben – gerade auch, weil der neue Controller sie weder ersetzen noch erweitern kann. Er ist ein anderes Steuerungskonzept.

Wii MotionPlus, Kinect, EyeToy oder die SingStar-Mikrofone - sie alle konnten als Erweiterungen kurzfristig Erfolge feiern, setzten sich dauerhaft aber nicht durch, weil nicht jeder Spieler sie besaß. Liegt die Wii-Remote der Konsole weiterhin bei, ist es gut möglich, dass es auf Wii U neue Spiele geben wird, die man hauptsächlich mit der Wii-Remote Plus steuert, während der neue Controller nur einen Zusatznutzen mitbringt. Das Team von The Legend of Zelda hat Ähnliches bereits angedeutet.

Kann Wii U also die versprochene Konsole für jeden werden? Es ist erst einmal wichtig, dass Fans ihre Vorab-Erwartungen in den Griff bekommen, besonders bei der Technik. Nintendo wird nicht plötzlich zum High-End-Anbieter, der PS3 und XBOX360 alt aussehen lässt. Wii U wird so stark sein, dass alle aktuellen Blockbuster der HD-Generation problemlos darauf laufen. Das reicht, um die Hindernisse abzubauen, die Dritthersteller auf Wii abgeschreckt haben, und das reicht auch dicke für die versprochenen tiefgängigen Spiele. Zusammen mit neuen Geschäftspraktiken sieht es für die Drittherstellerunterstützung rosig aus.

Das Third-Party-Lineup muss also eine Flanke von Wii U sein; Wii Fit und andere Casual-Prinzipe, die Wii groß gemacht haben, die andere. In der Mitte kann sich Nintendo mit seiner größten Stärke entfalten: den Spielen für jeden, die auf Wii Verkaufsrekorde aufstellten. Bunte Titel wie Super Mario, Pikmin oder The Legend of Zelda werden den Kern des Konsolenkonzeptes bilden.

Die neue Konsole heißt nicht umsonst Wii U – sie ist ein Wii-Upgrade mit besserer Technik und neuen Steuerungskonzepten. Kombiniert sie diese neuen Aspekte, mit denen die Vielspieler erfreut werden sollen, geschickt mit den Leistungen der alten Generation, hat Wii U das Potential, wirklich diese Konsole für jeden zu werden, von der Nintendo träumt. Die Entfaltung dieses Konzepts live mitzuerleben, wird ein großer Spaß - seid bei uns dabei.

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5 Kommentare:


sky
vor 9 Jahren | 0
steht schon etwas viel Tinnef drin, z.B. das mit dem Aktienkurs und dem daraus resultierenden niedrigeren Produktionskosten XD Die Entwicklung hat vor dem Kursfall angefangen ...
und die Leistung der Konsole muss ja schon leistungsstärker sein wenn sie die gleiche Grafikleistung bringt wie PS360 durch den 2ten bildschirm.

Meine Erwartungen sind eine Konsole die im Bereich wirklicher Leistung (also kein MHz bullshit Penis Längenvergleich) so um das 1,3 - 1,5 fache der jetzigen PS360, das sehe ich als realistisch an.

Zum Thema Support third-party: also wenn wirklich die nächste gen PS360 kommt dann wird die WiiU auch da noch unterstützt weil Auflösung 1080p ist gegeben und die Entwickler müssten nur etwas weniger Details und Physik weglassen. Es ist ja nicht mehr so ein großer unterschied. im PC bereich kann man sowas Standardmäßig einstellen ;)

Nächste Gen PS360: also Sony kann sich nochmal sowas nicht leisten ^^ 4 jahr auf folge Mrd. Verluste ... sry wer da noch glaubt das die nochmal so nen Kostenfaktor auf sich nehmen ... dem ist echt nicht mehr zu helfen. Die werden auch nur ihre Technik auf den Stand bringen und aus Image gründen etwas über die WiiU gehen.

So das waren m2c

CommSter
vor 9 Jahren | 0
Sehr schöner Artikel. Endlich wird die Sache mit der neuen Konsole mal realistisch eingeschätzt. Mir kam es nämlich so vor, als wenn auf Eurer Seite sich viele der "negativen" Meldungen rund um die Wii U einfach schön geredet wurden, nach dem Motto:

negative Meldung - anonyme Quelle -> Quelle lügt / gibt's nicht
positive Meldung - anonyme Quelle -> Quelle muss Recht haben

Aber dieser Artikel ist sehr gelungen und am wichtigsten fand ich den Satz: "Es ist erst einmal wichtig, dass Fans ihre Vorab-Erwartungen in den Griff bekommen, besonders bei der Technik."

Nach den ganzen positiven Meldungen zwischendurch hoffe ich aber allerdings immer noch, dass Nintendo Anfang Juni uns alle überraschen wird und mit einer kompromisslosen Hardware und einem stattlichen Lineup aufwartet.

Teylor
vor 9 Jahren | 0
Natürlich darf man nicht zuviel erwarten. Aber ich denke es wird dann doch mehr als der Autor hier annimmt. Nintendo würde sich mit PS360 Leistung ihr eigenes Grab schaufeln, da keiner umspringen würde zur WiiU, da es keinen Grund gäbe.

Siehe dazu:
http://wiiux.de/forum/7-tests-und-artikel/1480-aktueller-artikel-04052012-diskussion#1480

Tim
vor 9 Jahren | 0
@Mike: Es mag sein, dass Spiele wie Zelda (deiner Meinung nach ;)) mit dem neuen Controller besser spielbar sind. Ich persönlich finde, Wii MotionPlus hat das Spiel enorm bereichert, und ich will keine Knöpfe mehr drücken - aber da kann ja jeder seine eigene Meinung haben.

Fakt ist, dass Spiele wie Wii Sports nur mit dem neuen Controller allein nicht mehr so zugänglich sind wie mit der Wii-Remote - das heißt, Nintendo würde gut daran tun, solche Genres durch die Wii-Remote auch zukünftig zu ermöglichen - sonst könnte der so lukrative Casual-Markt nicht richtig in Fahrt kommen. Und das darf sicherlich nicht das Ziel sein, wenn man wirklich "die Konsole für jeden" herstellen will.

Kid Icarus
vor 9 Jahren | 0
Ehrlich gesagt finde ich es nicht gut, wenn die Remote immer noch so eine große Rolle spielen sollte, weil man sich damit irgendwie das neue Konzept mit dem Tablet-Controller kaputt macht, das ja eigentlich im Fokus stehen sollte.