Assassin’s Creed III

Von Tim Herrmann am 09. Mai 2012

Mit Assassin’s Creed ist das alles gar nicht so einfach: Teil 1 dreht sich um den Assassinen Altair zu Zeiten der Kreuzzüge. Teil 2 stellte Ezio Auditore in der Renaissance in den Mittelpunkt. Dann folgte ein weiterer Teil mit Ezio, der sozusagen Assassin’s Creed 2.5 war. Danach kam dann wiederum einer, der sowohl Altair als auch Ezio auftreten ließ. Und dabei rankte sich um alle bisher erschienenen Titel eine mehr oder weniger zusammenhängende Außengeschichte in der Gegenwart rund um Desmond Miles, der der Nachfahre all dieser Assassinen ist. Der Serieneintrag dieses Jahres ist nun faktisch der fünfte Teil, heißt aber trotzdem Assassin’s Creed III – und entwirrt das komplizierte Spin-Off-Gewebe.

Das Größte und Beste… ever!

Ubisoft ist nicht gerade bescheiden, wenn es um sein Assassin’s-Creed-Franchise geht, das sich auf den HD-Konsolen in nur fünf Jahren zu einer der Top-Marken der Videospielwelt entwickelt hat. Bescheidenheit wäre aber auch fehl am Platze, wenn man betrachtet, was Ubisoft Montreal in den letzten Jahren gestemmt hat: Ganze Zeitalter legte man den Spielern zu Füßen. Antike Versionen von Jerusalem und Damaskus, von Florenz oder Venedig und von der Ewigen Stadt, Rom, wurden zu gigantischen Spielplätzen. In weiten Teilen nach historischen Fakten nachgebildet und mit Geschichte(n) und Leben getränkt, unterhielten sie auf ganz unterschiedliche Art und Weise: Erkundung, Platforming, Kampf, Action, Stealth, Drama und auch ein bisschen Simulation vereinten sich im Wirbel aus Historie und Fiktion.

Assassin’s Creed war stets eine Serie, auf die es sich als Wii-Spieler neidisch zu sein lohnte. Denn auf einer Nintendo-Heimkonsole erschien sie nie. Lediglich auf dem Nintendo DS versuchte sich Ubisoft an einigen miesen Spin-Offs. Dass man Assassin’s Creed nicht auf Wii gesehen hat, war gut so. Denn die Serie lebt maßgeblich von der detaillierten grafischen Ausgestaltung ihrer Welten, von der Illusion einer lebendigen Stadt, die die Wii-Konsole nicht hätte erzeugen können. Doch jetzt kommt ja Wii U. Und Ubisoft als einer von Nintendos ausgesprochenen Premium-Partnern hatte die Entwicklungs-Kits schon so früh, dass Assassin’s Creed III gleich auch für die neue Konsole erscheint, womöglich sogar zum Launch.

Und auch jetzt geizt Ubisoft nicht mit großen Worten, bezeichnet den dritten Teil der Aufsteigerserie gar als das „umfangreichste Projekt, das je bei Ubisoft entstanden ist“. Was kommt da auf Nintendos neue Konsole zu?

Rathonhaketon
Versetzen wir uns in die 70er Jahre des 18. Jahrhunderts, in das Land, das wir heute als Vereinigte Staaten von Amerika kennen. Vor etwa 300 Jahren hatte Christoph Kolumbus diese Neue Welt „entdeckt“, vor ungefähr 150 Jahren segelten die englischen Pilgerväter auf der Mayflower gen Amerika und besiedelten das Land, das sie für sich beanspruchten. In dieses Land, das unter der englischen Krone keimt und gen Unabhängigkeit strebt, wirft Ubisoft seine Spieler und stellt dabei den fiktiven Protagonisten Rathonhaketon in den Vordergrund.

Seine Mutter ist eine Ureinwohnerin vom Stamm der Mohawk, eine Indianerin. Sein Vater ist einer der verhassten britischen Kolonialisten. Somit ist der kulturelle Konflikt eröffnet und in persona des Protagonisten manifestiert. Damit Spieler den Namen des Hauptcharakters aussprechen können, wird er Connor genannt. Er steht im Zentrum des Unabhängigkeitskriegs, der mit der Unabhängigkeitserklärung vom 04. Juli 1776 die Grundlage dafür bilden sollte, dass aus einer losen Ansammlung britischer Kolonien ein Staat wird. Blutige Schlachten, heldenhafte, historische Persönlichkeiten und einschneidende Entscheidungen prägten den Konflikt zwischen den Kolonisten und den Briten, der sich hauptsächlich zwischen 1775 und 1783 abspielte – damit bietet das Szenario alles, wofür Assassin’s Creed steht: Drama, Action, Historie und ein gewisses zwielichtiges Heldentum.




Noch hat Ubisoft nicht verraten, für welche Ziele Connor im Unabhängigkeitskrieg genau kämpft und welche Rolle die Geschichte um Assassinen und Templer dabei spielt. Fest steht aber: Connor verbündet sich mit den Amerikanern und zieht Seite an Seite mit historischen Akteuren des Unabhängigkeitskrieg wie George Washington oder dem Marquis von La Fayette in die Schlacht. Im Hintergrund wird weiterhin die Geschichte von Desmond Miles erzählt, der die Erlebnisse seiner direkten Vorfahren, Altair, Ezio und Connor, durch eine Maschine nacherlebt. Diese Hintergrundgeschichte soll in Assassin’s Creed III wieder mehr im Vordergrund stehen.

Schnee und Wald statt Pantheon
Nach dem Abriss des Szenarios keimt eine Frage bei vielen Fans auf: Wo bleiben die großen Metropolen zum Erkunden? New York und Boston, zwei der Schauplätze, waren um 1775 herum wachsende Städte, weltpolitisch aber kaum relevant und keine Zentren ihrer Welt. Wolkenkratzer, High-Tech und Freiheitsstatue – alles, wofür New York heute steht, war 1775 noch Zukunftsmusik. New York war ein großes Dorf ohne die nennenswerten Sensationen eines Jerusalem, eines Florenz oder gar Roms. Mit Pantheon, Felsendom, Kolosseum oder Santa Maria del Fiore konnten die Entwickler stets genug Bauwerke von Weltruhm zum Erkunden anbieten, New York kann da nicht mithalten.

Die Städte in Assassin’s Creed III werden groß und voller kleiner versteckter Geheimnisse sein – kein Zweifel. Aber aller Voraussicht nach wird es eben keine großen Hingucker geben, für deren Erkundung allein man gern eine halbe Stunde Spielzeit investiert – eine kleine Zäsur. Stattdessen setzen die Entwickler stärker auf ein Grenzland – ein neues Kernelement. Was in den Vorgängern kleine Pufferzonen um die Städte herum waren, soll nun eine ganz eigenständige Welt voller Wildnis und Gefahr werden. Connor hat hier einiges zu tun: Er kann wilde Tiere jagen und ihnen Materialien zum Waffenbauen entnehmen, das Indianerdorf seines Stammes besuchen oder gegnerischen Truppen in den Baumwipfeln auflauern und sich dem Kampf stellen.

Beim Kampf kommt auch eine neue Mechanik zum Einsatz, die die Entwickler von Grund auf neu konstruiert haben. Connor trägt nämlich stets zwei Waffen, die über je einen Knopf gesteuert werden. So können Spieler Tomahawk und Revolver kombinieren oder Pfeil und Bogen zusammen mit dem Messer benutzen. Zeit-, Wetter- und Jahreszeiteneffekte spielen im Grenzland eine wichtige Rolle in Fragen der Tarnung oder der Verstecke.

Der Controller von Wii U als Datenbank, Visier und kleiner Helfer
Es ist auch bereits bekannt, wie Ubisoft den Controller von Wii U benutzen will. So wird auf dem Touchscreen standardmäßig eine Karte zu sehen sein, die besonders im weitläufigen Grenzland praktisch sein dürfte. Auch eine interaktive Datenbank ist über den zweiten Bildschirm abrufbar und kann Spielern in Echtzeit Informationen zu ihrer Umgebung, zu Charakteren oder zur Geschichte liefern. Ein dynamischer Waffenwechsel ohne Navigation durch Menüs scheint ebenfalls zu den Aufgaben des Controllers zu gehören.




Die Bewegungssensoren kommen in bestimmten Situationen zum Einsatz, in denen der Spieler das aus den Vorgängern bekannte Adlerauge aktivieren muss. In einer alternativen Ansicht der Umgebung kann er auf dem Touchscreen Geheimnisse entdecken oder Personen als Freund oder Feind identifizieren. Indem man den Controller durch den Raum bewegt, blickt der Assassine um sich – und der Spieler wie durch ein Visier auf seine Umgebung.

FAZIT:
Assassin’s Creed III soll ein Megaprojekt werden, das die Serie nach zweijährigem Schleichen wieder in einen Sprint nach vorne treibt. Das Szenario um den Protagonisten, der zwischen den Welten steht und sich in einem historischen Krieg um die Unabhängigkeit Amerikas beweisen muss, birgt Potential. Der stärkere Fokus auf Natur und Wildnis wird dem Spiel ein ganz anderes Gesicht als seinen Vorgängern geben – doch vielleicht braucht die Serie gerade dieses neue Gesicht und die vielen neuen Mechaniken eines „echten“ dritten Teils, nachdem sie sich zuletzt doch nur selbst kopiert hat. Das Spiel kommt am 30. Oktober 2012 für PlayStation 3 und XBOX360 auf den Markt. Auf Wii U wird man es wohl mit einer 1:1-Umsetzung zu tun bekommen, die vom neuen Controller in Sachen Spielflüssigkeit durchaus profitieren könnte, aber keine Revolution startet. Wann genau sie erscheint, bleibt noch ein Geheimnis. Aber Nintendo und Ubisoft arbeiten sicherlich fieberhaft daran, diesen Top-Titel zum Start der neuen Konsole in die Regale stellen zu können.

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