Rayman Legends – Preview #2

Von Tim Herrmann am 24. September 2012

Es war eine Sensation, als Nintendo sich 2006 erstmals wieder ein 2D Jump & Run mit seinem Über-Maskottchen Mario ins Lineup schrieb. Eine Welle neuer 2D-Titel brach in Folge des Multi-Millionen-Sellers New Super Mario Bros. über die Branche herein – und einige waren dabei, die den Traditionsklempner heute ziemlich konservativ aussehen lassen; immer noch routiniert ausgefeilt, ja, aber dennoch eher blass, eher gewöhnlich und spielerisch wenig experimentierfreudig. Rayman Origins war eines der strahlenden 2D-Spiele, die diesen Eindruck hervorriefen: Mit rotzfrechem Artstyle, rasanten Hüpfparcours und ausgefallenen Spielideen wirbelte Ubisofts Maskottchen in Richtung des Genre-Throns. Begeistert nahmen Fans demnach auch die Ankündigung des Nachfolgers namens Rayman Legends auf, die Ubisoft im März dieses Jahres versehentlich aus der Konzernzentrale tröpfelte. Das neue Spiel erscheint am 30. November 2012 pünktlich zum Launch exklusiv für Wii U. Auf der Basis aller bisherigen Informationen und anhand neuester Erkenntnisse präsentieren wir euch den möglichen Launch-Tipp heute erneut im Preview.

Die Welt der Sagen und Mythen
Rayman Legends ist immer noch ein 2D-Abenteuer mit Rayman und Freunden – doch auf den ersten Blick sieht das Spiel frischer aus, als es ein direktes Sequel normalerweise tut. Zuallererst haben die Franzosen dem wiederauferstandenen Traditionsmaskottchen einen neuen Grafikanstrich spendiert. Die irren Animationen und Gegnergestalten bleiben gleich exzentrisch, doch die Charaktere sind noch einmal stärker cartoonifiziert und detailliert, während sie in satteren Farben glänzen. Auch 3D-Modelle mischen sich immer häufiger in die flachen Welten – dicke Drachen gleiten durch das Bild und auch die verschiedenen Level-Ebenen bieten sich als Spielplätze an.


Immerhin befindet sich die heldenhafte Equipe aber auch in einem ganz anderen Zeitalter, durch das Spieler erneut nicht nur Rayman, sondern auch diverse Chameo-Charaktere steuern dürfen. Wo sich durch Rayman Origins noch das Motiv einer verträumten Fantasiewelt zog, muss sich diesmal die mythische Welt der Sagen und Legenden retten lassen. Ritter, Drachen und rüstige Wikinger gehören zum optischen Repertoire und umrahmen die üblichen einfalls- und abwechslungsreichen Schauplätze: Feurige Tiefen, schaurige Kerker und düstere Knochenwelten bieten sich zum Erkunden und Umkrempeln an.

Gestatten: Murphy
Die größte Neuerung realisiert Ubisoft auf dem Wii U GamePad – und dabei vor allem im kooperativen Multiplayer-Modus für bis zu fünf Spieler. Auf dem Controller-Bildschirm stellt sich die komplette Jump & Run Szenerie wie auf dem Fernseher dar. Parallel spielen vier Freunde mit der Wii-Remote auf dem großen Screen. Der GamePad-Spieler steuert keinen der Haupthüpfer durch die Levels, sondern kontrolliert ein kleines Helferwesen namens Murphy. Dieser lustige Zeitgenosse flitzt von einem Punkt im Level zum nächsten, wenn der Spieler den Touchscreen berührt. Er aktiviert Lums, die in der Umgebung verstreut liegen, bewegt Plattformen, ebnet den Weg oder irritiert gigantische Gegner, sodass die Kollegen eine Chance zum Angriff bekommen.

Ubisoft beschreibt dieses Spieldesign wie einen interaktiven Level-Editor. Der Spieler kann das Hüpfterrain nach Belieben verändern und muss neue Wege öffnen oder alte verschließen. Murphy wird dringend benötigt, um einige Levels bewältigen zu können, ohne den kleinen Helfer geht es ab und zu einfach nicht weiter.


Fragezeichen: Singleplayer
Dies hat logischerweise auch direkte Auswirkungen auf den Einzelspielermodus von Rayman Legends: Was passiert, wenn man allein spielen möchte und gerade keine Freunde um sich schart, die das Zusammenspiel zwischen Murphy auf dem GamePad und Hüpfern auf den klassischen Controllern zur vollen Entfaltung bringen?

Ubisoft thematisiert diese Frage ganz bewusst nicht: Denn die Entwickler haben für Rayman Legends offenbar eine weitreichende Design-Entscheidung getroffen, die konsequent und stringent ist, aber auf viel Unverständnis stoßen könnte: Nach aktuellem Erkenntnisstand sieht es so aus, als sei Rayman Legends hauptsächlich als Multiplayer-Spiel angelegt, das zugunsten seiner Vielspieler-Dynamik Abstriche im Singleplayer-Modus in Kauf nimmt.


Wer ohne Freunde auf dem GamePad spielt, wird einem Interview mit einem Entwickler zufolge weiterhin die Kontrolle über Murphy übernehmen und mit ihm Wege öffnen, Lums aktivieren oder Feinde ärgern. Rayman läuft unterdessen automatisch und vom Computer gesteuert. Die Figur reagiert auf das, was der Spieler ihm auf dem Touchscreen kredenzt: ein passiver Einzelspielermodus. Ein möglicher Trick dagegen: Ein Spieler spielt gleichzeitig mit der Wii-Remote und bedient den Touchscreen – allerdings ist dieses Vortäuschen des Zwei-Spieler-Modus ein umständliches Unterfangen.

„Ein großer Teil“ des ganzen Spiels wird so über die Bühne gehen – wohl etwa 40%. Diese Levels wurden gezielt mit dem Multiplayer-Modus im Hinterkopf entwickelt und basieren so stark auf Murphys-Fähigkeiten, dass ein Weiterkommen ohne den kleinen Hilfscharakter nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich wäre. Man müsste sich ohne Murphy beispielsweise damit abfinden, bestimmte Verstecke gar nicht zu erreichen, eingestreute Minispiele nicht spielen zu können, oder aber mit erheblichen Einschränkungen in der Spielgeschwindigkeit leben, weil man ständig zwischen Jump & Run-Gameplay und Touchscreen wechseln müsste. Dabei war es gerade diese Spielgeschwindigkeit, die Rayman Origins zu einem so bemerkenswerten Jump & Run gemacht hat.

In etwa der Hälfte der Levels werden Spieler dennoch wie gewohnt in Raymans virtuellen Torso schlüpfen und selbst steuern. Nur zwischendurch müssen sie vereinzelt als Murphy auf dem Touchscreen agieren, um bestimmte Mechanismen zu betätigen. In diesen weniger multiplayer-lastigen Stages will Ubisoft die Möglichkeit zu klassischem Singleplayer-Gameplay wahren. Es bleibt nun abzuwarten, wie die Entwickler auf das empörte Fan-Echo zum Einzelspielermodus reagieren und ob sie sich eventuell eine andere Lösung als einen Automatik-Rayman einfallen lassen, ohne dafür die Seele des Titels, den schnellen Spielfluss, aufs Spiel zu setzen.

 
Was ist mit den Lecks?
Unterdessen fragen sich Fans mit Blick auf den Trailer vom März, der Ubisoft angeblich versehentlich und ungewollt an die Öffentlichkeit gerutscht ist, was das Spiel noch zu bieten hat. Damals war die Rede von NFC-Features, die Figuren ins Spiel transportieren sollten, um dort Extras und Hilfen zu erhalten. Angekündigt und gezeigt wurden auch Online-Multiplayer-Minispiele und Soziale Features.


Ubisoft hat allerdings bislang kein weiteres Wort darüber verloren - diese Extras werden es nicht mehr ins fertige Spiel schaffen: Auf jeden Fall gibt es keine NFC-Features mehr, auch ein Online-Modus ist nicht mehr in Sicht. Obwohl spätere Updates via DLC nicht ausgeschlossen sind, sollte man sie sich vorerst abschminken. Das dürfte der recht spontanen Entscheidung geschuldet sein, Rayman Legends doch als Exklusivtitel für Wii U anzulegen. Vieles deutet darauf hin, dass der Titel ursprünglich als Multiplattform-Spiel geplant war, das eigentlich erst 2013 erscheinen sollte. Im Gegenzug für die Wii U-Exklusivität und den damit verbundenen früheren Launch strich man einige Features und bog das Spieldesign stärker in Richtung Multiplayer. Es bleibt ein etwas flaues Gefühl im Magen – denn bei Nachfolgern, die nur ein Jahr nach dem Erstling erscheinen, darf man regelmäßig durchaus skeptisch sein. Normalerweise braucht es wesentlich mehr als ein Jahr, um ein richtig gutes Spiel zu entwickeln.


Neben diesen vielen Fragezeichen stehen glücklicherweise aber auch genügend Ausrufezeichen: Wie schon bei Rayman Origins sitzen auch hier wieder die Entwickler um das französische Genie Michel Ancel an der Arbeit – und wahrscheinlich hat die Entwicklung lange vor dem Release von Rayman Origins bereits begonnen, obwohl man sich des Erfolgs des Erstlings damals noch nicht ganz sicher sein konnte.

Fazit:
Die Exklusivität zum Launch von Wii U scheint Rayman einige Opfer abverlangt zu haben. Stilistisch sieht das Spiel weiterhin überragend gut aus. Spielerisch jedoch konzentriert sich Rayman Legends deutlich stärker in Richtung Multiplayer-Modus. Wer das Spiel allein genießen möchte, muss gewisse Abstriche und Kompromisse hinnehmen und sich mit dem eher passiven Gameplay auf dem Touchscreen zufriedengeben, während Rayman automatisch durch die Levels läuft. Etwa die Hälfte des Spiels können nur Gruppen so schnell und flüssig spielen, wie die Entwickler sich das vorstellen. Wer diesen Multiplayer-Modus mit spielfreudigen Gamer-Freunden und einer entsprechenden Anzahl an Zweitcontrollern regelmäßig genießen kann, der wird mit Rayman Legends einen Heidenspaß haben: das kreative Zusammenspiel aus Comic-Grafiken und Irrwitz-Musik wird in Verbindung mit einfallsreichem, abwechslungsreichem Level-Design auch diesmal zum Feuerwerk zünden. Einzelspieler müssen dagegen abwarten, ob Rayman Legends den rasanten Ursprüngen von Rayman Origins trotz der Neuorientierung treu bleiben kann und auch für sie genug bereithält, um zum Launch-Konkurrenten von New Super Mario Bros. U aufsteigen zu können.

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