Das Miiverse schafft es in die Galerie

Von Tim Herrmann am 28. März 2013

Was bei Facebook das obligatorische Handybild von Mittag- / Abend- / Festtagsessen oder der schnelle Post über die aktuelle Tageslaune ist, das ist im Miiverse ein „Bye Bye, Bowser!“, eine herzerwärmende Petition für ein neues (Indie-)Spiel oder die hurtige Huldigung einer besonderen Leistung. Kurze Kommentare, die ständige Jagd nach dem schnellen „Yeah!“ und die Sehnsucht nach ein bisschen Anerkennung aus der Community – Social-Media-Alltag, auch in Nintendos Sozialem Netzwerk für Wii U. Das Miiverse lässt Gleichgesinnte über die Konsole miteinander kommunizieren. Dabei entsteht viel Stumpfsinniges, einiges Bemerkenswertes, manches Nutzloses, ab und zu auch Hilfreiches  – und echte Kunst.

Im Gegensatz zu anderen Sozialen Netzwerken erlaubt es das Miiverse auch, Bilder, Botschaften oder Texte frei mit der Hand zu zeichnen und das Ergebnis direkt zu posten. Nintendo findet den Gedanken von künstlerisch engagierten Spielern schon seit langem charmant, man erinnere sich nur an die völlig sinnlose PictoChat-App, die auf jedem Nintendo DS vorinstalliert war. Oder das wesentlich ernsthaftere ArtAcademy, das Spielern Zeichentechniken näherbringen wollte. Flipnote Studio erlaubte es ihnen dann sogar, kleine Daumenkinos zu zeichnen.

Ausgerechnet die technisch vergleichsweise beschränkte Zeichenfunktion im Miiverse hat jetzt aber eine echte Bewegung ins Rollen gebracht, mit der wohl nicht einmal Nintendo selbst gerechnet hat. Mit akribisch angefertigten Pixelwerken ziehen Künstler weltweit Aufmerksamkeit auf sich. Hunderte „Yeahs“ können sie auf ihre Posts vereinen, ihre Freundesliste ist längst voll, die Follower-Zahl geht in die Tausenden. Jetzt schafft es die vielfältige Kunst aus dem Miiverse sogar aus der Virtualität der Wii U-Konsole heraus und in eine echte Ausstellung im Nürnberger Kunstbunker.

Patrick Ruckdeschel hat das Projekt unter dem Namen „Printing Miiverse“ angestoßen. Er ist einer der Miiverse-Künstler, mehr als 100.000 Yeahs haben seine Werke auf der Plattform in nicht einmal einem halben Jahr gesammelt. Ebenso viele hat er an Kollegen verteilt. Auf der Internet-Plattform miiverseart.com hat Ruckdeschel die Idee einer realen Kunstausstellung ins Leben gerufen. Bei den Zeichnern kam das gleich gut an. Ohne größere Vorbehalte gaben die meisten begeistert zu verstehen, dass sie sich darüber freuen würden, Teil der Vernissage zu sein, die am 04. Mai 2013 im Rahmen der „Blauen Nacht“ in Nürnberg stattfindet.

„Das ist alles vollkommen non-profit“, betont Ruckdeschel, der selbst Kunst studiert hat und das Medium Videospiel in diesem Kontext weiterhin intensiv bearbeitet. „Das Miiverse ist ein riesiges Kunstarchiv und gleichzeitig eine Plattform, um sich über die Werke auszutauschen. Jeden Tag kommen hunderte neue Zeichnungen dazu, von Hobbyzeichnern, aber auch bekannten Künstlern – eine regelrechte popkulturelle Kunstenklave“, schwärmt er.

Tatsächlich ist das Miiverse voll mit diversen unterschiedlichen Kunstwerken und Stilrichtungen: Dem normalen Nintendo-Fan dürften dabei die Motive aus der Videospielwelt am bekanntesten vorkommen. In einem WiiUX-Gewinnspiel haben sich selbst unsere Leser schon an solchen Motiven versucht. Und auch im restlichen Miiverse inspirieren The Legend of Zelda oder Super Mario auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Die Palette beschränkt sich aber nicht auf Hyrule und das Pilzkönigreich: „Von Pokémon bis zum 11. September ist alles dabei“. Mal stehen vertraute Szenen und Gesichter im Vordergrund, mal bekannte Musik auf einem Notenblatt. Wer schon einmal versucht hat, auf dem Wii U GamePad eine gerade Linie zu zeichnen, wird wissen, wie viel Zeit und Mühe in ein solches Werk geflossen sein müssen.

Pixel Perfect Approach“ ist das Stichwort. Wer diese Maxime der Miiverse-Kunst verfolgt, lässt nicht locker, ehe jeder Bildpunkt an genau der richtigen und gewollten Stelle sitzt. Auf dem Touchscreen des Wii U GamePads ist das wahre Uhrmacherarbeit. Kein Wunder, dass einige User sich dem Pixel Perfect Approach bereits aktiv verwehren – und auch aus dieser Botschaft wiederum ein Miiverse-Kunstwerk basteln, das sie ins Netzwerk posten.

Ohne perfekte Pixel würden wieder andere Ideen der Miiverse-Kunst gar nicht funktionieren. Viele Künstler spielen nicht mit klassischen Motiven, sondern stattdessen mit Formen, Perspektiven oder Schattenwürfen; sie füllen das kleine Miiverse-Rechteck mit optischen Täuschungen und anderen erstaunlichen Entwürfe. Teilweise stellen sich die Werke dabei selbst die Frage, was auf dem Touchscreen eigentlich möglich ist.

In der Ausstellung im Nürnberger Kunstbunker werden die Miiverse-Kreationen sowohl einzeln ausgedruckt als auch in sogenannten Grids zu sehen sein. Grids bestehen aus thematisch oder stilistisch ähnlichen Zeichnungen, die in unterschiedlicher Größe und Zusammenstellung die ganze Bandbreite der Miiverse-Kunst verdeutlichen sollen. „Der Trip ins Miiverse ist für uns eine Möglichkeit, digitale Subkulturen offenzulegen und die Leistung der dort tätigen Künstler zu würdigen, die mehrheitlich allenfalls popkulturelle Kunsterfahrungen haben“, erklärt Ruckdeschel, der mittlerweile fast 10.000 Zeichnungen im Miiverse begutachtet hat. Auch Nintendo ist mittlerweile auf die Aktion aufmerksam geworden und unterstützt sie finanziell und mit Wii U-Konsolen.

Das Miiverse schafft es also schon wenige Monate nach dem Start der Wii U-Konsole in die Realität und in eine renommierte Halle der moderne Kunst. Wenn man sieht, wie Künstler die beschränkten Möglichkeiten des Miiverse schon heute für ihre Entwürfe nutzen, kann man gespannt darauf sein, was in den nächsten Jahren seiner Existenz noch möglich gemacht wird. Bis zum Start der Ausstellung im Nürnberger Kunstbunker am 04. Mai 2013 halten wir euch weiter kontinuierlich auf dem Laufenden und präsentieren euch die neuesten Entwürfe, die es in die Ausstellung schaffen werden.

In einer Bildergalerie haben wir für euch noch zahlreiche weitere Werke zusammengestellt. Klickt hier, um in die Galerie zu gelangen.

Vielen Dank an Patrick Ruckdeschel, der den Anstoß zu diesem Special und zur Ausstellung gegeben hat.

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