Hands-On: Rayman Legends

Das Thema Rayman Legends ist kein leichtes. Zu groß war der Schock nach der unerwarteten Verschiebung und der Entscheidung, den Titel auch für PlayStation 3, Xbox 360 und neuerdings auch PlayStation Vita zu veröffentlichen. Die einstigen großen Hoffnungen, die seitens der Wii U-Gemeinde in das neue und exklusive Hüpfabenteuer von Rayman gesetzt wurden, wichen einem wahren Sturm der Entrüstung, der nicht nur in unserer Community unermüdlich wütete. Sogar von einem organisierten Boykott des Spiels und anderer Titel von Ubisoft war die Rede. Doch nicht nur die Spieler waren sichtlich erregt. Auch die Entwickler selbst waren mit der Entscheidung des Pariser Hauptquartiers nicht einverstanden. Schließlich hatten sie in den vergangenen Monaten fast täglich Überstunden eingelegt, um den Titel fertigzustellen.

So kam es in einer bis dato einmaligen Aktion dazu, dass die zuständigen Entwickler von Ubisoft Montpellier rund um Michel Ancel im Februar öffentlich und medienwirksam gegen die Entscheidung protestierten. Einige Entwickler des Studios ließen sich sogar hinter einem großen Plakat eines Fans mit der Aufschrift „Sortez nous Rayman" (zu Deutsch: „gebt uns Rayman frei“) ablichten. Der Unmut der Entwickler war sonnenklar: Das Team war von seinem Spiel überzeugt und hatte sich darauf gefreut, Rayman Legends in einer fast konkurrenzlosen Phase auf den Markt zu bringen, zumal auch die Wii U-Spieler gerade ungeduldig nach neuen Spielen trachteten. Warum aber auch die Entscheidung von Ubisoft aus rein wirtschaftlicher Sicht betrachtet dennoch verständlich war, haben wir bereits in unserem Special (klick) analysiert.

Die Wahrnehmung von Rayman Legends in der Öffentlichkeit hat sich seitdem grundlegend verändert. Doch gerade eines ist glücklicherweise geblieben: die sehr gute Qualität des Spiels. Ubisoft hat uns nach Düsseldorf eingeladen, um uns in kleinem Kreis einen weiteren Eindruck vom aktuellen Stand des Hüpfspiels zu geben. Neben den Premieren der anderen Versionen des Spiels haben wir uns natürlich vor allem auf die Wii U-Version des Spiels gestürzt, die nach wie vor mit einigen exklusiven Gameplay-Raffinessen daherkommt. Insgesamt drei Level waren für uns spielbar.

Eye of the Tiger
Das erste anspielbare Level hieß Mariachi Madness. Ubisoft hatte es bereits vor einiger Zeit in einem Trailer kurz vorgestellt. Passend zum Kult-Hit "Eye of the Tiger" hangeln wir uns mit der Axt-Kriegerin Barbara durch das mexikanisch angehauchte Musik-Level, wobei die Bewegungen und Sprungabschnitte genau auf den Takt des Musikstückes abgestimmt sind. Koordiniertes Timing und ein schneller Finger auf der Sprung- und Schlagtaste des Wii U Pro Controllers sind hier Pflicht, um die schnell scrollende Musiksequenz schadlos zu überstehen. Denn nur wer im Takt der Musik springt und den zahlreichen Gegnern rechtzeitig die Fäuste ins Gesicht rammt, bleibt nicht hängen. Seid ihr doch einmal zu langsam, geht es an einem der fair verteilten Checkpoints erneut los.

Gleichzeitig agiert im Multiplayer ein weiterer Spieler am Wii U GamePad und steuert den schwebenden Grinsefrosch Murphy. Die Aufgabe des zweiten Spielers sind die rhythmisch auftauchenden Lums, die liebevoll um die Wette trällern, tanzen und darauf warten, eingesammelt zu werden. Mit dem Touchpen muss Murphy sie lila einfärben. Dann zählen sie gleich doppelt so viel.

Die gesammelten Lums entscheiden über Trophäen, die es am Ende eines Levels gibt. Die bronze-, silber- oder sogar goldfarbenen Henkelpötte sorgen für zusätzliche Motivation, die unzähligen Level gründlich auf den Kopf zu stellen. Daneben lassen sich an fast jeder Ecke putzige Teensies aus Käfigen oder direkt aus den Klauen der Feinde befreien, was sich in weiteren Trophäen niederschlägt. In Mariachi Madness liegen die Teensies noch allesamt gut sichtbar auf dem Weg. Klar, der ist hier ja auch noch völlig linear, doch im nächsten Level sieht das schon gleich ganz anders aus.

Murphy – Kooperativer Multiplayer-Spaß
Nachdem der Musik-Hüpf-Mix im Mexiko-Gewand uns stellenweise bereits ordentlich gefordert hatte, klang die folgende Ankündigung von Ubisoft fast höhnisch: Das zweite Level sei angeblich noch eine gute Ecke schwieriger! Die schnell aufkommende Panik sollte sich glücklicherweise als ungerechtfertigt erweisen; der nächste Abschnitt gibt sich deutlich entspannter, ohne dabei zu langweilen. An die Stelle schneller Reflexe treten hier nämlich geschicktes Schleichen und ein offenes Auge für all die kleinen, versteckten Geheimnisse, die es zu entdecken gibt.

Während unseres ersten Durchlaufs versuchten wir uns erneut an der Kombination aus Barbara (Standard-Controller) und Murphy (Touchscreen), die gemeinsam eine dunkle, versiffte Lagerhalle durchqueren. Einfache Feinde bilden dabei eine zu vernachlässigende Gefahr. Entweder zeigt Barbara den Fieslingen direkt, wozu eine Axt gut ist, wenn man gerade kein Feuerholz benötigt, oder Murphy kitzelt die Gegner. Dadurch werden sie komplett wehrlos und spucken auch mehr Lums aus.

Die wahre Gefahr droht jedoch in Form der tückischen Selbstschussanlagen. Tritt die Barbarin Barbara in einen Lichtkegel, dann bedeutet das mit ziemlicher Sicherheit den Rückweg zum letzten Checkpoint. Hier muss Murphy beweisen, wozu er und das Wii U-GamePad in der Lage sind: Seile werden gekappt, Rohre verschoben, Räder gedreht und Plattformen aktiviert. Was erst einmal banal klingen mag, artet schnell in angenehmes Chaos und die eine oder andere Kopfnuss aus, da wir als Murphy gelegentlich zwischen verschiedenen Objekten herumspringen, während unser Mitspieler ganz real umherhüpft und darauf baut, dass wir ihm im richtigen Moment den Weg ebnen. Wie bei jedem guten Koop-Spiel liegen gemeinsames Lachen und obszöne Beleidigungen zu jeder Zeit nah beieinander.

Im Anschluss haben wir uns noch einmal in Splinter Rayman Cell – wie wir es liebevoll nennen – geübt, um zu ermitteln, wie eigentlich die anderen Konsolen dieses doch sehr Wii U-zentrierte Erlebnis zu duplizieren versuchen. Soviel sei gesagt: Mit Touchscreen spielt sich Rayman Legends um einiges besser, doch auch auf der Nintendo-Plattform ist es möglich, komplett auf ihn zu verzichten. In diesem Fall übernimmt ein zweiter Spieler Rayman (oder einen anderen Charakter) statt Murphy, und wetzt Seite an Seite mit der holden Axtschwingerin durch das Areal. Ganz ohne Murphy geht es dann aber eben doch nicht, und so ruft der X-Knopf ab und zu unseren treuen Flügelfrosch herbei. Der kleine Kerl betätigt dann auf Knopfdruck das nächstgelegene Objekt, auf das er zugreifen kann, und bahnt uns so den weiteren Weg. Das ist eine nette Alternative, die zumindest das Weiterkommen ohne Touchscreen sichert, aber richtige Stimmung kommt dabei kaum auf, wenn wir einfach kontextsensitiv auf den immer gleichen Knopf drücken. Fans von Conker's Bad Fur Day werden sich noch über das kleine Wörtchen „kontextsensitiv“ freuen, alle anderen wünschen sich dagegen mehr spielerische Freiheit.

Gewitzter Endboss
Zum Abschluss fuhr Ubisoft noch einmal große Geschütze auf. Nach einigen Schritten im dritten Level entpuppt sich der Untergrund als metallener Asia-Drache, der sich weder auf der Nase noch auf dem Rücken herumtanzen lässt; ein Bosskampf also. Anders als bei der Konkurrenz üblich, inszeniert Rayman Legends den nicht als Klopperei in einem eng abgesteckten Areal, sondern streut selbst hier reichlich Abwechslung.

Natürlich ist auch hier das große Ziel, den schuppigen Flattermann letztlich in seine Einzelteile zu zerlegen, und zu diesem Zweck dürfen wir hier sogar Projektile schleudern. Doch zwischendurch haut der Drache immer wieder ab, sodass wir ihm über herabstürzende Plattformen folgen müssen. Auch die eigentlichen Duelle gegen den Boss verfallen dank unterschiedlicher Rahmenbedingungen nicht in Routine. Mal weichen wir seinem Laseratem über bewegliche Plattformen aus, bis wir den endlich schutzlosen Dachen ins Visier nehmen können. Dann wiederum weht ein starker, aufsteigender Luftstrom durch die Arena, und wir steigen kontrolliert auf und ab, verschanzen uns hinter umherfliegenden Rohren und haben gleichzeitig noch ein Auge auf kleinere Feinde. Das große Finale schließlich lässt uns an Seilen schwingen und unsere Hände schwitzen. Ein würdiger Abschluss für eine vielversprechende Demo.

Am Ende der Veranstaltung hatten wir zudem die Gelegenheit mit einigen Entwicklern von Ubisoft Montpellier zu sprechen. Diese waren sichtlich mit Spaß bei der Sache und konnten uns erfreulicherweise noch einmal bestätigen, dass die Wii U-Version in 1080p mit butterweichen 60 Frames pro Sekunden laufen wird. Bereits bekannt ist, dass man nicht nur Rayman, sondern auch diverse Cameo-Charaktere wie z.B. Barbara steuern kann. Die Entwickler bezifferten die Zahl der spielbaren Figuren auf über 25, zudem soll jede Version des Spiels einige exklusive Outfits für ausgewählte Protagonisten bereithalten.

Darüber hinaus hat man die zusätzliche Zeit dazu genutzt um neben kleineren Anpassungen vor allem den Spielumfang zu erhöhen. Mit über 100 Levels und einer Spieldauer von ungefähr 20 Stunden verspricht Rayman Legends das bislang umfangreichste Abenteuer des gliederlosen Helden zu werden.

Fazit:
Keine Frage: Die kurzfristige Verschiebung von Rayman Legends, die den Titel zeitgleich seine Wii U-Exklusivität kostete, war ein echter Schlag ins Gesicht. Dennoch muss man konstatieren, dass dies eine strategisch-wirtschaftliche Entscheidung der Führungsebene von Ubisoft war und nicht den Entwicklern selbst anzukreiden ist. Sie sind bei der Arbeit an Rayman Legends wirklich mit vollem Herzen dabei. Und dieses Herzblut merkt man dem Titel in allen Facetten an. Angefangen bei der gelungenen und mit sehr viel Liebe zum Detail ausgestatteten Optik über die grandiosen Charakteranimationen bis hin zum innovativen Einsatz der Features des Wii U GamePads, überschüttet uns Rayman Legends förmlich mit Gründen, den Geldbeutel zu zücken. Auch der Schwierigkeitsgrad mutet sehr ausbalanciert an. Unerfahrene Hüpffreunde übernehmen Murphy oder stürzen sich in die gemächlicheren Abschnitte, während Profis ordentlich an der Trophäenjagd knabbern. Einzig die gelegentlich etwas überbordenden Grafikeffekte in Verbindung mit dem sehr weichen Zeichenstil können manchmal etwas frustrieren, wenn die Augen kaum schnell genug mitkommen. Doch diese Kleinigkeit ändert selbstredend nichts an unserem äußert postiven Gesamteindruck. Wenn Rayman Legends die Qualität des bisher Gezeigten halten kann, fällt zumindest uns die Entscheidung zwischen Boykott und Support sehr leicht.

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1 Kommentare:


Santiagowinehouse
vor 8 Jahren | 0
Die Verschiebung ändert nichts an der Tatsache, dass das Spiel (wie ihr schreibt) sehr gut sein wird. Ich werde es mir holen, allerdings wahrscheinlich nicht sofort, da im Herbst/Winter so viele Spitzentitel kommen werden, dass ich zunächst andere Spiele zocken werde