WiiUX-Analyse: Nintendos QOL-Abenteuer

Von Tim Herrmann am 11. November 2014

Guter Schlaf ist nicht unbedingt das Erste, was ein Videospiel-Unternehmen wie Nintendo seinen Kunden bescheren sollte. Schlafende Spieler lassen nicht auf besonders fesselnde Unterhaltung schließen. Und doch ist es keine schockierende Überraschung, dass der japanische Publisher sich den Schlaf als erste Initiative in seinem neuen QOL-Programm ausgesucht hat. Die WiiUX-Analyse erklärt die Hintergründe der Neuankündigung und bewertet ihren Einfluss auf die Zukunft.

QOL – das steht für Quality of Life und soll ein neues Geschäftsfeld werden, das der 125 Jahre alte Gigant in den nächsten fünf bis zehn Jahren aufziehen möchte. Bislang ist QOL ein reines Investoren- und Zukunftsthema. Abseits der vierteljährlich stattfindenden Investor’s Relations-Briefings ist die Idee nie thematisiert worden. Auch eine offizielle Enthüllung steht noch aus. Neben dem klassischen Videospielgeschäft, das weiter im Fokus bleiben soll, will Nintendo unter der QOL-Sparte Geräte und passende Software auf den Markt bringen, die Nutzer auf motivierende und unterhaltsame Weise zu einem gesünderen Lebensstil erziehen. Mit dem Thema Gesundheit will Nintendo beginnen und dann weitere Aspekte der Lebensqualität bearbeiten. Klassische Konsolen, auf denen mehrere Software-Titel erscheinen, wird QOL aber nicht hervorbringen.

Ob Mario auch seine Lebensqualität verbessert?

Zusammenarbeit mit der Medizin

Schlaf ist nun also das erste große Thema. In Zusammenarbeit mit dem US-Unternehmen ResMed entwickelt Nintendo einen Radiofrequenzsensor, der nachts neben dem Bett platziert wird. Über Nacht misst er das Schlafverhalten und übermittelt die gesammelten Daten an einen Analyse-Server. Besonderen Wert legt Nintendo dabei auf seine sogenannten „Non-Sensing“-Faktoren: Das Gerät funktioniert ganz ohne Körperkontakt, soll sich unscheinbar ins Schlafzimmerambiente einfügen und einfach und ohne Verzögerungen zu bedienen und aufzubauen sein. Tagsüber bekommen die Nutzer die Auswertung. Eine Software gibt ihnen Tipps und Hinweise zu gesünderer Ernährung und einem ausgeglichenen Lebensstil, der langfristig ihre Schlafqualität erhöhen soll. Dazu hat man auch wieder japanische Wissenschaftlicher verpflichtet, die bei der fachlich-wissenschaftlichen Entwicklung der Software helfen werden.

Das Geschäft mit dem Schlaf ist grundsätzlich nichts Neues: Neben verschiedenen mehr oder weniger funktionalen Self-Management-Apps hat sich auch eine professionelle Branche um den Schlaf gebildet. Das in Australien gegründete Unternehmen ResMed, mit dem Nintendo jetzt kooperiert, arbeitet bereits seit 1989 an Geräten, die den nächtlichen Schlaf verbessern sollen. Dabei versteht sich ResMed als ganzheitlicher Schlaf-Experte, der von Luftfiltern über Atemschläuche bis hin zu den angesprochenen Radiowellen-Schlaftherapiegeräten allerhand medizinische Gerätschaften verkauft. Lifestyle-Produkte sehen aber anders aus. Schläuche und Schlafmasken wirken eher beklemmend und angsteinflößend, implizieren ernste Erkrankungen, Leid, Krankenhaus. Und einen gesellschaftlichen Hype gibt es um medizinische Schlaftechnologie auch (noch) nicht. 149 bis 1.300 Euro bezahlt man im ResMed-Online-Shop für eines der Schlafmessgeräte. Wie ein bunter Kontrast zur grauen Krankenhauswelt will der Mario-Hersteller an dieser Stelle ins Spiel kommen. Mit Miis und motivierender Aufmachung will Nintendo mehr Spaß und Unterhaltung in die Schlafforschung bringen. Das nachfolgende Video zeigt ein bereits erhältliches Produkt von ResMed, wie Nintendo es in abgewandelter und erweiterter Form selbst veröffentlichen möchte.

Die Nachfolger von Kawashima und Balance Board

Ernste Krankheiten kann und will das Unternehmen aus Kyoto ohnehin nicht therapieren, wohl aber diese oberflächliche Lebensberatung im Entertainment-Gewand anbieten, die in den vergangenen Jahren einen echten Boom ausgelöst hat. Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging, Wii Fit, die weniger bekannten Augen-, Gesichts-, Mathematik- oder Englischtrainer für den Nintendo DS und nicht zuletzt der gescheiterte Wii Vitality Sensor sind die besten Beispiele dafür, warum die aktuellen Ankündigungen für langjährige Beobachter nicht überraschend sein müssen. Lifestyle und Lebensberatung sind bei Nintendo seit langem ein Thema.

Die Wahrheit ist aber auch: Dr. Kawashima hat niemanden intelligenter gemacht. Wii Fit hat niemanden gesünder gemacht. Und der Vitality Sensor hätte niemandem mehr Entspannung beschert. Aber die Programme haben Aufmerksamkeit auf gesündere und aktivere Lebensstile gerichtet und Millionen Menschen zumindest kurzfristig dazu angeregt, mehr für sich zu tun. Dieses Ziel wird Nintendo auch mit seiner Schlafinitiative anpeilen. „Wir wollen einen neuen Blue Ocean erschließen“, hatte CEO Iwata bei der Vorstellung des QOL-Programms im Januar gesagt. Das Ziel ist also klar: Einen gesamtgesellschaftlichen Hype, wie ihn früher Wii Fit und Dr. Kawashima und ihre zahllosen Nachahmer ausgelöst haben, soll nun das Schlafprogramm in Gang setzen. Das wiederum soll die sprudelnden Einnahmequellen erschließen, die Nintendo im stetig härter werdenden Videospielgeschäft fehlen.

Nintendos QOL-Programm im Schnelldurchlauf: Mit Hilfe von Software und unscheinbarer Hardware will man die Lebensqualität verbessern. Bildquelle: Nintendo IR

Wii Fit ist tot

Diese Ausrichtung bedeutet aus Sicht der klassischen Nintendo-Kunden vor allem eines: Lifestyle-Programme wie Wii Fit werden in Zukunft nicht mehr auf Nintendo-Konsolen erscheinen, sondern im Rahmen einer QOL-Initiative; Wii Fit wäre als QOL-Produkt beispielsweise kein Spiel für eine stationäre Heimkonsole gewesen. Die Software wäre keine Wii-Disc gewesen, sondern eine Smartphone-App, entwickelt von Nintendos EAD-Studios in Kyoto. Sie hätte auch nicht einmalig 29,99€ gekostet, sondern etwa 5€ im Monat. Nintendo liebäugelt mit einem Abo-Modell für seine Schlaf-Software. Und das Balance Board hätte es einzeln im Laden zu kaufen gegeben. Auch bei der Schlafinitiative wird Nintendo die Software auf allgemein zugängliche Devices auslagern, zum Beispiel Smartphones oder Tablets. Gut möglich ist es dennoch, dass man optional auch die eigenen Konsolen einbindet.

Man ist auf der Führungsetage in Kyoto offenbar der Ansicht, dass man Wii Fit und Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging zu noch größeren Erfolgen hätte führen können, wenn sie nicht an ihre jeweiligen Konsolen gebunden gewesen wären. Die Spiele konnten sich schließlich nur so oft verkaufen, wie es auch Konsolen auf dem Markt gab; die Hardware war das Limit für den Erfolg dieser Software. Zwar haben sich Millionen von Menschen allein für die angesagte Lifestyle-Software eine Wii- oder DS-Konsole gekauft. Doch wie viele Menschen sind dem Trainings-Trend trotz Interesses ferngeblieben, weil sie keine Nintendo-Konsole hatten oder haben wollten? Diese Frage treibt Nintendo um.

Nun wollen die Japaner ihre erfolgreiche Lifestyle-Linie von ihren Konsolen entkoppeln. „Entfesseln“, könnte man auch sagen. Als Zugpferde für Wii & Co. taugten sie ohnehin nur bedingt. Denn die vielen Wii Fit-Mütter und Gehirn-Jogger, die sich einzig für die innovative neue Spielidee eine Konsole gekauft haben, sind als langfristige Kunden nicht erhalten geblieben. Das große, alte Nintendo-Ziel, Wii Fit-Spieler langfristig zu Zelda-Spielern zu entwickeln, ist in seiner letzten Konsequenz nie erreicht worden. Hohe Hardware-Verkaufszahlen nützen nur dann langfristig etwas, wenn auch die Software-Verkaufszahlen nachhaltig davon profitieren. Das ist das Geschäftsmodell einer modernen Spielekonsole.

Also, so die Überlegung, kann man die kräftigen Lifestyle-Ideen auch von den Konsolen lösen und dadurch günstiger und noch zugänglicher machen. Ein Wii Fit hätte abseits des Konsolen-Ökosystems vielleicht nur 50€ gekostet. Nutzer hätten nicht 30€ für die Disc-Software und 249€ für eine Konsole draufbezahlen müssen. Der Titel hätte sich mit einem solchen Preismodell vielleicht nicht nur 40 Millionen, sondern 80 Millionen Mal verkauft. Vielleicht.

Vielleicht aber auch nicht. Ob diese Rechnung wirklich aufgeht, wird sich zeigen müssen. Denn es sind nicht unbedingt nur die Konsolen, die von der Software profitieren. Auch die Spiele sonnten sich schließlich im Lichte einer bekannten Spielekonsole. Wäre Wii Fit wirklich so erfolgreich geworden, wenn nicht Millionen treuer Nintendo-Spieler die Idee in den Markt getragen hätten? Ist Nintendos Marketing gut genug, um ein komplett neues Geschäftsmodell zu vermarkten? Wo würden die Geräte im Elektronikfachmarkt überhaupt stehen? In den umsatzstarken Videospielecken? Wohl kaum. Irgendwo in der hinteren Ecke bei Medizintechnologie und Gesundheit? Werden die Kunden überhaupt dazu bereit sein, sich auch noch nachts messen zu lassen, nachdem sie tagsüber von Facebook, Google und Amazon digital ausgebeutet wurden? Das alles sind offene Fragen, die Nintendo in den nächsten fünf Jahren beantworten muss.

Daten über Nacht in die Cloud, am Tag in der Analyse: Nintendo will Kunden wie immer spielerisch beraten, erziehen und unterhalten. Bildquelle: Nintendo IR

Quid pro Quo?

Fest steht bereits, dass sich QOL und das Videospielbusiness nicht vollständig voneinander entkoppeln lassen, solange sie unter einem Dach bearbeitet werden. Um neue QOL-Software zu entwickeln, braucht Nintendo Entwickler. Die arbeiten in den EAD-Studios 2 und 5 und haben in den vergangenen Jahren Wii Fit, Wii Sports, Wii Play und Co. entwickelt. Wird QOL zu einem Riesenhit, muss Nintendo langfristig mehr Kapazitäten für die Entwicklung der passenden Apps bereitstellen – womöglich zu Lasten klassischer Spiele. Bringt QOL keine PS auf die Straße, muss sich der Publisher jahrelang zwischen zwei Geschäftsmodellen aufreiben, deren Zukunft ungewiss ist.

Doch ungewiss ist die Zukunft ohnehin. Und Nintendos Finanzreserven sind groß genug, um sich auszuprobieren und Risiken einzugehen. In seiner 125-jährigen Geschichte hat sich Nintendo mehrmals gewandelt. QOL wäre nicht die erste Nintendo-Erfindung, die alles verändert. QOL wäre auch nicht der erste Flop. 2015 sollen die ersten Produkte konkret werden und dann spätestens bis März 2016 erschienen sein.

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6 Kommentare:


JoWe
vor 7 Jahren | 0
Schöner Artikel, macht einen gut recherchierten Eindruck und den Seitenhieb auf Fratzenbuch, Gockel und Co fand ich gut - hehehe.
Ich bin auch mal gespannt, wie sich das entwickelt - fühle mich bei diesem Weg von Nintendo aber nicht als Zielgruppe und bleibe (noch) beim Zocken - das beschert mir "QoL" ;-)
Thx Tim

wal
vor 7 Jahren | 0
Alle wichtigen Fragen schön auf den Punkt gebracht.

ProG4M3r
vor 7 Jahren | 0
Ich brauche es nicht, ich werde es nicht kaufen, aber werde die Wii Fit, Sports und Play Reihen auch nicht vermissen wenn Nintendo diese Entwickler auf QOL Projekte ansetzt. Sollte das Kerngeschäft unter dem ganzem leiden würde jedoch gewaltig was schief laufen...
Im Endeffekt kann Nintendo auch wieder seine Taxi Sparte ausbuddeln, solange diese die Firma nicht schädigt und Geschäft mit den Videospielen nicht (negativ) beeinflusst.

Belphegor
vor 7 Jahren | 0
Mhhhh bin zwiegespalten von dem Artikel. Einige gute Ansätze (grad am Anfang), weichen dann doch großer Skepsis und Fragezeichen (vielleicht, vielleicht, vielleicht). Die letzten Absätze erinnern mich zu sehr an hätte, hätte, Fahradkette.

Zudem bleibt unbestritten das Millionen Kunden die Wii NUR auschließlich für Wii Fit gekauft haben und ob diese Kunden jemals zu einem "Zelda-Spieler" gemacht werden sollten ist auch nur reine Theorie. Ich glaube eher das das Konzept von Nintendo voll aufging und Millionen Kunden abseits von Mario und Zelda angesprochen wurde. Schaut Euch mal die VKs der "Coregamer" vor und nach der Wii an. Ohne dieses Konzept wäre es auch nur eine Standardkosnole für ca. 30 Millionen Kunden geworden und jetzt will Nintendo eben den nächsten großen Coup landen - was freu ich mich jetzt auf die kopierten Produkte der Konkurrenz sollte der Blue Ocean wirklich für Nintendo aufgehen. *fettgrins*

Tobsen
vor 7 Jahren | 0
Ich mochte die ganze "Touch Generations"-Geschichte des DS (ich habe auch die erwähnten Gesichts- und Augentrainings hier stehen), ebenso wie die "Wii Substantiv"-Spiele der Wii. Aber nur, weil sie eben Spiele bzw. Anwendungen für meine Nintendokonsolen waren. Ein extra Nintendogerät, das ich neben mein Bett stelle und das wirklich nur diese eine Aufgabe erfüllt, meinen Schlaf zu überwachen, werde ich mir nicht holen.
Solange sich am Spiele-Output für WiiU und 3DS (bzw. deren Nachfolger) durch diesen Schlafmonitor nichts ändert, soll es mir egal sein. Wenn aber irgendwie durchsickern sollte, dass z.B. ein Mario Party 11 oder Wii Sports Resort 2 nicht entwickelt werden, weil die Entwicklerkapazitäten für eine Box draufgehen, die meinen Herzschlag misst... da würde ich schon Brechreiz bekommen^^. Aber evtl. hat Nintendo ja auch eine Toilettenbrille in Entwicklung, die mich in solchen Fällen anfeuert oder berät.^^

Torben
vor 7 Jahren | 0
Ich denke mir immer "diese Idee kommt aus einem Land voller Arbeiter, Leuten mit Depressionen, hohen Suizid Raten etc." Wenn die Antwort im Schlaf liegt warum also nicht? Was ich wichtig im Artikel fande war die Wahrheit über Wii Fit und Co. Denn Nintendo hat immmer wieder bestätigt: es ist kein Ersatz, sondern ich würde sagen Motivator. Man will Sport machen, will sich aber nicht ins nächste Fitness Studio machen, dann war Wii Fit in diesem Moment eine Alternative bequem von zu Hause, aber kein Ersatz für den Waldlauf. Nintendo will auch kein neues Baldiparan (oder wie das heißt) entwickeln sondern auch hier wieder ein "Motivator". Tu was. änder was, aber mit Spaß bei der Sache :)