Kolumne: Die Wertungsdiskussion

Von Niko Schopinski am 30. Mai 2015

Als Spieletester hat man es heutzutage gar nicht so leicht. Klar, man kann die neuesten Blockbuster einige Wochen vor der sabbernd wartenden Käuferschaft zocken. Aus großer Kraft folgt aber auch große Verantwortung. Das haben wir ja glücklicherweise in „Spider-Man“ von Onkel Ben gelernt. Also stellen wir uns der Herausforderung. Nachdem wir geklärt haben, wer der kompetenteste Redakteur für das zu testende Spiel ist - oder nachdem Michi uns wegen Splatoon alle in den Wahnsinn getrieben hat - stolpern wir armen Würstchen auch schon brutal über den Testumfang: Was genau testen wir eigentlich? Wir haben uns ja leider schon daran gewöhnt, dass die meisten Spiele zum Start fehlerbehaftet sind. Einige sogar so sehr, dass man sie in der auf Disc vorliegenden Form im Grunde gar nicht spielen, geschweige denn seriös testen, kann. Aber dank der berüchtigten Day-One-Patches oder auch im Rahmen nachträglicher Updates lassen sich kleinere Bugs wie auch große Schnitzer problemlos fixen. Nehmen wir es ganz genau, so stellen wir uns aber die Frage: Welches Produkt testen wir? Installieren wir den Patch oder kappen wir für das Review den Online-Zugang der Konsole und testen nur das, was jeder Kunde auf der ausgelieferten Disc erhält?

Okay...ich sehe ja ein, dass Online-Modi und -funktionalitäten ohne Internetzugang und die aktuellste Software-Version sowieso nicht laufen würden. Außerdem sollten alle, die Wert auf Online-Zockerei legen, auch kein Problem damit haben, entsprechende Patches zu laden. Bleibt also die Frage, ob es sinnvoll sein könnte, reine Offline-Komponenten ungepatcht zu testen. Wer will schon „shitgestormt" werden, weil notorische Internetverweigerer plötzlich einen saftigen Gamebreaker in einem ungefixten Spiel entdecken? Na gut...die können uns aufgrund ihrer Netzlosigkeit ja ohnehin weder lesen, noch mit der virtuellen Mistgabel attackieren, also ist das Risiko für uns gering. Der Ärger für denjenigen, der aus seinem kleinen onlinelosen 50-Seelen-Dörfchen einen Tagesmarsch in die nächstgrößere Stadt durchmacht, um sich ein neues Videospiel zu kaufen, das nicht richtig funktioniert, ist theoretisch aber möglich. Wir haben ja immer noch die große Verantwortung im Hinterkopf. Sollten wir solche Dinge also doch testen und entsprechend verurteilen? Lassen wir die Kirche im Dorf: Wir nutzen in der Regel keine Brieftauben mehr und können uns logischerweise auch nicht über jeden putzigen Einzelfall den Kopf zermartern. Absolute Vollkommenheit wird uns wohl nicht zuteil werden.

Installieren wir also zähneknirschend den Day-One-Patch und starten unseren Test. Aber die moderne Zeit hält weitere Wirrungen und Herausforderungen für uns bereit. Wie genau beurteilen wir eigentlich Splatoon? Um eines vorwegzunehmen: Redaktionsintern gab es hitzige Diskussionen über die Bewertung von Nintendos neuer Franchise. Das Spiel lebt ja überwiegend von wilden Online-Schlachten. Seriös lassen sich diese aber erst nach Release bewerten, wenn die Server unter Volllast laufen, sämtliche Spielmodi funktionieren und die Dynamik der Partien mit verschiedensten Gegnern und Mitspielern ein wirklich aussagekräftiges Bild zeichnet.

"Also Freunde, wann bringen wir den Test? Wir wollen ja eigentlich pünktlich zum Ablauf des Embargos ein Review anbieten.“ "Gibt es dann schon eine fixe Note? Oder nur eine Wertungstendenz? Und wie verfahren wir mit Inhalten und Features, die zwar angekündigt, zum Erscheinen des Spiels aber noch nicht verfügbar sind?" Eindeutige Antwort: „Was nicht dabei ist, wird auch nicht berücksichtigt.“

Kleiner Schwenk zu Sonys DriveClub: Dieses Spiel wirkte zum Start recht unfertig und ein Wettersystem, das zu Beginn nicht dabei ist, lässt sich eben genausowenig in die Wertung einbeziehen, wie zusätzliche Arenen oder Matchmaking mit Freunden, welche bei Splatoon ebenfalls erst nachträglich integriert werden sollen. Hoffen wir also, dass Nintendos Farbshooter wenigstens sauber und flüssig läuft. DriveClub war für längere Zeit ein abschreckendes Beispiel für ein Spiel mit Fokus auf Online-Funktionalität, welche aber aufgrund schlampiger Programmierung und/oder schlecht eingestellter Server nicht oder kaum zur Verfügung stand.

Einigen wir uns also auf einen Testbericht zum Ablauf des Embargos mit dem zu diesem Zeitpunkt enthaltenen Umfang, lassen aber die Endnote noch offen. Diese wird erst ergänzt, wenn die abschließende Meinung des Testers steht. "Ach Mist, wie verfahren wir denn mit den Bonusinhalten, die nur mithilfe der passenden amiibos freigeschaltet werden? Die dürften doch auch schon auf der Disc enthalten sein. Dann müssten wir sie doch eigentlich auch berücksichtigen, oder?" "Hmmm...eigentlich ist es ja hübsch verpackter kostenpflichtiger Download-Content, wenn sich diese Inhalte nur mit entsprechendem amiibo freischalten lassen. So etwas finden wir doch eigentlich gar nicht so toll. Sollen wir dies nun anprangern und entsprechend abwerten?" Schließlich sind hier Inhalte aus dem Kaufumfang des Spiels nicht ohne weitere Zukäufe nutzbar. Und diesmal handelt es sich nicht einmal um irgendwelche Dekorationsartikel, wie alberne Helme oder sonstige Skins, sondern um Spielinhalte in Form bestimmter Herausforderungen. Da sich die amiibos großer Beliebtheit und Sammelwut erfreuen, dürfte das vielen Fans egal sein. Wir als Tester werden die weitere Entwicklung aber kritisch beobachten und zweifelhaftes Aufdrängen der kleinen Figuren notfalls auch abstrafen. Ihr wisst schon, die Sache mit der Verantwortung.

Letzter Diskussionspunkt: Da wir nun wissen, welchen Umfang wir für unseren Test berücksichtigen werden, können wir diesen jetzt endlich bewerten. Nimmt man die rosarote Nintendobrille ab, so muss man eingestehen, dass Splatoon bei aller Liebe und Frische, die in diesem Spiel stecken, zum Releasezeitpunkt doch etwas mager ausgestattet ist. Wenn wir uns noch einen kleinen Blick über den Tellerrand erlauben, so fällt uns wieder ein, dass es bei dem Titel Evolve (nicht für Wii U erhältlich) doch sehr ausufernde Diskussionen in Bezug auf das Preis-Leistungsverhältnis und die Gestaltung von kostenplichtigen Downloads gab. "Also doch abwerten?" "Nein", grätscht der Kollege rechtzeitig dazwischen. "Bedenkt mal, dass Splatoon nur knapp 40 Euro kostet. Dafür ist der Content doch in Ordnung. Außerdem ist die Qualität eh wichtiger, als die Quantität. Und es wurden längst Gratis-Erweiterungen in Aussicht gestellt." "Aber wie sollen wir denn Inhalte bewerten, die wir noch gar nicht kennen?"

Ihr merkt schon, jetzt drehen wir uns im Kreis. Letztendlich muss derjenige entscheiden, der das Review mit seinem Namen unterschreibt. In Zeiten, in denen Spiele immer häufiger wie Early-Access-Titel veröffentlicht werden und dann nachträglich beim Kunden weiterreifen - Stichwort Bananaware - ist die seriöse Bewertung eines Videospiels gar nicht mehr so einfach. Dazu müssen auch diverse Bezahlkonzepte für Zusatzinhalte entlarvt und der entsprechende Gegenwert eingeordnet werden. Aber machen wir uns nichts vor: Jedes noch so gute, und von allen Seiten beleuchtende Review, ist subjektiv. Komplette Objektivität kann und wird es hier niemals geben. Umso wichtiger ist dabei, dass der Tester ein Spiel im Rahmen seines Genreumfelds und der vermeintlichen Zielgruppe möglichst gut analysieren und entsprechende Hinweise im Reviewtext geben kann.

Für die Würdigung eines fantastischen Spiels und auch als Qualitätswarnung ist die Endnote natürlich ein mächtiges und wichtiges Instrument. Bei der Komplexität der Software und vor allem durch die "modernen" Releasemodalitäten lässt sich die zu vergebene Note aber gelegentlich schwierig festlegen und ist eher als Richtwert zu betrachten. Sehen wir das Positive an der aktuellen Entwicklung: Dem erarbeiteten Text des Redakteurs kommt so eine immer größere Bedeutung zu und die Zahl am Ende kann den Gesamteindruck nur noch bestätigen. Entsprechende Hinweise, welche Formen das Spiel nach Release noch annehmen kann oder wird, kann die Note nicht vermitteln. So sind die für den Kauf relevanten Informationen im Text zu finden.

Denn ob ein Spiel euren persönlichen Geschmack trifft, lässt sich in letzter Konsequenz weder an einer 7.0 noch an einer 9.5 ablesen.

 

Nehmt gern an unserer Wertungsdiskussion teil. Wie würdet ihr aktuelle Spiele hinsichtlich Qualität, Spaßfaktor, Vollständigkeit und DLC- und/oder amiibo-Einbindung bewerten?

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6 Kommentare:


Pogopuschel
vor 3 Jahren | 0
Guter Artikel!

Christian xy
vor 3 Jahren | 0
Bewertet sollte das werden was vorhanden ist und zwar ohne Patches. Online Kompotenten werden dann aber natürlich online getestet.

Chris
vor 3 Jahren | 0
Kostenpflichtiger DLC und amiibo sollten meiner Meinung nach ganz klar komplett für sich bewertet werden.

Eine Ausnahme ist, wenn amiibo/DLC das Spielerlebnis von Leuten negativ beeinflussen, die nur das Hauptspiel besitzen. Das heißt wenn man z.B. durch amiibo übermächtige Ausrüstung für den Multiplayer freischaltet. Wenn Nintendo Inhalte für amiibo versperrt ist das natürlich dem Umfang des Hauptspiels nicht zuträglich und kann der Wertung so indirekt schaden, aber grundsätzlich würde ich amiibo-Features nicht bewerten.

Es ist finde ich schon gut amiibos/kostenpflichtiger DLC/kommende Updates im Review zu erwähnen und seine Einschätzung zu geben, um den Leuten einen besseren Überblick zu verschaffen, jedoch hat so etwas in der Wertung finde ich nichts zu suchen. Eben weil es entweder nicht im Preis enthalten oder weil noch nicht da ist.

Bei so einem Review sollte meiner Meinung nach das Hauptspiel (+ alle bis dahin zur Verfügung stehenden kostenfreien Updates) bewertet werden. Ich finde Zahlenwertungen aber eh doof.

Falls es sich die User wünschen könnte ich mir eine zusätzliche Rubrik vorstellen, in der man bestimmte amiibo (vllt. auch mit DLC/Updates), deren Nutzen und Preis-/Leistungsverhältnis näher beleuchtet.

Tatze
vor 3 Jahren | 0
Zum Thema Amiibos kann man keine allgemein gültige Aussage treffen.
Das muss von Spiel zu Spiel entschieden werden.
Bei Mario Party und Splatoon ist es ziemlich offensichtlich das
auf Kosten der Spieler ganze Teile des Spiels in einen Amiibo gepresst wurden. Es war bei DLCs absolutes no go also sollte man hier nicht weich
werden. Dementsprechend sollte es auch in die Wertung einfliessen dürfen.


Preis/Leistung eines Amiibos in seiner Gesamtheit kann man nicht bewerten.
Das geht nur wenn man davon ausgeht das jeder jedes Spiel besitzt.
Es macht nur Sinn es für jedes Spiels einzeln zu betrachten.
Von daher ganz klar gegen solch eine Amiibo Rubrik.

Chris
vor 3 Jahren | 0
Alle amiibo-Inhalte sind auf Kosten des Hauptspiels rausgeschnitten... ich finde amiibo auch doof und unterstütze das nicht.

Diesen amiibo-Modus aus Mario Party würde ich bei der Bewertung des Hauptspiels einfach ignorieren... versteh nicht das Problem. Man bewertet eben das, was man verkauft bekommt. Ich hätte auch gerne "alles", jedoch ist es doch die Entscheidung der Hersteller, wie sie ihre Preisgestaltung machen.

Wenn sie den Umfang ihres Spiels künstlich verringern wollen (was die Wertung in Sachen Umfang indirekt dann eben doch beeinflusst), dann können sie das tun.

Willst du aus Protest davor das eigentliche Spiel schlechter bewerten als es ist?

Tatze
vor 3 Jahren | 0
Ich bezweifle stark dass sowas wie die Kostüme in Mario Kart oder
die Woll Yoshis ansonsten reinkommen würden.
Ansich passt es gar nicht dazu. Ist dementsprechend ein Gimmick.

Richtige Spielinhalte - wie eben der Amiibo Modus oder die Herausforderungen sind da jawohl kaum mit vergleichbar.

Und ja ich würde es schlechter bewerten wenn es ganz offensichtlich
ist dass man sich das Spiel zusammen kaufen muss.
Und genau dieses Gefühl hat man insbesondere bei Mario Party wo
direkt im Menü ein dicker Button gleichwertig neben den beiden anderen
ist welcher aber nicht für mich benutzbar ist.

Wobei man natürlich auch darauf achten sollte WAS man bewertet.
Wenn man in Kategorien unterteilt bewertet kann man bei Umfang dies
ganz klar bemängeln.