Ein Digital Event für die Investoren

Von Andreas Held am 23. Juni 2015

Einige schreien es nach dem Digital Event schon von den Dächern: Nintendo stecke in der Krise, habe aktuell nicht mehr die Ressourcen um große AAA-Produktionen zu stemmen, und man müsse sich um die Zukunft des Konzers Gedanken machen. Aber muss man das wirklich - oder ist das Digital Event nur ein Hinweis auf ein Problem, das die gesamte Games-Branche betrifft?

Die Investoren - die wirtschaftlich wichtigste Zielgruppe, mit der Nintendo in der Vergangenheit arge Probleme hatte - dürften die Meldungen in diesem Jahr mit Wonne verfolgt haben. Nintendo scheffelt Geld mit amiibos und entwickelt endlich profitable Handy-Spiele, ohne sinnlose Investitionen in risikobehaftete Großprojekte zu tätigen. Ein simpel gestricktes Zelda-Spielchen mit Multiplayer-Fokus verkauft sich vielleicht nur halb so gut wie ein A Link Between Worlds 2, kostet dafür aber auch nur ein Viertel der Entwicklungskosten, sodass am Ende mehr Rendite herausspringt. Bei anderen Spielen sieht es noch eindeutiger aus. Ein Beleg für diese Beobachtungen sind die Aktienkurse der verschiedenen Unternehmen: Nintendos Aktienkurs ist in der E3-Woche zwar um 2% gefallen, erholt sich jedoch aktuell wieder. Und ohnehin ist er seit der Ankündigung vom März (Nintendo entwickelt Smartphone-Spiele) auf den höchsten Stand seit viereinhalb Jahren geklettert. Die Aktie von Square-Enix, die von den Fans für Projekte wie Kingdom Hearts III oder das Remake von Final Fantasy VII eigentlich abgefeirt wurden, ist seit dem 15. Juni hingegen um ganze 9% gefallen.

Ob diese Veränderungen in den Aktienkursen überhaupt mit den Pressekonferenzen und Ankündigungen der letzten Woche in einem Zusammenhang stehen, ist fraglich. Viel wichtiger ist jedoch die Erkenntnis, dass das Fan-Echo und die wirtschaftliche Lage eines Unternehmens oft nur sehr wenig miteinander zu tun haben. Und das liegt daran, dass die Fans nur einen sehr kleinen Teil der Zielgruppe eines Videospiels darstellen. Den größten Teil seines Umsatzes macht ein Spiel mit den Leuten, die ab und an durch die Games-Abteilung des Media Markts schlendern und sich denken: "Hey cool, es gibt ein neues Assassin's Creed. Cool, diesmal in Frankreich! Hoffentlich schimpft meine Frau nicht wieder, wenn ich mir das jetzt kaufe." Und hier liegt eine Wahrheit versteckt, die Fans von ernsthaften Videospielen nicht schmecken dürfte: Entwickelt man ein Spiel, das auch den harten Kern der Fans zufriedenstellt, fließt ein unverhältnismäßig großer Teil des Entwicklungsbudgets in Features, die nur einen kleinen Teil der Käufer überhaupt interessieren.

Die meisten der 40 Millionen Käufer von GTA V legen das Spiel nur ab und zu mal ein, um ein bisschen durch die Gegend zu fahren und Zivilisten zu erschießen. Die Kampagne interessiert sie nicht. Das zeigen vor allem die von PSNProfiles.com zusammengetragenen Statistiken, laut denen 24 von 25 Käufern der PS4-Version das Spiel nicht zu 100% beendet haben. Nun kann man natürlich fragen: Warum gibt es dann überhaupt noch Inhalte für den harten Kern der Fans? Zunächst einmal muss man festhalten, dass die meisten Entwickler die aufwendigeren Features ja tatsächlich weglassen - diese versinken dafür aber auch in einem völlig übersättigten Massenmarkt, wenn sie kein großes Marketing-Zugpferd haben. Und nehmen wir als aktuelles Fallbeispiel The Witcher III: Das RPG fängt durch bestimmte Features das aktuelle Szenepublikum ein, das ein möglichst spektakuläres Spiel möglichst reibungsfrei durchspielen möchte. Diese Spontankäufer könnten sich 2018 jedoch schon dem nächsten Lifestyle-Produkt zugewendet haben. Doch durch optionale Schwierigkeitsgrade, die deutlich mehr Aufmerksamkeit seitens des Spielers erfordern, werden auch die meisten Fans zufriedengestellt. Dieser Teil der Zielgruppe wird auch ein The Witcher IV mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kaufen, während Bioware mit dem nächsten Dragon Age eine böse Überraschung erleben könnte, nachdem Inquisition bei vielen Fans durchgefallen ist.

Nintendo versucht momentan nur sehr halbherzig, die Langzeit-Fans mit einzufangen. Ein generischer Multiplayer-Shooter mit generischen Space Marines für den 3DS bekommt mal eben den Namen "Metroid" verpasst, und dann kann Reggie sich hinstellen und über die Fans schimpfen die immer noch nicht zufrieden sind, obwohl im Digital Event ein neues Starfox, ein neues Zelda, ein neues Animal Crossing und ein neues Metroid erstmals vorgestellt wurden. Doch die Fans zu verärgern, ist kurz- und mittelfristig gesehen aus wirtschaftlicher Sicht der kleinere Fehler. Ob sich Nintendo mit dieser Strategie weiterhin auch langfristig am Markt halten kann (oder ob der Konzern diese Strategie überhaupt auf längere Sicht beibehält), muss sich hingegen zeigen. Vielleicht sprechen wir in fünf Jahren noch einmal darüber.

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12 Kommentare:


JoWe
vor 4 Jahren | 0
Guter Kommentar ... Passt gut, die nächste Investorenkonferenz von Nintendo ist wohl am 26. Juni in Kyoto
http://www.nintendo.co.jp/ir/en/

Tatze
vor 4 Jahren | 0
Die Investoren freut es - mich nicht.
Und die Investoren interessieren mich nicht wirklich.
Wenn sie so weiter machen kann es mir ja im Endeffekt egal sein
ob Nintendo noch existiert oder sie es den Investoren recht machen wo es nur
geht und Sachen zusammenschustern dessen Existenz mich ebenso nicht juckt.

Aber was die E3 angeht geht mir nur noch eins durch den Kopf:
- Die Rivalitäten nerven
- Wir haben mittlerweile alle verstanden dass Fehler gemacht wurden
- Keiner hat ne Kristallkugel und kann wahrsagen
- Normales Klima wäre wieder toll
- Mich interessiert es irgendwie immer weniger. Ich seh dann ja was kommt.
Dran ändern kann ich sowieso nix. Wozu aufregen.

ProG4M3r
vor 4 Jahren | 0
Bedauerlicherweise sehr wahre Worte, ich bin allerdings der Meinung, dass Nintendo nach einer Konsole die eben nur vom hartem Kern der Langzeit-Fans gekauft wurde und wird, sehr vorsichtig sein sollte... immerhin müssen bei jedem Launch die Fans erst einmal zuschlagen um eine Basis zu schaffen und diese Basis mit der Nintendos nächste Konsole und/oder Handheld starten muss, wird durch diese kurz- bzw. mittelfristige Strategie eher kleiner als größer.
Jeder Day-One Käufer gibt Nintendo doch eine Art Vertrauensvorschuss, dass er über kurz oder lang die Spiele erhält welche er gern spielen möchte, natürlich hat man nie eine Garantie das alles abgedeckt wird, aber Nintendo ist nun einmal ein Unternehmen mit vielen traditionellen Marken und selbst von Microsoft erwarten die Day-One Kunden einfach das nächste Halo, das nächste Gears, das nächste Forza... bei Sony kp... irgendetwas neues vom heilbringender Naughty Dog und viel Japano-kram, vllt. Gran Tourismo auch wenn die mit Teil 7 ja ganz schön in Verzug sind... was würden also Microsofts und Sonys Fans machen wenn es nur halbgare Spin-offs gäbe? Eindeutig, die nächste Konsole nicht Day-One kaufen... und ich rede hier von Fans, nicht Fanboys oder den Hype-käufern die einfach nur kaufen um des habens wegen.

Belphegor
vor 4 Jahren | 0
DANKE für diesen Artikel der sich in der Tat mal mit einer ganz anderen Seite Nintendos beschäftigt. Dieser Teil kennt in der Tat wohl nur ein kleiner Anteil dieser Leserschaft und selbst ich als aktieninteressierter Mensch muss gestehen das ich NIntendos Papier nicht verfolge. Aber ich kann die Sicht der Investoren nur zu gut verstehen da auch ich in einer Firma arbeite, in der der Shareholder Value vor allem steht!

Torben
vor 4 Jahren | 0
Ich hab mich schon gefragt wann wieder ein E3 Artikel kommt. Im Prinzip ein ganz interessanter Artikel und Nintendo hat viele in dieser Zielgruppe. Diese spalten sich in 2 Lager:
1. wie im Artikel benannt kauft sich jemand ein Mario Spiel, weil er früher schon Mario gespielt hat und das neue kann nicht schlecht sein. Er will es einfach spielen.
2. jemand kauft sich ein Mario Spiel und spielt es. Ich übertreibe jetzt an der Stelle mal. Das Mario Spiel wird beiseite gelegt noch am selben Tag und durch ein anderes ersetzt. So kein Nintendo Spiel mehr da. Das Gejammer wird laut, dass Nintendo mehr Spiele liefern muss, weil das Mario kein "richtiges" Mario war, sonst hätte er länger damit gespielt.
Ich glaube manche Spieler und das habe ich mir abgewöhnt sind sehr verwöhnt oder wollen es sein. Was einige Fans wollen kann Nintendo nicht liefern und selbst wenn Nintendo sagt, dass sie es nicht tun, ist die ENttäuschung da, wenn sie es wirklich nicht tun. Naja so ist das Leben. Bevor man bei sich schaut und sich fragt ob es an einem selbst liegt ist es einfacher zu sagen es liegt an Nintendo, denn das sagen die Median und so manche Hater also muss es ja stimmen.

Taisaka
vor 4 Jahren | 0
Schön das Nintendo es schafft ihre Investoren zufrieden zu stellen, mich als langjährigen Fan haben sie aber dadurch verloren. Der Tropfen auf dem heißen Stein mag Nintendo zwar ziemlich egal sein aber ich muss mich nun nicht mehr mit Amiibo und 3DS Stuff zufriedengeben während meine U langsam verstaubt.

Torben
vor 4 Jahren | 0
Dann viel Spaß und weniger Enttäuschung bei Sony oder MS. Ich bleibe Nintendo treu, weil mich die Marken am meisten interessieren und ich eig nur noch ein Gelegenheitsspieler bin.

StMaster3000
vor 4 Jahren | 0
Mal sehen ob auf der Konferenz Iwata wiedergewählt wird..

Jokofi
vor 4 Jahren | 0
@StMaster3000:

Wird das dort etwas entschieden? Eine Investorenkonferenz ist doch jedes Jahr kurz nach der E3. Wird also jedes Jahr neu über den Nintendopräsidenten abgestimmt, oder was?

zocker-hias
vor 4 Jahren | 0
@Torben: guter Kommentar

Vor allem: es kommt auch nicht jedes Jahr oder jedes zweite ein neues Final Fantasy, ein neues Uncharted etc. Aber es jammert niemand...
Da wo ne Serie jedes Jahr kommt sieht man die Qualität und die Weiterentwicklung / eher Stagnation: sprich CoD, Assassins Creed, Fifa und Konsorten.

Wenn es nur nach den angeblichen "Nintendo-Fans" ginge dann gäbe es das xte 0815 Metroid und jedes Jahr ein Mario und Zelda, aber es würde bis jetzt kein Splatoon geben, es wäre nie ein Wii Sports und auch kein Pikmin entwickelt worden...

Mich würde ehrlich interessieren, wie viele von den Leuten die jetzt so laut beim 3DS Metroid Ablege geschrien haben besitzen wirklich überhaupt einen 3DS oder eine WiiU?? Oder sind es nicht diese notorischen Nörgler die sich hier aufgeilen?

Torben
vor 4 Jahren | 0
Für alle, die sich von Nintendo und der Ankündigung von "NX" verarscht vorkamen oder vorkommen: es gibt schon aktuelle Gerüchte über die PS5. Die Entwicklung steht also nie still :)

mowowo
vor 4 Jahren | 0
ich sage an diese stelle nur einmal für alle 3 eure kommentare ich stimme sie alle zu und sie sind sehr objektiv und gut geschrieben und man merkt das euch nitendo am herz liegt. bitte nicht kaputtreden lassen von einige hier. wir andere lesen eure kommentare gern und schätzen sehr mehr wert als biased bashing woanders !!!