Mario weint

Von Kamil Witecy am 13. Juli 2015
Es ist ein Tag, an dem die bunte Kulisse der Entertainment-Welt ihre Farbe verliert; ein Tag, an dem die Realität hart zuschlägt und Debatten über Spiele und Unternehmenspolitik klein und albern wirken. Satoru Iwata ist gestorben. Nintendos langjähriger Präsident erlag am vergangenen Samstag, dem 11. Juli 2015, einem Krebsleiden.
 
 
Die Nachricht trifft Fans und Beobachter hart und unerwartet. Zwar war bekannt, dass Iwata sich im vergangenen Jahr einer Krebsoperation unterziehen musste. Doch der Manager kehrte schon nach wenigen Monaten zur Arbeit zurück und führte sein Unternehmen im vergangenen Dreivierteljahr wieder mit voller Kraft – sichtlich abgemagert zwar, aber doch engagiert. Noch vor drei Wochen ließ er sich auf der Jahreshauptversammlung mit großer Mehrheit als Vorstandschef wiederwählen.
 
Damit endet nicht nur eine Ära im Unternehmen Nintendo, sondern vor allem, viel zu früh, ein großes Leben. Satoru Iwata wurde am 6. Dezember 1959 in Sapporo geboren. Nach seinem Studium der Computerwissenschaften in Tokyo stieß er als Programmierer zum kleinen Spieleentwickler HAL Laboratory, schon damals eng mit Nintendo verbunden, und wirkte aktiv an der Entstehung von Franchises wie Kirby und EarthBound mit. Nur wenige Jahre nach seinem Einstieg bei HAL wurde Iwata Präsident des Entwicklerstudios, wo er sich Managerqualitäten aneignete, die ihm schließlich den Weg zu Nintendo nach Kyoto ebneten.
 
Bei Nintendo arbeitete Iwata ab dem Jahr 2000 zunächst als Leiter der Corporate Planning-Abteilung, bevor ihn Firmenpatriarch Hiroshi Yamauchi nur zwei Jahre später, 2002, als seinen Nachfolger ins Amt des globalen Präsidenten und CEO von Nintendo Co. Ltd. hievte. Iwata war der erste Nintendo-Vorstandschef in der mehr als 100-jährigen Unternehmensgeschichte, der nicht der Yamauchi-Familie angehörte. Diese Position bekleidete Iwata 13 Jahre lang, im Jahr 2013 übernahm er zudem die Rolle des CEO von Nintendo of America, bis zu seinem Tod.
 
Es war genau diese Verschmelzung von Entwicklungs-Knowhow und Management-Qualitäten, die Iwata zu einem besonderen Vorstandschef machte. Er traf nicht nur Grundsatzentscheidungen zur Strategie des Unternehmens, sondern verstand auch Hintergründe der Videospielentwicklung und der Programmierung und mischte sich vor allem in den Anfangsjahren noch aktiv ein oder brachte Projekte persönlich mit seinem Sachverstand auf Spur. Iwata lebte Spiele, lebte Entertainment und lebte die Freude an seinem Produkt. In diesem Sinne führte er sein Unternehmen.
 
Bei alldem versteckte sich Iwata nie auf der Vorstandsetage, sondern prägte das öffentliche Gesicht von Nintendo in den vergangenen Jahren wie kein anderer. Mit den maßgeblich von ihm selbst gestalteten und geprägten Formaten "Iwata fragt" und Nintendo Direct präsentierte er höchstpersönlich Neuigkeiten aus dem Unternehmen, nahbar, fanverbunden, teilweise auch selbstironisch. Das wäre für jeden Chef eines großen Unternehmens etwas Besonderes – für die japanisch-konservativen Verhältnisse eines Traditionskonzerns aus Kyoto war Iwatas nahbares und offenes Auftreten ganz und gar außergewöhnlich. Mit seinen Auftritten nicht nur in den Nintendo Direct-Videos, sondern auch auf US-Messen wie der E3 oder der Game Developer’s Conference gewann Iwata weltweit Sympathien und Respekt in der Videospielbranche.
 
Satoru Iwata stellte sich auch persönlich der Kritik, die ihm und seiner Person vor allem in den vergangenen Jahren entgegenschlug. Nachdem sich die Geschäfte mit Wii U nicht zufriedenstellend entwickelten und die Strategie des Unternehmens von Fans, Medien und Analysten zunehmend hinterfragt wurde, bemühte sich Iwata um Erklärungen und übte  nicht selten auch Selbstkritik. Über Nintendo Direct, aber auch bei den quartalsweise stattfindenden Investorenkonferenzen pflegte Iwata eine ehrliche und offene Sprache und betonte stets seine persönliche Verantwortung für das Unternehmen und seine Geschicke – sowohl für seine Erfolge als auch für Misserfolge. So halbierte Iwata beispielsweise nach dem Verlustjahr 2014 als Zeichen der persönlichen Betroffenheit sein eigenes Gehalt.
 
In den vergangenen Jahren hatte Nintendo mit vielen Schwierigkeiten im operativen Geschäft und in der Strategie zu kämpfen. Insgesamt war Iwata dennoch ein erfolgreicher Vorstandschef. Unter seiner Führung hat Nintendo einige seiner stärksten Jahre erlebt: Wii und der Nintendo DS zählen zu den meistverkauften Spielekonsolen aller Zeiten, Spiele dieser Generation lösten einen Massenansturm auf Nintendo-Produkte aus. Diese Erfolge haben den Fortbestand des Unternehmens auf Jahre hinaus gesichert. Sie sind auch Iwatas Verdienst; er hat Nintendo den Mut verordnet, neue Ideen zu verwirklichen.
 
Dass Nintendo auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten, ohne ihn, erfolgreich sein kann, dafür hat Iwata vor allem im vergangenen Jahr die Weichen gestellt. Ob er frühzeitig gewusst hat, dass seine Lebenszeit begrenzt ist, dass der Gallenkrebs ihn früher oder später das Leben kosten würde? Darüber zu spekulieren, wäre unwürdig. Iwatas Taten sprechen für sich. Allein im vergangenen Jahr hat er eine Smartphone-Kooperation mit DeNA beschlossen, einen Rahmenvertrag mit den Universal Studios zum Bau von Themenpark-Attraktionen von Nintendo ausgehandelt und mit Quality of Life-Produkten ein neues Standbein für Nintendos Geschäfte auf den Weg gebracht. Parallel hat er die Entwicklung der neuen Spielkonsole NX angestoßen. So viel realisiert manch ein Vorstandschef nicht einmal in einer ganzen Laufbahn. Wie sich diese neuen Ideen entwickeln, wird Satoru Iwata nicht mehr erleben.
 
Erste Reaktionen aus der Videospielwelt zollen dem Nintendo-Manager und dem Menschen Satoru Iwata Respekt und Anerkennung. Nintendo of Americas COO, Reggie Fils-Aimé, würdigt Iwatas Intelligenz und Kreativität, seine Neugierde und seinen Sinn für Humor. Shigeru Miyamoto, Entwicklungschef und Interimsnachfolger von Iwata betont: "Wir werden Satoru Iwatas Herangehensweise an die Unternehmensführung fortsetzen und Nintendo zu dem Erfolg führen, den auch er gewollt hätte." Auch aus der ganzen Videospielbranche erreichten Nintendo, wo heute die Unternehmensflaggen auf Halbmast wehten, Beileidsbekundungen. Microsofts Spielechef Phil Spencer schrieb bei Twitter: "Seine Leidenschaft, Kreativität und Führung haben unsere Branche vorangebracht." Der offizielle PlayStation-Kanal bekundete sein Mitgefühl ebenso wie tausende Fans und die Entwicklerstudios Bungie, Capcom, 2K, Platinum oder Treyarch.
 
Sein Tod reißt eine klaffende Lücke nicht nur in das Unternehmen Nintendo, sondern in die ganze Videospielbranche. Für eine Nachfolge ist Nintendo kurzfristig nicht gerüstet. Doch das Unternehmen ist so sicher aufgestellt, dass es weiterleben wird. Iwata wird als Vorstandschef fehlen, aber vor allem: als Mensch.
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7 Kommentare:


Krugigi
vor 3 Jahren | 0
Sehr schön geschrieben, vielen Dank dafür! Iwata war ein toller Mensch und er wird immer in den Herzen aller Nintendo-Fans bleiben! R.I.P.

Belphegor
vor 3 Jahren | 0
Sehr schön geschrieben. Er wird uns allen (Nintendo, der Branche und nicht zuletzt den Gamern) fehlen!

D3noMJ
vor 3 Jahren | 0
Schön zu lesen, aber auch traurig... Er wird echt fehlen...ich bin immer noch geschockt...
Die Direct shows mit ihm haben mir immer sehr gefallen. Mein erster Kontakt was Videospiele betrifft war Nintendo, dank ihm wird das in Zukunft auch so bleiben.
Ruhe in Frieden Iwata!

Falco
vor 3 Jahren | 0
Hab es ja mitten in der Nacht noch erfahren, aber auch am Ende des Tages bin ich noch verdammt traurig. Das Lesen dieses Specials und meine erste Reaktion.bekräftigt dieses Gefühl der Trauer. Hoffentlich wird er in Frieden ruhen können.

Denios
vor 3 Jahren | 0
Toller Beitrag, Leute. Einfach ein toller Beitrag. Danke.

Kanta
vor 3 Jahren | 0
Gut geschrieben. Hier in Japan war es auch für mich und Freunde ein Schock. R.I.P.

oliver12345
vor 3 Jahren | 0
Danke für diesen wirklich großartigen Artikel! #ThankYouIwata