Hands-On: Xenoblade Chronicles X

Von Andreas Held am 13. November 2015

Xenoblade Chronicles. Redet man heute von Operation Rainfall, ist das RPG von Monolith Soft der Titel, der den meisten Spielern sofort ins Gedächtnis springt. Eigentlich wurde Operation Rainfall gestartet, weil Fans eine Lokalisierung von The Last Story forderten - doch The Last Story geriet in Vergessenheit, nachdem ihm Xenoblade das Rampenlicht gestohlen hatte. In einer Zeit, in der das JRPG-Genre stark an Relevanz verloren hatte, trumpfte der Wii-Exklusivtitel mit den Dingen auf, die die Klassiker seines Genres ausgezeichnet hatten: Eine epische Story, ein pompöser Soundtrack, eine schöne Spielwelt und nicht zuletzt die richtig dreckigen Antagonisten machten Xenoblade Chronicles zu einem RPG, das an die goldenen Zeiten seines Genres erinnerte.

Entsprechend lasten große Hoffnungen auf dem Nachfolger, der bereits im April dieses Jahres in Japan erschienen ist und nun als Nachzügler auch in Europa erscheint. Doch ist Xenoblade Chronicles X ein Sequel, das die riesigen Fußstapfen, in die es tritt, adäquat ausfüllen kann? Wir haben den Titel einige Stunden lang angespielt und verraten euch, was ihr im Dezember erwarten könnt - und was leider nicht.

Weniger Story...
Hinweis: Dieser Abschnitt erwähnt einige Story-Elemente, auf die ihr in den ersten Stunden trefft. Wollt ihr Xenoblade Chronicles X komplett ohne Vorwissen über die Handlung spielen, dann springt zum nächsten Abschnitt dieses Artikels.

Xenoblade Chronicles X beginnt mit einer recht pompösen Intro-Sequenz, die euch ohne große Vorwarnungen die Zerstörung der Erde zeigt. Eure "Suspension of Disbelief" wird dabei aufs Äußerte strapaziert: Zwei Alien-Rassen bekämpfen sich zufällig genau über der Erde, aber die Menschheit wusste aus irgendeinem Grund von dieser Schlacht, sodass sie mal eben ein paar Weltraum-Archen aus dem Ärmel schütteln konnte. Ihr befindet euch an Bord einer dieser Archen, die zwei Jahre nach ihrer Flucht von der Erde zufällig genau über einem bewohnbaren Planeten abgeschossen wird und auf ihn abstürzt.


Man merkt es schon: Die einzige Aufgabe dieses Intros ist es, das Setting des Spiels zu begründen. Die eigentliche Handlung startet zwei Monate nach der Einleitungssequenz, wenn eure selbst erstellte und stumme Hauptfigur aus einer Kälteschlaf-Kapsel befreit wird. In dieser kurzen Zeit haben die anderen Überlebenden eine riesige Stadt aus dem Boden gestampft, doch der Rest der Spielwelt ist weitestgehend unerforscht. Eure Aufgabe ist es nun, daran etwas zu ändern und außerdem die restlichen Überlebenden zu suchen, die sich noch im Kälteschlaf befinden.

Während der Vorgänger in den ersten Stunden ein wahres Story-Feuerwerk abfackelte, ist der Einstieg in Xenoblade Chronicles X ein Tutorial im Schafspelz. Nach einiger Zeit begegneten wir dann einer weiteren Alien-Rasse, deren Wortschatz aber nicht sonderlich weit über "Ihr Erdlinge sein. Wir Erdlinge töten!" hinausgeht. Dass die verschiedenen Alien-Rassen im Spiel alle dieselbe Sprache sprechen, muss man natürlich ebenfalls einfach so hinnehmen. Immerhin gibt es durchaus einige offene Fragen: Spielen die beiden Kriegsparteien, die zu Beginn des Spiels die Erde zerstören, irgendwann noch eine größere Rolle? Werden die massiven Zufälle aus dem Intro irgendwann noch adäquat erklärt? Hat die Hauptfigur, über die zu Beginn des Spiels noch nichts bekannt ist, eine erwähnenswerte Vergangenheit? All das sind Fragen, auf deren Beantwortung wir genauso gespannt sein dürfen wie ihr.

...mehr Social Features
Dass die Handlung einen weniger tollen Eindruck macht liegt vielleicht auch daran, dass eine komplexe Story der neuen Struktur des Spiels im Weg stehen würde. Xenoblade Chronicles X hat nämlich nur noch sehr wenig mit seinem Vorgänger gemeinsam und orientiert sich stattdessen eher an Monster Hunter. In der einzigen Stadt des Spiels nehmt ihr Missionen an, die zum Teil die Hauptstory vorantreiben und zusammen mit KI-Gefährten bewältigt werden müssen. Außerdem tretet ihr zu Beginn des Spiels einer Gruppe aus bis zu 32 Spielern bei. Ähnlich wie in Splatoon könnt ihr dabei gezielt Gruppen auswählen, denen bereits ein Spieler aus eurer Freundesliste beigetreten ist. Gelegentlich erhaltet ihr die Möglichkeit, Missionen freizuschalten, in denen ihr dann auch mal mit anderen Spielern aus eurer Gruppe zusammen durch die Lande ziehen könnt. Doch sobald ein Team eine dieser Missionen abgeschlossen hat, verfällt sie für den kompletten Rest der Gruppe. Wie bereits Splatoon und Tri Force Heroes hat Xenoblade Chronicles X keinen Voice Chat.


Auch Solisten, die eigentlich nur die Story durchspielen möchten, bekommen einige Social-Features aufgedrückt. Theoretisch könnt ihr das Spiel auch ohne Internetverbindung starten, allerdings klopfen euch die Entwickler dann im übertragenen Sinne auf die Finger, indem sie in der oberen linken Ecke ein blinkendes "X" und den Hinweis "OFFLINE" einblenden, der sogar während Videosequenzen nicht ausgeblendet wird. Ähnlich wie in Demon's Souls könnt ihr innerhalb der Spielwelt Nachrichten hinterlassen, die anderen Spielern angezeigt werden. Darüber hinaus sind überall Avatare anderer Spieler verteilt, die euch in ihrer jeweiligen Landessprache begrüßen und darum buhlen, anstelle der vordefinierten KI-Kollegen in eure Party aufgenommen zu werden.

Weniger Taktik, mehr Strategie
Mit seinem Vorgänger hat Xenoblade Chronicles X eigentlich nur noch zwei Dinge gemeinsam: Die große, visuell überragende Spielwelt sowie das Kampfsystem. Letzteres ist in dieser Version jedoch deutlich actionlastiger, denn das große Feature des Vorgängers - dass der Protagonist in die Zukunft blicken und somit besonders starke Aktionen der Gegner vorhersehen konnte - wurde im aktuellen Titel gestrichen. Außerdem habt ihr keine Möglichkeit mehr, im Kampf eure Mitstreiter zu steuern, was eure taktischen Möglichkeiten stark einschränkt. Stattdessen müsst ihr schnelle Reflexe beweisen und auf Zurufe eurer Begleiter reagieren oder Quick Time-Events absolvieren, um Kampf-Boni abzustauben, die gegen stärkere Gegner fast essentiell sind. Darüber hinaus stehen euch deutlich komplexere Möglichkeiten zum Aufbauen der Charaktere zur Verfügung: Wer will, kann sich in der Stadt des Spiels stundenlang in den Menüs aufhalten und die nächste Mission planen.


Während das Kampfsystem wohl Geschmackssache bleibt, ist die Spielwelt von Xenoblade Chronicles X über jeden Zweifel erhaben. Vergleicht man die Landschaften mit denen aus The Witcher III oder Dragon Age: Inquisition, muss sich der Wii U-Titel nicht verstecken. Die schwächere Hardware konnte Monolith Soft durch ein Höchstmaß an Kreativität wieder wettmachen: Riesige Monster und geradezu gigantische Gesteinsformationen laden auch nach vielen Spielstunden noch dazu ein, einfach mal inne zu halten und die Szenerie zu begutachten. Ladezeiten gibt es dabei keine - selbst dann nicht, wenn ihr die Stadt betretet oder verlasst.

Eine kleine Randnotiz zum Thema Zensur: Das berühmt-berüchtigte Bikini-Outfit ist eigentlich unverändert in der europäischen Version enthalten und ihr könnt fast alle der weiblichen Figuren mit dieser auffällig knapp geschnittenen Bademode einkleiden. Lediglich wenn ihr die im Spiel minderjährige Lin mit dem Bikini ausstatten wollt, wird dem Zweiteiler etwas mehr Stoff hinzugefügt, was in der japanischen Version noch nicht der Fall war. In diesem Kontext die Formulierung "eines von Lins Outfits" zu verwenden ist irreführend, da grundsätzlich jeder Charakter jedes Rüstungsteil anlegen kann. Hier wurde im Vorfeld also Halbwissen verbreitet - von Leuten, die einen Bildschirm abfotografiert und überreagiert haben.

FAZIT:
Xenoblade Chronicles X ist anders als sein Vorgänger. Die komplexe Story weicht in diesem Sequel einer Stafette von Social Features, die das Spiel zu einer Art MMORPG machen sollen. Schade ist diese Umstellung allemal, denn Xenoblade biedert sich somit dem Mainstream an und verliert die Alleinstellungsmerkmale, die dem Vorgänger zu so viel Ruhm verholfen haben. Doch glücklicherweise sind die meisten Online-Features komplett optional, sodass am Ende auch Solisten mit Xenoblade Chronicles X auf ihre Kosten kommen werden. Da die Story zurückgefahren wurde, ist der große Star des Spiels die riesige und zu Beginn des Spiels fast komplett unerforschte Spielwelt, die euch mit ihren Gesteinsformationen genauso beeindrucken kann wie mit den riesigen Kreaturen, die in der fremdartigen Wildnis ihr Dasein fristen. Das Erledigen von Quests und das Sammeln neuer Ausrüstungsgegenstände macht Spaß - ganz egal, ob ihr dabei von menschlichen Mitspielern oder KI-Gefährten begleitet werdet. RPG-Fans und Spieler mit Abenteuertrieb dürfen sich also schon jetzt auf den Dezember freuen, der mit einem Spiel aufwartet, welches genug Inhalte bietet, um euch den kompletten Weihnachtsurlaub lang zu beschäftigen.

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10 Kommentare:


treib0r
vor 3 Jahren | 0
Kastrierte Story? Da werde ich meine Vorbestellung nochmals überdenken müssen.

Vader
vor 3 Jahren | 0
Ich probiers mal aus, den Vorgänger müsste ich auch mal spielen^^zum Glück is der im Eshop zu nem normalen preis XD

Denios
vor 3 Jahren | 0
Joa klingt doch gar nicht so schlecht.

SeSei
vor 3 Jahren | 0
Für mich war das größte Pro am Originaltitel die riesige faszinierende Spielwelt mit ihren riesigen, faszinierenden Kreaturen. Die Quests jedoch waren teilweise unfassbar nervtötend. Bessere Quests und die online Features, und der Mangel an komplexer Story ist wurscht. Exploration zeichnet Xenoblade aus, und da ist eine dicke Hauptstory echt nicht so wesentlich IMHO

SecretOfMana
vor 3 Jahren | 0
@SeSei

ich sehe es VÖLLIG anders..
mir geht dieser dämliche Openworld wahn sowas von auf die NERVEN.. ich finde es schade, dass es hier keine epische story gibt..

Ne leere openworld kann ich auch in nem MMorpg haben.

SeSei
vor 3 Jahren | 0
Die Story wurde reduziert, nicht abgeschafft.

Belphegor
vor 3 Jahren | 0
Eine weitere Zensur wurde aufgedeckt: in der westlichen Version wird es NICHT möglich sein die Oberweite der verschiedenen Charaktere zu ändern. Völlig unverständlich und nach der Kostümzensur wird das Game so langesam Stück für Stück zerstückelt. Mal schauen was noch so für Hiobsbotschaften auf uns zukommen.

mowowo
vor 3 Jahren | 0
Seid wann ist openworld ein Gegenteil von Story?

Aber zum News: Ok, zu viel ist zu viel hab Vorbestellung gecancelt .. kaufe lieber ein paar Steam Games von teuerem Geld... wtf..

dd2ren
vor 3 Jahren | 0
Da es zensiert wird ist es für mich sowieso schon gestorben.

DunkleMaterie
vor 3 Jahren | 0
auf story kann ich gut verzichten wenn der online mode nicht lame ist.
Dann wär das mal endlich eine art phantasy star online ersatz.