Mit dem Taktstock des Windes

Von Tim Herrmann am 05. Dezember 2015

Eine Reportage von The Legend of Zelda – Symphony of the Goddesses in Hamburg

Sie hält tatsächlich den Taktstock des Windes in der Hand. Die zwei filigranen Kringel am Rand des perfekt geraden weißen Stabs machen aus einem einfachen Dirigentenwerkzeug ein fast heiliges Artefakt des Videospielfans. „Sie“ ist Amy Andersson, die Dirigentin von The Legend of Zelda – Symphony of the Goddesses. Und als die Frau mit der wallenden blonden Mähne die Bühne der Hamburger Barclaycard Arena betritt, ist ihr Sinfonieorchester vollständig. Applaus. Stille.

Aus dem Nichts erhebt sich der satte Klang des mächtigen Orchesters, erfüllt die riesige Halle. Die Maestra schwingt ihren Taktstock, als würde sie mit ihm die Luft streicheln. Ihren zärtlichen Bewegungen folgen die Flöten und Geigen, die Bässe und Glockenspiele, die Harfe und Pauken und auch der Chor in den hinteren Reihen. Im Zusammenspiel fließen sie alle zusammen zu einer Musik, die junge, aber auch ziemlich alte Erinnerungen wiedererweckt: Das Orchester spielt ein Medley aus The Legend of Zelda, der Videospielreihe, die eine Generation begleitet hat.

30 Jahre alt wird The Legend of Zelda im nächsten Jahr, 1986 erschien das erste Spiel für das Nintendo Entertainment System. Seitdem hat die Serie Millionen Spieler auf der ganzen Welt in ihren Bann gezogen. Immer hat auch Musik dabei eine wichtige Rolle gespielt: Angefangen hat alles mit minimalistischen Pieps-Melodien, die alles technisch Mögliche möglich machten und damit Kult wurden. Später fügte sich Musik in das Spielprinzip oder die Handlung ein: Der Windfisch in The Legend of Zelda – Link’s Awakening wollte mit einer besonderen Ballade erweckt werden; in Ocarina of Time übernahm ein Instrument die Titelrolle; und The Wind Waker machte den Spieler zum Dirigenten eines himmlischen Orchesters. Seit The Legend of Zelda – Skyward Sword lässt Nintendo die Musik zu seinen epischen Action-Abenteuern opulent arrangieren und orchestral einspielen.

So kam es, dass der japanische Videospielgigant zum 25. Jubiläum seiner Serie im Jahr 2011 eine Idee hatte: ein echtes Sinfonieorchester sollte Spielmusik aus 25 Jahren live präsentieren. Was als außergewöhnliche Idee der Nintendo-Kreativen begann, entwickelte sich zu einem riesigen Erfolg. Und es blieb nicht bei ein paar Konzerten in den USA und einem in Europa. Die Jubiläumsaktion geht mittlerweile in ihr fünftes Jahr.

Zum dritten Mal führt es sie auch nach Deutschland. Nach Berlin und Düsseldorf hat es das Orchester nach Hamburg verschlagen, in eine Mehrzweckhalle, die eher für Icehockey, Handball, Rockkonzerte und Comedy-Shows bekannt ist als für Aufführungen von Sinfonieorchestern. Doch das stört die etwa 4.000 Zuschauer nicht, die dabei sein wollen, wenn die Zelda-Sinfonie einen ihrer seltenen Stopps in Deutschland einlegt. Überraschend wenige sind im Zelda-Cosplay angereist, einige aufwändig verkleidete Fans erkennt man in den Reihen aber doch. Ausverkauft ist es nicht. Das dürfte vor allem an den durchaus saftigen Preisen liegen, die hier für knapp zwei Stunden Videospielmusik verlangt werden. Kurz nach dem Medley zum Einstieg meldet sich ein bekanntes Gesicht: Shigeru Miyamoto erscheint auf der Leinwand und stimmt die Fans auf die epochalen Klänge der Zelda-Musik ein. Ihm folgen im Laufe des Abends Serienproduzent Eiji Aonuma und Nintendos Chef-Musiker Koji Kondo.

Amy Andersson und ihr gut 70-köpfiges Orchester geben zwei Stunden lang alles, mit einer Pause. Ein Zelda-Videospiel nach dem nächsten nehmen sie sich vor. Während das Orchester in je zehnminütigen Arrangements die charakteristischen Stücke eines Spiels miteinander verbindet – Thema, Oberweltmelodien oder dramatische Bosskampfmusik – laufen im Hintergrund auf einer großen Leinwand die Spielszenen der Originale oder ihrer Remakes ab. Doch das braucht es eigentlich kaum. Denn die Erinnerung ist ebenso stark wie die Bilder. Wer die Zelda-Spiele gespielt hat, mit zehn, zwölf, 20 oder 30 Jahren, erinnert sich plötzlich wieder ganz genau daran, was er gefühlt hat. An das Gefühl, als Ganondorf bedrohlich die Klinge erhob und zum Kampf aufforderte. An das Gefühl, ganz allein durch verlorene Wälder zu streifen, wie von Zauberhand im Meer zu versinken oder den Wolken entgegen zu fliegen.

Wie auf Knopfdruck reagieren die Synapsen im Gehirn auf die Töne und Melodien und verknüpfen das Gehörte mit beklemmenden, düsteren Kerkern, mit mutigem Erkundungsdrang oder mit der merkwürdigen, innigen Verbundenheit zu einer erfundenen Prinzessin, die nie wirklich existiert hat. Und plötzlich weiß man wieder ganz genau, warum diese Spieleserie seit fast 30 Jahren weltweit so erfolgreich ist.

Hinweis: die Kommentarsektion ist aktuell geschlossen.

3 Kommentare:


Falco
vor 3 Jahren | 0
Toll geschrieben!
Ich kann mir richtig vorstellen, wie atemberaubend das Konzert sein kann. Der Preis scheint wohl gerechtfertigt zu sein ;)

Mr.Ash
vor 3 Jahren | 0
Nun, ich war letztens am Konzert im Hallenstadion Zürich CH und ziehe folgendes Fazit:

Musikalisch war's ein ertklassiges Konzert, die Qualität der Lieder war sogar noch besser als in den originalen Zelda spielen. Beim drumherum kam ich mir aber vor an einer Nintendo/Zelda Werbeveranstaltung zu sein. Über die Leinwand wurden ständig zwischen den Liedern die aktuellen Zelda Spiele beworben, auch die eingeblendeten Interviews mit Miyamoto, Aonuma & co. fand ich deplatziert und unnötig. Ansonsten aber absolut empfehlenswert.

Seppatoni
vor 3 Jahren | 0
Ich war ebenfalls an Zürich am Konzert und wurde bestens Unterhalten. Die etwas deplatzierten "Werbepausen" fand ich jetzt nicht allzu schlimm, da ging mir die unnötige Kostüm-Aktion nach der Pause mit dem nervigen Moderator doch wesentlich mehr auf die Nerven. Zum Glück lief auf dem Handy noch Tennis. ^^

Schmerzlich vermisst habe ich hingegen vor allem Stücke aus den NES-Zeldas sowie Link's Awakening, alle 3 gehören zu meinen engsten Serienfavoriten. Aber dazu gab es leider absolut gar nichts.