Selbstversuch: Ein Jahr ohne Zelda-Spoiler

Von Tim Herrmann am 27. Januar 2016

2016 hat begonnen. Und an seinem Ende soll (voraussichtlich) ein neues Spiel der Zelda-Reihe für Wii U erschienen sein. Das ist etwas Besonderes. Nicht nur, weil das letzte große Abenteuer, The Legend of Zelda – Skyward Sword, dann schon wieder fünf Jahre alt sein wird; trotz aller Beteuerungen, die Entwicklungszeiten endlich reduzieren zu wollen.

Vor allem ist ein neues Zelda-Spiel etwas Besonderes, weil The Legend of Zelda immer noch ein König seines Genres ist. 

Manches, womöglich sogar vieles an Zelda mag im Konkurrenzvergleich mittlerweile hoffnungslos veraltet wirken und zurecht Kritik einstecken müssen. Doch das wohldurchdachte Game-Design, die intelligenten, bis zur Perfektion getrimmten Level- und Rätsel-Architekturen, die hochwertigen Artstyles und Grafiken, die orchestral-epochalen Musikstücke und zahllosen kleinen Details zum Entdecken machen The Legend of Zelda nach wie vor zu einer Referenz seiner Klasse – zumindest für die vielen, deren Geschmack es einigermaßen trifft. The Legend of Zelda war immer ein Spiel, in dem man sich wochen- oder gar monatelang wohlig verlieren konnte.

Deswegen freuen Fans sich darauf. Mit jedem Screenshot, jeder Info, jedem noch so kleinen Trailer wächst die Vorfreude ein wenig. Und das ist ganz in Nintendos Sinn: Das Unternehmen braucht diese kribbelige Vorfreude – damit Kunden das Spiel nicht nur kaufen, sondern auch anderen davon erzählen. Um nicht nur seichtes Interesse, sondern einen Hype zu erzeugen, müssen Fans monatelang mit Marketingbotschaften und Werbung penetriert werden; mit vielen kleinen Info-Häppchen, die ständig Appetit auf mehr machen.

Doch das hat Konsequenzen. Vor allem die, dass man das fertige Spiel als aufmerksamer Fan schließlich erlebt wie ein großes Déjà-Vu: „Das habe ich doch schonmal gesehen …?“, denkt man sich.

Wenn ich ganz ehrlich bin, hat mich seit meinem ersten großen Konsolen-Zelda, diesem „magischen“ Zelda, das fast jeder Spieler kennt, kein Zelda-Spiel mehr überrascht. Irgendetwas fühlte sich immer anders an. Und es war nicht nur die Tatsache, dass viele Zelda-Spiele sehr ähnlich aufgebaut sind. Nein, ich glaube, ich weiß langsam, was dieses Etwas ist: das Internet.

Seitdem Nintendo seine Titel maßgeblich über das Netz bewirbt, kennt man als Fan, der sich gerne über anstehende Releases informiert, weite Teile des Spiels schon vor seinem Start. Statt vereinzelter Infos gibt es Bild- und Videomaterial ohne Ende.

Recht deutlich fällt mir das rückblickend bei The Legend of Zelda - Skyward Sword auf. Zur gamescom 2010 konnte ich es zum ersten Mal ausprobieren, ausgestellt war die E3-Demo. Und die war natürlich zuvor schon in etlichen Gameplay-Videos zu sehen. So nahm ich das erste Mal erwartungsvoll den Wii-Controller in die Hand und marschierte durch die Demo-Wälder. Der Promoter neben der Station wollte schelmisch den Souffleur spielen und setzte ständig wieder zu neuen gut gemeinten Tipps an: „Siehst du diese Pflanze? Achte mal darauf, wie …“. Doch da war ich schon fertig. Natürlich wusste ich, wie ich die Monster-Pflanze zu besiegen hätte. Ich hatte ja vorab gesehen, wie es funktioniert. „Schau mal, das Auge folgt offenbar deinem Schwert …“ Schon fertig, das Auge musste verwirrt werden. Klar. Wurde ja vorher oft genug demonstriert.

Natürlich war das nur eine Demo-Version, nicht gleichzusetzen mit dem fertigen Spiel. Doch das Prinzip setzte sich immer weiter fort, je näher der Start des Spiels rückte und je weiter das Marketing voranschritt. Mit dem nächsten Trailer enthüllte Nintendo den neuen Bösewicht und die Grundgeschichte, illustrierte das Gameplay-Konzept, zeigte alle wichtigen Schauplätze, ein paar Zwischensequenzen, mehrere Dungeons und viele Items und führte vor, wie die neuen Mechaniken funktionieren würden – natürlich anhand exemplarischer Rätsel aus dem Spiel.

All das bleibt im Kopf – und man transferiert die Erkenntnisse aus den Trailern und Demos automatisch auf das fertige Spiel. Solche Trailer fallen nicht in die klassische Kategorie „Spoiler“. Denn Spoiler verderben das Vergnügen, indem sie wesentliche Überraschungen wie Story-Wendungen vorwegnehmen. Trotzdem hat man mit den Erkenntnissen aus Trailern und Gameplay-Videos ein anderes Spielerlebnis als ohne sie. 

Mit einer monatelangen Marketing-Kampagne im Hinterkopf ist das Spielerlebnis eher antizipativ: Man weißt eigentlich schon, was als nächstes passiert.

So kamen mir die Rätsel in der Vollversion von The Legend of Zelda – Skyward Sword am Ende nicht mehr wie Rätsel vor, die man lösen muss. Sondern wie eine Möglichkeit, das längst Gesehene einmal selbst auszuprobieren. Das ist auch der Grund, glaube ich, warum Fans oft genervt sind von Support-Charakteren wie Navi und Phai, die ihnen Rätsellösungen quasi vorsagen. Sie sind eigentlich für all diejenigen da, die noch nicht aus zahlreichen Trailern wissen, wie die Spielmechaniken funktionieren.

Rätsel mit Hintergrundwissen zu lösen, ist auch unterhaltsam. Aber wie befriedigend wäre es wohl gewesen, selbst durch Ausprobieren und Experimentieren auf die Lösung zu kommen – so, wie es früher einmal war? Herauszufinden, dass man Bomben auch rollen kann? Dass jeder Gegner auf eine bestimmte Art und Weise besiegt werden muss? Dass man Dungeons auch mal wiederbesuchen muss? Früher, erinnere ich, ging ich so unbedarft an das Spiel heran.

Je näher heute der Release einer Vollversion rückt, desto konkreter werden die Videos und Trailer. Die ersten fünf, sechs Stunden von Skyward Sword waren bereits einen Monat vor Release fast komplett im Internet zu sehen, teils von Nintendo selbst veröffentlicht, teils von Online-Magazinen, Blogs oder YouTubern. Heute, fünf Jahre später, ist diese gesteuerte Vorab-Bewerbung über Soziale Medien natürlich noch extremer geworden. Das ist gut zu erkennen an Titeln wie Super Mario 3D World, bei dem Nintendo im letzten Trailer alle wichtigen Geheimnisse gelüftet hat. Oder bei Captain Toad – Treasure Tracker: Nintendo zeigte einmal alle Levels im Schnelldurchlauf. Mit einem Format wie Nintendo Direct forciert Nintendo die nahezu komplette Enthüllung eines Spiels vor seinem Release wie kein anderer Publisher. Andere Entwickler werden zurecht oft dafür kritisiert, dass sie nur computeranimierte Kino-Trailer und kaum Gameplay-Material zeigen. Aber immerhin bleibt dafür das Spiel an sich eine Überraschung.

Nintendo braucht diese Werbung, die Berichterstattung und die Diskussion darüber in Sozialen Medien dringend für sein Marketing-Konzept. Je schwieriger es wird, die Aufmerksamkeit des normalen 08/15-Konsumenten zu bekommen, auf den täglich hunderte Werbeimpulse einprasseln, desto wichtiger wird es, immerhin die treuen Fans zu begeistern und als Promotoren zu gewinnen.

Mit Embargos will man bei der Vergabe der Testversionen verhindern, dass wirklich alles ungefiltert vorab zu sehen ist. Das ist grundsätzlich lobenswert, auch wenn Embargos immer öfter (auch von Nintendo) genutzt werden, um offenkundige Fehler eines Spiels bis zum Release zu verheimlichen, damit der mühselig aufgebaute Hype bewahrt wird. Doch die Einschränkungen der Berichterstattung sind nicht weltweit einheitlich, US-Medien zeigen beispielsweise oft Szenen, die für Europäer noch tabu sind. Immer wieder gibt es auch Exklusivvereinbarungen mit Magazinen, die bestimmte Inhalte vor allen anderen präsentieren dürfen. Weil das Internet keine Ländergrenzen kennt, verbreiten sich die Videos trotzdem global, so sind Embargos letztlich wenig wert.

Und damit zurück zu Zelda: Ich starte heute, wo es noch nicht zu spät ist, einen Selbstversuch. Ich werde ab jetzt nichts mehr zu The Legend of Zelda für Wii U lesen, sehen oder hören. Nicht bewusst zumindest.

Wie bekomme ich es hin, dass mich das neue The Legend of Zelda wieder überrascht? Ich muss wohl selbst künstlich eine Situation erzeugen, wie sie die allermeisten Nintendo-Kunden sowieso erleben. Sie informieren sich nicht aktiv über neue Spiele, sehen eher eines Tages einen neuen Zelda-Titel im Laden und nehmen ihn mit. Die vielen Marketing-Botschaften sind bei ihnen gar nicht angekommen. Sie erleben das Spiel fast ohne Vorwissen.

Kriege ich das auch hin? Trotz Doppelrolle als Zelda-Fan und Gaming-Redakteur? Mal schauen. Der Selbstversuch: Ich werde mir ab sofort keinen Zelda-Trailer, keine -Gameplay-Videos mehr anschauen. Ich werde mir während der E3 nicht die sicherlich sehr wohlklingenden Werbebotschaften der Herren Aonuma und Miyamoto anhören, nicht die Live-Demos für neue Items oder Spielmechaniken auswendig lernen. Und ich werde auch keine PR-Botschaften an mich heranlassen, die über die tatsächliche oder vermeintliche Beschaffenheit der Spielwelt schwadronieren. Am schwierigsten wird das im Herbst, wenn im Tagesrhythmus neue Clips und Bilder zum noch namenlosen The Legend of Zelda veröffentlicht werden.

Ich werde versuchen, meinen ersten und einzigen Eindruck von The Legend of Zelda für Wii U dann zu gewinnen, wenn ich selbst vor dem Bildschirm sitze und das Spiel spiele. Ich will mich überraschen lassen und selbst herausfinden, was die Entwickler sich haben einfallen lassen. Ich will mir nicht mehr im Stillen denken: „Ach, genau, das ist dieser Gegner aus dem Trailer“ und nicht mehr wissen, was am Ende eines Levels auf mich wartet, nicht mehr im Kopf abhaken, welche Endgegner ich schon kenne und welche wohl noch kommen müssen. Ich will nicht mehr wissen, wie man dieses oder jenes Rätsel löst oder damals im Gameplay-Trailer auf der E3 gelöst hat und wann man welches Item wofür benutzen soll.

Das alles geht wohl nur, wenn ich mit irgendwelchen Drogen eine temporäre Amnesie erzeuge ... oder indem ich mich von Nintendos Marketing fernhalte. Kein Hype. Dafür vielleicht überhöhte Erwartungen? Ob ich ohne monatelanges Marketing mehr oder weniger Lust auf das Produkt bekomme? Ich weiß es noch nicht. Aber ich werde über das Experiment und seinen Verlauf berichten.

Hinweis: die Kommentarsektion ist aktuell geschlossen.

9 Kommentare:


Katsch
vor 2 Jahren | 0
Viel Glück. ^^

luxxas
vor 2 Jahren | 0
Er hat halt verdammt nochmal recht.
Skyward Sword war für mich noch nicht soweit, da ich mich da im Internet noch nicht über Videospiele informierte und ich nicht so nen Riesen Hype um Zelda hatte.

Ist mir dann aber bei Majoras Mask 3D aber stark aufgefallen, wo ich jeden Trailer und jeden Artikel aufgesogen habe.

Ich mache mit!
Wir schaffen das :-)

Zanza
vor 2 Jahren | 0
Ich für mein Teil möchte aber schon gerne mal wieder was sehen von Zelda, so ein zweiminütiges Gameplay-Video aber im Prinzip hast du Recht, man brauch nicht etliche Videos wo dir erklärt wird wie was funktioniert, dass will und sollte man doch alleine rausfinden. Die spielerische Komponente geht ja praktisch verloren, dass herumexperimentieren sowieso.

Ich hab trotzdem Lust auf Zelda U!

ProG4M3r
vor 2 Jahren | 0
Zu Spielen die ich eh kaufen werde, gucke ich mir die Finale Marketingphase eh nicht sehr aufmerksam an. Noch der E3 Trailer und danach herrscht Sendepause über Zelda U!

sCryeR
vor 2 Jahren | 0
Ich mache dies schon einige Jahre so. Zwar sehe ich mir Trailer schon gerne an, gehe richtigem Spiele Material aber aus dem Weg.

Ich musste das mit den Bomben und den Augen selbst herausfinden und das mit dem Auge hat sogar einige Zeit gedauert, ich dachte mir zwar so etwas, aber aufgrund der Steuerung lief das nicht so wie erwartet.

Der Vergleich ist aber wirklich stark. In meiner Kindheit spielte ich mit meinen Freunden Oot und hatte regelmäßig einen gewissen WoW Effekt, heute muss man wirklich aufpassen, dass man nicht schon den Endboss kennt, bevor man das Spiel das erste Mal gestartet hat.

Das gefährlichste sind aber heute die Youtuber. Spoiler über Spoiler, jeder Winkel des Games und dies schon Wochen vor dem Release..

Ich habe bisher z. B. noch nie TP gespielt und gehen nun jeglichen Spoilern aus dem Weg.

KenSugisaki
vor 2 Jahren | 0
Tschüss Tim! Wir sehen uns dann 2017! Hoffe dir gefällt das Jahr offline.

-Ich versteh aber nicht, warum man kein Zelda-Spoiler möchte. Außer man möchte erkennen, dass die neueren Teile für die Tonne waren.

Belphegor
vor 2 Jahren | 0
Lol das mache ich seit Jahren mit Kinotrailern und auch spielen. Teaser 1, Teaser 2 und Trailer 1 werden geschaut um zu sehen ob das Produkt etwas für einen ist. Alles danach wird gemieden. Bei Filmen halt noch krasser als bei spielen aber bei spielen les ich meistens auch nur die relevanten Dinge: wann kommt es, was ist es und wie sieht es in etwa aus. Ich analysiere keine Einzelbilder Step für Step und nehme Trailer sekundengenau auseinander.

Der R
vor 2 Jahren | 0
Und der Preis für die größte gespaltene Persönlichkeit .....geht aaaaan ....Belphegor ^^

"Ich analysiere keine Einzelbilder Step für Step und nehme Trailer sekundengenau auseinander."

(Leerzeichen vor dem "-zelda" entfernen)
http://wiiux.de/forum/3-spiele/17549-the-legend-of-zelda?start=650#122917

zocker-hias
vor 2 Jahren | 0
Da hast du aber mal wirklich recht!

Ich erinner mich noch wie es bei Zelda 1 oder Zelda 3 war oder auch Ocarina of time war damals kaum was bekannt... Wow es war so erfrischend, so anders. Mir ging es auch so bei Xenoblade Chronicles auf der Wii oder Last Story. Ich kannte nichts, ich hatte keine Erwartungen und ich wurde dermassen überrascht...

Sehr guter Selbstversuch!
ich versuche mal mich auch zu versuchen und nicht in Versuchung zu geraten...

...und ja, auch wenn man es unterbwußt macht, aber man hakt ab welche Dinge man schon kennt oder gesehen hat.