Test: Mass Effect 3: Special Edition

Von Stefan Finke am 13. Dezember 2012

Electronic Arts hat nun endlich entschieden, dass auch Nintendospieler richtige Shepards werden können. Mass Effect macht mit dem letzten Teil der Trilogie sein Debüt auf der Wii U, womit wir schon bei einem Problem sind, wenn nicht sogar „dem“ Problem: Die gesamte Reihe von Mass Effect erzählt eine durchgängige, nahtlose Geschichte und die Spielerfahrung hängt sehr stark davon ab, inwiefern ihr die bereits vergangenen Ereignisse und Beziehungen nachvollziehen könnt. Spieler, welche die ersten beiden Teile bereits gespielt haben, haben dieses Problem nicht, alle Neueinsteiger werden durch einen zwanzigminütigen interaktiven Comic aufgefangen, in welchem die Geschichte nacherzählt wird. In diesem könnt ihr auch einige Entscheidungen fällen, welche die Ausgangssituation eures Mass Effect 3-Abenteuers beeinflussen. Eine recht elegante Lösung, es ist jedoch fraglich, ob Mass Effect 3 damit auch als Standalone-Titel zufriedenstellen kann. Zudem stellt sich auch die Frage, was an der „Mass Effect 3 Special Edition“ so „special“ ist. Auch interessant wäre zu wissen, wie sich das Spiel technisch auf der Wii U schlägt. Und wie auch Shepard, gehen wir nun mit ungeklärten Fragen los.

Ich habe es euch doch gesagt....
….die Reaper greifen an! Diese Erkenntnis packt einen unweigerlich gleich nach einigen Minuten. Commander Shepard, welcher mittlerweile suspendiert ist und ebenso Schiff und Crew vermisst, wird plötzlich zur Ratsversammlung einberufen. Kaum sind ein paar Worte gewechselt, ertönt auf einmal ein riesiger Knall und das Gebäude zerbricht fast unter den röhrenden Attacken der Reaper. Die Maschinen-ähnliche Alienrasse greift das gesamte Universum an mit dem Ziel, jegliches organisches Leben zu vernichten. Millionen von Menschenleben erlöschen von Tag zu Tag und Shepard wird beauftragt, eine Lösung zu finden. Dazu muss er die zahlreichen Rassen im Universum vereinen, welche sich jedoch wegen etlicher Konflikte nicht immer ganz so gut verstehen. Die Turianer haben zum Beispiel versucht, die echsenartige Kroganerrasse durch das Genophage-Virus zum Aussterben zu bringen. Nicht verwunderlich, dass diese nun nicht gerade mit den Turianern zusammen arbeiten wollen. Zum Glück steht Shepard wieder sein altes Schiff, die Normandy, zur Verfügung. Ebenso trifft er wieder auf viele alte Freunde seiner Crew, welche Shepard in den beiden Vorgängnern kennengelernt hat, die ihm zur Seite stehen.


Commander Shepard! Schauen sie sich das mal an...
Mass Effect 3 mischt, wie auch seine Vorgänger, Rollenspiel und 3rd Person Shooter zusammen in einen Pott. Zu Beginn des Spiels dürft ihr euch euren Shepard zusammenbasteln, dafür stehen euch etliche kosmetische Mittel zur Verfügung. Auch wählt ihr eure Klasse aus, die eure Kampffähigkeiten maßgeblich auslegt. Hier könnt ihr ganz nach euren Vorlieben auswählen. Mögt ihr es mit kräftigen Wummen dem Gegner voll entgegenzubrettern, so seid ihr mit dem Soldaten bestens bedient. Die Infiltratorklasse kommt denjenigen zugute, die lieber über Unsichtbarkeit und Präsizionsgewehre still und heimlich Gegner schon aus großer Distanz ausschalten wollen. Oder ihr seid ein gekonnter Biotikmeister und wirkt nützlich Zauber, mit denen ihr die Gegner außer Gefecht setzt oder sie hilflos in der Luft herumfliegen lasst.

Anschließend wählt ihr noch aus, in welcher Art ihr das Spiel genießen wollt, denn ihr könnt zwischen Action, Rollenspiel und Storymodus auswählen. Diese Modi neigen das Spiel in ihre entsprechende Tendenz. Mit der Actionvariante verzichtet man auf Entscheidungen im Dialog, während im Storymodus die Kampfanteile im Spiel deutlich einfacher sind und somit weniger Zeit in Anspruch nehmen. Die Rollenspielvariante ist eine gute Mischung aus beidem und soll der originalen Mass Effect-Erfahrung am Nähesten kommen.

Sobald ihr wieder mobil seid, dient euer Raumschiff als eure Zentrale, von der aus ihr alle Möglichkeiten nutzen könnt, die Mass Effect 3 zu bieten hat. Das Spiel ist missionsbasierend aufgebaut und ihr könnt frei zwischen Sidequests und der Mainquest wählen und sie in beliebiger Reihenfolge spielen. Viele der Missionen könnt ihr einfach beim Belauschen fremder Gespräche aufschnappen oder Personen wenden sich direkt an euch. An eurem persönlichen Terminal erhaltet ihr etliche Nachrichten und auch neue Aufträge. Bevor ihr aber rausfliegt und einen Zielort ansteuert, könnt ihr eure Ausrüstung verbessern. Ihr könnt euer Waffenarsenal auswählen und bis zu fünf Waffen verschiedener Gattungen bei euch führen. Aber Vorsicht! Schnell ist das Gewichtslimit überschritten und eure Fähigkeiten im Kampf laden sich langsamer auf. Es sei also gut überlegt, welche Waffen man mit sich führen möchte. An verschiedenen Orten könnt ihr Waffenupgrades kaufen oder auch neue Schutzanzüge. Jede Waffe kann mit bis zu zwei Upgrades aufgepeppt werden, welche ihre Eigenschaften verbessern.

Ein Krieg frisst Ressourcen und Shepards Aufgabe ist es nun, das Universum für eben diesen zu mobilisieren. Ihr könnt einzelne System ansteuern und einen Scan durchführen, womit ihr auf einzelnen Planeten Ressourcen finden könnt. Sollten sich jedoch Reaper im selben System befinden, so können diese sehr feindlich auf eure Scanversuche reagieren.

Solltet ihr euch auf der Übersichtskarte für eine Mission entschieden haben, so könnt ihr diese mit der Normandy ansteuern. Meist müsst ihr nun die Waffen bereit halten, denn die meisten Probleme sind nur durch direkte Waffengewalt zu lösen. So müsst ihr zum Beispiel die Studenten einer Akademie aus den Machenschaften der Cerberusinitiative befreien. Ganz typisch wie in einem 3rd-Person-Shooter, begebt ihr euch in Deckung und heizt euren Gegnern mächtig ein. Doch Vorsicht, die KI der Gegner ist meist schlau genug, um euch von allen Seite zu flankieren, und so könnt ihr nur selten hinter einer Deckung verharren und müsst auch eure Teamkollegen klug nutzen.

Besonders gefährlich können euch Gegner werden, die sich auf Vorsprüngen und höheren Ebenen verschanzen. Mit dem A-Knopf könnt ihr in Deckung gehen, kleinere Hechtsprünge und Ausweichrollen ausführen und euch generell durch das Gelände bewegen. Zielen und Schießen könnt ihr mit den beiden Trigger-Tasten ZL und ZR. Die Kampfeinlagen sind immer wieder mit dynamischen Szenen und Dialogen durchzogen, welche den Missionen eine erfrischende und auch spannende Tiefe geben.


Im Laufe eurer Reise trefft ihr auf eine Menge von Personen, mit denen ihr etliche Gespräche führt. In fast jedem Gespräch stehen euch mehrere Optionen zur Verfügung, die euch anders antworten lassen, womit ihr einen erheblichen Einfluss auf eure Umgebungen und Beziehungen habt. Oftmals können auch kleinere Entscheidungen langfristige Folgen mit sich bringen. Shepard kann auf verschiedene Arten und Weisen den Respekt seiner bzw. ihrer Mitsoldaten gewinnen oder kommt unterschiedlichen Frauen, oder dem Geschlecht entsprechend Männern, näher.

Shepard muss als führende Person oft schwierige Entscheidungen treffen und es ist spannend, selbst mit diesen Entscheidungen zu kämpfen, da sie auch manchmal Opfer verlangen. Die Dialoge sind neben dem Kampfgeschehen einer der großen Pfeiler von Mass Effect. Als nette Beigabe spendiert Mass Effect 3 noch einen Multiplayermodus, der auch auf der Wii U wunderbar funktioniert hat. Jedoch liegt bei Mass Effect 3 der Fokus auf dem Singleplayer.


Die Mischung aus dynamischen und actionreichen Kämpfen und der Tiefe und Ruhe von den oft gefühlsbetonten Dialogen zeichnet die wahre Stärke des Spiels aus. Die Ausgewogenheit bremst euch an keiner Stelle, man ist immer motiviert weiterzumachen und die Geschichte weiterzuverfolgen, ob nun kämpfend oder einfach nur im Dialog.

Mass Effect 3 auf der Wii U
Die Grafik kann sich wirklich sehen lassen. Das gesamte Spiel ist von einer düsteren und bedrückenen Atmosphäre geprägt und auch auf der Wii U könnt ihr euch hier auf einen Augenschmauß freuen. Erwartet jedoch nicht mehr, denn Verbesserungen im Vergleich zu den Versionen auf PS3 und XBox 360 wurden nicht vorgenommen. Doch ist es natürlich auch oft eine Frage, wie das Spiel inszeniert wird. Und wenn euer Protheaner-Freund Garrus vor seinem brennenden Heimatplaneten steht, dann ist dies doch schon ein beeindruckendes Bild. Zu bemängeln gibt es jedoch auch etwas: Die Framerate bricht ab und zu mal ein, wenn man sich durch die objektreiche Stadt der Citadel bewegt.

Einige Patzer, die mehr oder wenig komisch sind, passieren auch. So flackern manche Charaktere kurz vorm Dialogstart oder schweben verbuggt durch die Gegend herum. Alles nicht ganz so schön, aber so richtig schlimm ist es auch nicht. Ein wenig enttäuschend ist jedoch die Mimik der Charaktere. Diese wirkt manchmal etwas zu starr und man merkt deutlich, wie diese der Dynamik der Dialoge hinterherhinkt. Positiv anzumerken ist die Nahtlosigkeit zwischen Dialog und dem Spiel. Während andere Spiele recht klar zwischen Spiel und gerenderten Zwischensequenzen trennen, zeigt Mass Effect hier, dass es auch anders geht und erzeugt somit ein sehr flüssiges Spielerlebnis. Hintergrundmusik wird meist nur Spannungserzeugung mit eingeflochten und fügt sich nahtlos ein in die apokalyptische Szenerie, die sich durch den Angriff der Reaper bildet.


Mit dem Wii U GamePad auf Gefechtsstation
Kommen wir nochmal auf die Frage zurück, warum diese Mass Effect 3-Portierung denn mit dem Zusatz „Special Edition“ geschmückt worden ist. Das Spiel kommt zwar durchaus mit vielen Mulitplayer-DLCs und mit einem erweiterten Ende (welches auf den anderen Konsolen kostenlos zum Download zur Verfügung steht), aber die Story-DLCs Omega und Leviathan fehlen. Das ist sehr schade, denn eigentlich vermissen Nintendospieler ja sowieso schon die ersten beiden Teile. Es könnte natürlich durchaus sein, dass diese DLCs noch im eShop erscheinen, wer weiß? Dies wäre jedoch schon etwas dreist, denn auch so zahlt man für Mass Effect 3 den vollen Preis, während die anderen Konsolen-Pendants schon für viel weniger angeboten werden.

Nun aber zum erfreulichen Teil des Wii U-Ports: Die Integration des Gamepads. Wahlweise könnt ihr das Spiel auf dem Fernseher spielen oder komplett auf dem Gamepad selbst. Dieses Feature ist gerne gesehen und ist zugleich sehr bequem. Außerdem ist es immer wieder faszinierend, Spiele mit einem solchen Niveau nun in den Händen zu halten. Solltet ihr jedoch auf dem heimischen Fernseher zocken, so nimmt das Gamepad eine unterstützende Rolle ein. Meist ist eine Karte eingeblendet, mit welcher ihr euch orientieren könnt. Es dient auch als Radar und zeigt euch gegnerische Feinde an. Ihr könnt eure Gefährten taktisch über Touchscreen auf dem Schlachtfeld verteilen, und dies ist eine besonders bequeme Lösung im Vergleich zu den anderen Konsolenversionen. Auch ist der Touchscreen mit einigen Shortcuts bestückt, womit ihr eure eigenen Fähigkeiten oder insbesondere die eurer Gefährten wirken könnt. Dies ist jedoch fast eher suboptimal, denn während man dies normalerweise über ein Ringmenü machte und damit das gesamte Kampfgeschehen pausierte, müsst ihr beim Aktivieren über das Gamepad kurz vom TV-Bildschirm wegschauen, was euch dann schonmal das Leben kosten kann.

FAZIT:
Selten kann ein Spiel so dermaßen beeindrucken wie Mass Effect. Aber hier auch mit gutem Grund, denn es macht wenig falsch und setzt sich gekonnt in Szene. Der Wechsel zwischen ruhigen und actionreichen Passagen ist fantastisch, unnötige Spielmechaniken halten euch nicht allzu lange auf. Die Möglichkeiten, Informationen einfach aufzuschnappen und frei zu entscheiden, welchen Missionen man nachgehen will, sorgt für die nötige Freiheit, die Welt um Mass Effect nach dem eigenen Ermessen zu erkunden. Diese Welt ist wiederum sehr interessant und zieht den Spieler schnell in ihren Bann. Aber genau da setzt ein großer Kritikpunkt an: Bei einer so komplexen und langlebigen Welt wie der von Mass Effect ist es einfach nur schade, wenn man vorher nicht die ersten zwei Teile gespielt hat. Viele Personen und Geschehnisse bleiben fremd und Mass Effect-Neulinge können sie nur schwerlich verstehen. Und warum ist Story-DLC wie Omega und Leviathan nicht in einer „Special-Edition“ enthalten, die nun als Vollpreisspiel verkauft wird? Wer bereits die ersten beiden Teile gespielt hat und nun auf Wii U noch einen Titel zum Zocken sucht, der sollte auf jeden Fall zu dieser Perle greifen. Auch als Standalone-Titel kann Mass Effect 3 in tiefen Zügen genossen werden, man sollte sich aber über einige inhaltliche Abstriche im Klaren sein. Das Spiel leistet sich technisch einige Patzer. Doch die sind so geringfügig, dass man schon wirklich Lust am Meckern haben muss, um sie hervorzuheben.

Wertung:

8.5

Stefan Finke meint:

"Mass Effect 3 ist und bleibt ein Geniestreich der Videospielgeschichte, auch für die Wii U. Schade nur, dass die fast unabdingbaren Vorgänger dem geneigten Nintendospieler noch vorenthalten sind."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Sehr gut
Technik: Sehr gut
Hinweis: die Kommentarsektion ist aktuell geschlossen.

7 Kommentare:


Nakuri
vor 8 Jahren | 0
Test

DarkLord
vor 8 Jahren | 0
Wie passt denn Sehr gut bis Herrausragend zu einer 8,5? Vor allem wenn ME3 ein Geniestreich sein soll?
Naja, werds mir wohl trotzdem für die WiiU holen, obwohl ich die vorgänger für die 360 habe... ich mag den Controller einfach ;-)

Baer
vor 8 Jahren | 0
Wieso passt es nicht? Berechnest du die Note nur mit den 3 Angaben für Technik/Spielerlebnis/Umfang, dann kommst du per Dreisatz ganz leicht auf 8,9~
Du hast aber sicherlich recht, Geniestriech hört sich da eher nach einer 9er Wertung an, aber das sei mal da hingestellt :)

Daveart
vor 8 Jahren | 0
@ Darklord

Weil, wenn du dir die Erklärung für die Bewertungen auf WiiUX durchgelesen hättest, du folgendes bemerkt haben müsstest:

1. Es wird in 0,5er Schritten bewertet. Es kann also niemals zum Beispiel eine 8.3 oder 8.7 Wertung geben.

2. 8,5 bedeutet im Grunde "Sehr gut", wenn man die Anzahl der Adjektive, mit der Anzahl der Einordnungen des Punktesystems vergleicht, und

3. Das Spiel ist laut WiiUX Wertung 3 (0,5er) Wertungsschritte von der Höchstwertung 10 entfernt. Also...

Daher passt alles zusammen, musst nur mal nachlesen.

Samus_Aran
vor 8 Jahren | 0
Außerdem sei nochmal darauf hingewiesen, dass die Gesamtwertung UNABHÄNGIG von den Teilwertungen ist. Da kann es also schonmal ein bisschen beabsichtigte Varianz geben :)

DarkLord
vor 8 Jahren | 0
@Alle:
Was nicht passt ist die Beschreibung der Bewertungen.

8-8,5: Spiele mit sorgfältig durchdachten Konzepten und dem nötigen Feinschliff. Wenn man nicht gerade eine Abneigung gegen das Genre oder einen anderen Aspekt dieser Spiele hegt, sollte man sie spielen.
Hört sich nicht nach einem "Geniestreich" an.
Das ist ein Geniestreich:
9-10: Die Höchstwertungen heben wir uns für Spiele auf, die keine nennenswerten Fehler machen und gleichzeitig etwas Einzigartiges bieten. Wer sich diese Werke entgehen lässt, verpasst etwas Großartiges. Hier gilt eine uneingeschränkte Kaufempfehlung.

Und wenn man die einzelnen Wertungen in ein 10er-System umrechnen will (auch wenn diese unabhängig von der Endwertung sein sollen) kommt man ganz schnell auf eine 8,9x, wie Von Baer schon richtig schrieb. Warum sollte man das auf 8,5 statt 9,0 runden?
Ist mir persönlich zwar egal, aber ist mir halt aufgefallen und ich finde es immer noch unpassend. Aber ich werd dann ja selber sehen was passt ^^

zuv187
vor 6 Jahren | 0
Also ich finde es gut, dass es für die U erschienen ist. Leider ohne die Vorgänger... Die Geschichte kann man in eine Art Cartoon nachholen.

Mir hat das Spiel jedoch nicht so sehr gefallen. KI war nicht gut. Allgemein mag ich so Alien Sachen nicht, bis auf Dead Space...