Test: Chasing Aurora

Von Lars Peterke am 23. Dezember 2012

Bestimmt hat sich jeder schon einmal gefragt, wie es wäre, ein Vogel zu sein. Man könnte überall hinfliegen, den Wind spüren und frei sein. Im wahrsten Sinne des Wortes beflügelt hat dieser Gedanke die Jungs und Mädels von Broken Rules. Das Indie-Studio aus der schönen Stadt Wien wurde 2006 mit dem kreativen WiiWare-Titel „And Yet It Moves“ bekannt und konnte damit beispielsweise auf dem Independent Games Festival einiges Lob einheimsen. Wohl gerade deshalb gehört das Studio nun zu den ersten Entwicklern, die mit Nintendos Unterstützung den eShop auf der Wii U mit einem Exklusivling beglücken. Er trägt den Titel „Chasing Aurora“ und soll all diejenigen begeistern, die vom Fliegen träumen. Ob es nur dabei bleibt oder ob auch das Spiel selbst ein Überflieger ist, klären wir in unserem Test.

Fiderallala, Fiderallala, Fiderallalalala

Bei einem Spiel rund um das Thema Fliegen denkt man als Videospieler meist an Kampfjets, Drachen oder Raumschiffe. Die Hauptprotagonisten in Chasing Aurora sind jedoch Vögel, von denen ihr euch nach dem Spielstart jeweils einen aussucht. Da gibt es beispielsweise Fex, den Bartgeier, Storm, die Krähe, oder den Kranich Solitute. Jeder Vogel wurde dabei phantasievoll ausgestaltet und sieht ein bisschen aus wie aus Origami-Papier gefaltet. Anschließend muss man mit diesem Vogel nicht nur einem Heavy Rain trotzen, sondern sich auch vor Wind, Wasser oder gar Steinschlägen und Blitzen in Acht nehmen.

Wer das Spiel startet, wird zunächst von einem stimmigen Startbildschirm begrüßt, auf dem man die Wahl zwischen zwei Modi hat. Der erste Modus trägt den simplen Namen „Challenge“ und ist nur für einen Spieler gedacht. Die Steuerung ist dabei sehr einfach gehalten: ihr lenkt euren Vogel mit dem Analog-Stick, drückt den A-Knopf, um mit einem Flügelschlag nach vorn zu flattern, und benutzt die rechte Schultertaste, um im Sturzflug gen Boden zu sausen. Auf einem Intro-Bildschirm könnt ihr mit eurem Charakter direkt losflattern und ein Gefühl für die Spielphysik entwickeln. Dies ist auch ein netter Zeitüberbrücker, wenn ihr im Multiplayer spielt und eure Spielpartner gerade ihre Wii-Mote registrieren oder Charaktere wählen.

Im Anschluss versucht ihr euch an der ersten von insgesamt 20 Challenges. Jede Challenge ist ein kleines Areal mit unterschiedlichen Hindernissen, in dem ihr einen kurvigen Rundkurs möglichst fehlerlos durchfliegen müsst. Sobald die Challenge beginnt, habt ihr nun eine sehr begrenzte Anzahl an Sekunden, um diesen Kurs so oft wie möglich zu durchfliegen. Dazu wird euch in jeder Challenge eine Rundenanzahl vorgegeben. Doch verpasst ihr auch nur einen einzigen der vielen kleinen Checkpoints im Kursverlauf, wird die Runde nicht gezählt. In regelmäßigen Abständen geben euch manche Checkpoint-Linien aber einen kleinen Zeitbonus. 

Euer erklärtes Hauptziel sollte es nun sein, die vorgegebene Rundenanzahl zu erreichen, bevor die Zeit abgelaufen ist. Schafft ihr dies, gibt es einen dicken Zeitbonus und der Rundenzähler beginnt von vorn. So geht es also im Endeffekt darum, immer und immer wieder eine identische, perfekte Runde zu fliegen. Dadurch verzögert ihr das Spielende immer weiter und kassiert massig Punkte. Je nach Score bekommt ihr am Ende dann bis zu drei Sterne, die im Auswahlmenü unter der entsprechenden Challenge aufgeführt werden.

Leider sind 20 Challenges etwas wenig und nach circa 30 Minuten sollte man jede Challenge einmal gespielt haben. Wenn man nun keine unstillbare Sucht nach „100%!!!“ hat, dürfte der Modus ab hier seinen kompletten Reiz verlieren. Genau deshalb steht dieser Modus im Menü aber nur an zweiter Stelle. Das eigentliche Herzstück von Chasing Aurora ist der Modus „Tournament“, der von zwei bis fünf Spielern gleichzeitig gespielt werden kann. Dieser unterteilt sich nochmals in drei verschiedene Spielvarianten, welche allesamt auf klassischen Kinderspielen basieren. Im Hauptmenü lassen sich dann verschiedene Zusammenstellungen aus Modi und Leveln spielen. Es ist aber auch möglich, nur einen Modus zu spielen oder sich von der Zufallsauswahl überraschen zu lassen. 

„Die Vögel“ mal anders

Die ersten beiden Modi setzen voll auf asymmetrisches Gameplay. Ein Spieler benutzt hierbei das GamePad und bis zu vier Mitspieler klinken sich mit einer Wii-Remote (plus optionales Nunchuk) in das Spiel ein und treten gegen ihn an. Nach jeder Runde muss das GamePad weitergereicht werden, sodass jeder Spieler einmal in die andere Rolle schlüpfen kann. Sind alle Runden gespielt, werden die Punkte zusammengezählt und der beste Spieler gewinnt.

Im Modus „Hide & Seek“ wird dann ganz klassisch verstecken gespielt. Die vier Spieler am Fernsehbildschirm müssen versuchen, dem GamePad-Spieler eine goldene Kugel zu klauen. Da der Spieler am GamePad bei diesem Modus die Form eines goldenen Vogels annimmt und besonders flink und agil ist, müssen sich die Mitspieler genau absprechen. Der einzige Anhaltspunkt für sie ist ein sanfter Goldschweif den der GamePad-Spieler hinter sich herzieht. Um dem Modus noch etwas mehr Würze zu verleihen, kann der GamePad-Spieler durch einen Druck auf die linke Schultertaste seine goldene Kugel jederzeit abwerfen. Dadurch kann er seine Mitspieler austricksen und auf eine falsche Fährte locken. 

Der zweite Modus hört auf den Namen „Freeze“. Hier steuert der Spieler am GamePad einen Eisvogel und muss die anderen Spieler einfangen und einfrieren, bevor die Zeit abläuft. Auch hier hat der GamePad-Spieler durch erhöhte Schnelligkeit und Agilität einen Vorteil gegenüber seinen Kontrahenten.

Der dritte und letzte Modus heißt „Chase“. Hierbei sind alle Spieler gleichgestellt und der Spieler am GamePad kann ebenfalls auf den Fernsehbildschirm schauen. Zu Beginn einer Chase-Runde starten alle Spieler an derselben Stelle und finden vor sich eine goldene Kugel. Diese muss jeder Spieler nun versuchen zu schnappen und anschließend mit ihr flüchten. Die Kamera zentriert sich dabei immer auf den Spieler, der mit seinem Vogel gerade im Besitz der goldenen Kugel ist. Gelingt es diesem Spieler nun, sich so weit von seinen Mitstreitern zu entfernen, dass diese aus dem Sichtbereich des Bildschirms verschwinden, so verlieren diese jeweils ein Leben. Jeder Spieler hat drei Leben und wer als Letzer übrig bleibt, gewinnt die Chase.

Kreativität und Gameplay-Schwächen

Die Grundkonzepte von Chasing Aurora sind durchaus spannend und besonders die Modi mit asymmetrischem Gameplay haben viel Potential. Allerdings ziehen sich diverse Schwächen durch den Titel und schmälern den Spielspaß. Der Challenge-Modus für Solisten beispielsweise leidet stark unter seiner Gameplay-Redundanz. Mit der Spielaufgabe, einen Rundkurs immer gleich gut zu durchfliegen, kommt recht schnell Langeweile auf und man bekommt das Gefühl, etwas furchtbar Sinnloses zu tun. Außerdem ist der Challenge-Modus zu kurzweilig geraten. Auf einem Handheld wäre er eine adäquate Herangehensweise, doch für ein Spieler, der mit dem GamePad auf der Couch im Wohnzimmer sitzt, dürfte dies zu wenig sein.

Die Probleme des Challenge-Modus sind an sich zu verschmerzen, denn zweifelsfrei gibt es Spielertypen, für die die obige Kritik keine Relevanz hat. Traurigerweise macht der Mehrspieler-Modus bei den zwei asymmetrischen Spielvarianten Hide & Seek und Freeze aber einen noch viel banaleren und gravierenderen Fehler: es gibt keine CPU-Mitspieler, die leere Spielerslots ausfüllen. Dies führt dazu, dass die Duelle nur mit voller Spieleranzahl wirklich gut ausbalanciert sind. In allen anderen Fällen ist der Spieler am GamePad einfach zu mächtig. So ist es nur der Spielmodus Chase, der durchweg überzeugen kann.

Woher diese Fehler im Gamedesign kommen, bleibt fraglich. Denn allein die fantastische Inszenierung der Credits zeugt von einem ungeheuren Maß an Herzblut und Detaildrang seitens der Entwickler. Auch die grafische Präsentation und der einzigartige Stil sind ein großer Pluspunkt. Die Soundeffekte stehen der visuellen Präsentation in nichts nach und ergänzen diese hervorragend. Ein weiteres bedauerliches Manko sind die stellenweisen Framerate-Einbrüche. Auch wenn diese sehr gering ausfallen, schmälern sie die Spielerfahrung deutlich. Wenn man ein Spiel über das Fliegen entwickelt und dazu eine Steuerung entwickelt, die wie von selbst von der Hand geht und hochintuitiv ist, sollte man eigentlich denken, dass die Entwickler alles tun, um diese Spielerfahrung nicht durch ein Detail wie ein manchmal nicht perfekt flüssig scrollenden Screen wieder zu zerstören.

FAZIT:

Chasing Aurora ist unter dem Strich objektiv ein gutes Spiel und wenn noch weitere Indie-Entwickler ihre Konzepte auf Wii U umsetzen, dann stehen uns wirklich goldene Zeiten bevor. Die Entwickler haben an viele Details gedacht, um eine perfekte Spielerfahrung zu bieten. Objektiv zu sein, bedeutet aber auch, nicht über die Gameplay-Schnitzer hinwegzusehen. Die Multiplayer-Modi bieten keine CPU-Mitspieler und der Modus für Einzelspieler enthält zu wenig, um zu begeistern. Außerdem ist ein Preis von 11,99€ für das Gesamtpaket mehr als happig. Wer auf der Suche nach einem tollen Multiplayer-Titel ist und oft vier Spieler zur Hand hat, um das Potential dieses Titels auszureizen, der sollte durchaus einen Blick riskieren. Alle anderen werfen lieber einen Blick auf Nintendo Land. Dieser Titel bietet mehr Inhalt für euer Geld und ist interessanter für Solisten.

Wertung:

6.5

Lars Peterke meint:

"Ein toller Multiplayer-Titel, der durch einige Schnitzer im Gamedesign aber nur zu fünft wirklich Spaß macht. Für Solisten wird zu wenig geboten."
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1 Kommentare:


Der R
vor 7 Jahren | 0
Finde den Titel nicht schlecht. Optisch gefällt er mir sogar recht gut. Der Spielspaß aber war leider nur von wirklich sehr sehr kurzer Dauer.Für eine gute Wertung ist der Umfang einfach zu mager.