Test: Marvel Avengers: Kampf um die Erde

Von Andreas Held am 02. Januar 2013

Wii U ist einen Monat alt, die wichtigen Launch-Titel sind abgearbeitet und für einen Redakteur tritt nun wieder der Alltag ein. Und zu diesem gehört leider auch das Testen von Lizenzspielen. Mit Marvel Avengers: Kampf um die Erde versuchte sich Ubisoft an einem Titel, der nicht an irgendeinen Film gebunden war, sondern frei entwickelt werden konnte. Das ist eigentlich ein gutes Zeichen, denn so ist man bei der Entwicklung frei von unumstößlichen Launch-Terminen und anderen äußeren Einflüssen, was zumindest den aktuellen Batman-Spielen sehr gut getan hat. Wir haben uns angesehen, ob Ubisoft mit ähnlich viel Arbeitsmoral an dieses Projekt herangegangen ist, oder ob es sich letztendlich doch nur um einen simplen Lizenztitel von minderer Qualität handelt.

Klopperei der Comichelden
Marvel Avengers: Kampf um die Erde ist im weitesten Sinne ein Beat'em Up. Die Formulierung "im weitesten Sinne" verwenden wir an dieser Stelle, weil die Interaktionsmöglichkeiten des Spielers auf ein Minimum reduziert wurden. Zunächst einmal wird man feststellen, dass (bei Verwendung des GamePads) der Fernseher nicht unterstützt wird. Das Geschehen wird komplett auf den kleinen Bildschirm des Controllers verlagert. Dort steuert ihr euren Avenger dann in bester iPhone-Manier: Eine Möglichkeit, euren Kämpfer mit dem Analogstick direkt zu bewegen, gibt es nämlich nicht. Stattdessen werden auf dem Touchscreen ein paar Icons eingeblendet, die ihr antippen müsst, um die einzelnen Attacken auszuführen. Diese Icons sind immer gleich: Es gibt einen Button zum Verschießen von Projektilen, eine Nahkampfattacke und drei Superattacken. Wollt ihr eine Superattacke ausführen, muss danach noch ein Symbol auf dem Touchscreen nachgezeichnet werden - je genauer ihr das macht, desto mehr Schaden richtet die Attacke an. Diese Angriffe sind immer so konzipiert, dass sie zu einer dreiteiligen Combo verbunden werden können. Außerdem gibt es noch den obligatorischen Special Move für jeden Charakter, der erst eingesetzt werden kann, wenn ihr eine Energieleiste aufgeladen habt. Diese Superattacke, die auf den stilvollen Namen "Ultra" hört, wird ebenfalls durch einen einfachen Knopfdruck aktiviert - und spätestens an dieser Stelle werden Fans von King of Fighters oder Guilty Gear, die Stunden mit dem Erlernen von Spezialattacken verbracht haben, bittere Tränen weinen. Schließlich gibt es noch ein Icon, mit dem ihr euren Charakter austauschen könnt, denn in Marvel Avengers treten immer Zweierteams gegeneinander an.


Man ahnt es schon: Dieses Kampfsystem bietet nicht sonderlich viel Tiefgang. Um es etwas drastischer zu formulieren: Es ist so oberflächlich wie die Juroren in einer Model-Casting-Show. Das Spiel gibt sich zwar sogar ein bisschen Mühe, so zu tun, als ob es Möglichkeiten zum Taktieren gäbe: Man kann Attacken ausweichen und es gibt eine Art Stein-Schere-Papier-System, durch das bestimmte Super-Attacken andere Angriffe aushebeln können, wenn sie gleichzeitig eingesetzt werden. Das bringt jedoch nichts, denn ihr könnt ja nicht hellsehen und wisst deshalb nicht, was euer Kontrahent tun wird. Letztendlich verpasst man sich sogar ein Handicap, falls man versuchen sollte, den Gegner zu beobachten und gezielt zu kontern. Die beste "Strategie" in diesem Spiel ist es nämlich, möglichst schnell möglichst viele Attacken zu aktivieren und zu hoffen, dass diese ins Ziel treffen, bevor man selbst getroffen wird. Dazu gesellt sich noch ein größerer Designfehler: Einige Attacken haben extrem lange Animationen und der angreifende Spieler ist währenddessen dazu aufgefordert, möglichst oft auf den Touchscreen zu tippen, um entsprechend viele Treffer zu landen. Der andere Spieler ist derweil ohne Handlungsmöglichkeit zum Zusehen verdammt, was vor allem bei Kämpfen gegen die KI für Frust sorgt.

Optional und falls ihr im Besitz des entsprechenden Equipments seid, könnt ihr auch eine Wii-Remote samt Nunchuk für die Steuerung verwenden. Das ist im Multiplayer-Modus ohnehin notwendig, da nur ein GamePad unterstützt wird, aber auch als Solist könnt ihr auf die alten Controller umstellen - und dann erbarmt sich das Spiel sogar dazu, das Spielgeschehen auf dem Fernseher darzustellen. Verwendet ihr die Wii-Controller, wird jedem Move eures Kämpfers eine Taste zugewiesen, und diese werden netterweise immer eingeblendet, damit ihr nicht in die Verlegenheit kommt, eine Tastenbelegung erlernen zu müssen. Um Super-Attacken auszuführen, müsst ihr in dieser Variante in bester Just Dance-Manier die Bewegungen eures Kämpfers nachahmen, was dank der eingeschränkten Bewegungserkennung natürlich auch bequem vom Sofa aus funktioniert. Das Ausführen dieser Bewegungen geht aber schneller und vor allem deutlich einfacher als das Nachzeichnen der Symbole, sodass in Multiplayer-Duellen der GamePad-Spieler klar im Nachteil ist. Immerhin gibt es auch einen Coop-Modus, der dieses Manko etwas relativiert.

Ordentlicher Umfang, seichte Technik

Eins muss man Ubisoft lassen: Der gute Wille, die Disc mit Inhalt zu füllen, ist zumindest erkennbar. Insgesamt stehen euch 20 Helden und Superbösewichte aus dem Marvel-Universum zur Verfügung. Das ist jedoch mehr Schein als Sein, denn alle Figuren steuern sich absolut gleich. Der Hulk ist genauso agil wie Phoenix oder Black Widow, und Iron Man richtet mit seinem Raketenwerfer genauso viel Schaden an wie Nighthawk mit Pfeil und Bogen. Die Arenen sind ähnlich schwach betucht: Gerade mal fünf Stück gibt es, und die sind alle fünf eine runde Platte mit jeweils anderer Umgebung. Von komplexen Arenen, wie es sie in Dead or Alive oder Super Smash Bros. gibt, ist keine Spur.


In der Einzelspieler-Kampagne wird mit wenigen Cutscenes, die nur ein paar Sekunden dauern und aus mit Sprachausgabe unterlegten Standbildern bestehen, eine Story angedeutet. Es geht um die Skrulls - böse Gestaltwandler, die das Aussehen der Marvel-Helden annehmen und nun die Erde bedrohen. Das ist für Ubisoft natürlich praktisch, denn so muss man keine Gegenseite konzipieren, sondern kann die Avengers einfach untereinander kämpfen lassen und dem Spieler erzählen, es handele sich bei der Gegenseite um böse Doppelgänger. Zumindest auf dem Papier gibt es genug Stoff: In der Kampagne müssen in den fünf Arenen jeweils acht Kämpfe gewonnen werden, es gibt einen Challenge-Modus mit ähnlich vielen Herausforderungen (von denen einige jedoch über Uplay freigeschaltet werden müssen) und einen traditionellen Arcade-Modus. Hier kann man Bilder und Rangabzeichen freischalten, die man dann im Online-Modus zur Schau stellen könnte, wenn das Spiel einen Onlinemodus hätte. Auch alternative Outftits kann man sich erspielen; bei einigen Kostümen, die in der Galerie bereits anwählbar und somit auf der DVD enthalten sind, erzählt euch das Spiel jedoch, dass ihr diese als Teil eines DLC-Pakets freikaufen müsst.

Was Marvel Avengers jedoch das Genick bricht, ist die extreme Monotonie, die sich bereits nach wenigen Minuten einstellt. Es gibt keine Möglichkeiten, zu taktieren oder ein besserer Spieler zu werden. Das beweist auch die KI, denn zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Schwierigkeitsgrad ist kaum ein Unterschied feststellbar. Alles was ihr braucht ist ein bisschen Glück, um die KI-Gegner zu überrollen, und auf den höheren Stufen ist lediglich die Wahrscheinlichkeit größer, dass ihr auch selbst mal getroffen werdet. Somit läuft jeder Kampf sowohl im Einzel- als auch im Mehrspielermodus absolut gleich ab: Beide Spieler spammen ihre Attacken in der Hoffnung, dass möglichst viele davon ins Ziel treffen. Im Einzelspielermodus verlangt das Spiel also von euch, dass ihr mehrere dutzend Male den selben Kampf wiederholt. Alle paar Minuten grüßt hier das Murmeltier. Es ist nicht vorstellbar, dass sich ein Spieler, der die von der USK festgelegte Altersgrenze von zwölf Jahren überschreitet, länger als ein paar Minuten von diesem Spiel unterhalten fühlt.


Auch die Präsentation ist sehr dünn auf der Brust: Die lieblose Story erwähnten wir bereits, aber auch die Optik lässt zu wünschen übrig. Insgesamt erweckt das Spiel den Eindruck, dass man es abgesehen von der Auflösung auch auf der alten Wii hätte darstellen können. Die Gestaltung der Arenen und vor allem die Modellierung der Kämpfer sind absolut unterdurchschnittlich, und die Ultra-Attacken sehen selbst bei ihrer ersten Aktivierung schon langweilig aus. Da jeder Kämpfer neben generischen Projektil- und Nahkampfattacken nur vier Angriffe beherrscht, gibt es ohnehin nicht viele Animationen zu sehen. Dazu gesellen sich bei den Kamerafahrten zu Beginn eines Kampfes leichte, aber definitiv vorhandene Ruckler.

Fazit
Nintendo macht es vor, alle anderen machen es nach: Videospiele werden immer weiter vereinfacht, sodass die Zielgruppe immer mehr erweitert werden kann. Das ist zunächst nicht verwerflich und der Erfolg gibt diesen Spielen Recht, aber in diesem Fall ist Ubisoft meilenweit über das Ziel hinausgeschossen. Marvel Avengers: Kampf um die Erde wurde bis zur Banalität simplifiziert, sodass nun fast schon nicht mehr nur die Oma und die Großtante, sondern auch die Haustiere mitspielen können. Die Spieltiefe dieses Beat'em Ups ist eines Handyspiels unwürdig und selbst auf dem Downloadsektor gibt es für ein Drittel des Preises Kampfspiele, die deutlich besser ausgearbeitet sind, wie zum Beispiel Skullgirls. Dass sich ein Vollpreis-Prügler im Jahre 2012 dazu erdreistet, ohne einen Online-Modus daherzukommen und stattdessen den Spieler draufzahlen lässt, um bereits auf der Disc enthaltene Inhalte freizuschalten, ist sowieso indiskutabel. Zumindest in einigen Punkten ist ein guter Wille erkennbar, denn die zwar nur mäßige, aber zumindest weitestgehend fehlerfreie technische Umsetzung des Konzepts ist genauso wenig abzustreiten wie der für Genreverhältnisse überdurchschnittliche Umfang. Die extreme Monotonie im Spielgeschehen und die lieblose Präsentation sorgen aber trotzdem dafür, dass Marvel Avengers selbst im Mehrspielermodus schon nach wenigen Minuten langweilig wird. So, und jetzt entschuldigt mich, denn mein Goldfisch hat mich eben in einer Multiplayer-Partie übel abgezogen, und die Revanche steht noch aus...

Wertung:

4.5

Andreas Held meint:

"Mit dem Tiefgang eines Handy-Spiels, veralteter Grafik und einer lieblosen Präsentation ist Marvel Avengers nichts mehr als ein Lizenztitel, mit dem schnelles Geld verdient werden soll."
Spielerlebnis: Schlecht
Umfang: Gut
Technik: Durchschnittlich
Hinweis: die Kommentarsektion ist aktuell geschlossen.

1 Kommentare:


Konoe A. Mercury
vor 8 Jahren | 0
Ich selbst hab das Spiel nur kurz angespielt und gebe daher keine Wertung ab, von dem was ich gesehen habe dürfte es aber mit den 4,5 ganz gut hinkommen.

Der Test hingegen verdient mindestens eine 8,5. einzig die Kritik an Nintendos Versuch die Spiele simpler zu machen kann ich nicht ganz nachvollziehen. Natürlich will Nintendo mehr Spieler erreichen und fährt daher den Schwierigkeitsgrad herunter, anders als bei anderen baut Nintendo aber auch für erfahrene Spieler noch Anreize einbaut (die Bonuslevel bei Mario 3D Land sind deutlich zu anspruchsvoll für gelegenheitsspieler). Nintendo hat es zwar vorgemacht, aber alle machen es "falsch" nach.

Einen besondern Bonuspunkt bekommt das Review bei mir aber noch für die Aufführung eines der besten Beat'em Ups des letzten Jahres.