Test: Need For Speed - Most Wanted U

Von Lars Peterke am 27. März 2013

Über das traurige Verhältnis zwischen der Wii-Konsole und EA's Need for Speed-Reihe könnte man ein ziemlich dickes Buch schreiben. Pixelige Grafik, ungenaue Steuerung und fehlende Spielmodi prägten alle Need For Speed-Titel, die meist lieblos-abgespeckte Anpassungen der großen HD-Varianten waren. Einziger Lichtblick: Need for Speed Nitro, ein gut gemeinter Titel, der eigens für Wii entwickelt wurde, sich durch seinen Funracing-Einschlag aber erfolglos mit Mario Kart Wii messen musste. Nun hat Nintendo mit Wii U den Sprung in das HD-Zeitalter vollzogen und das nächste NFS-Spiel steht in den Startlöchern. "Need for Speed: Most Wanted" ist genau wie der letzte Serienableger mit dem Beinamen "Hot Pursuit" bei Criterion Games entstanden. Und die ehemaligen Burnout-Macher sind vom Fach, so viel ist sicher. Umso erfreulicher also, dass die (zugegeben etwas verspätete) Realisierung der Wii U-Fassung nicht an ein kleineres Studio abgegeben wurde, sondern direkt bei Criterion entstand. Dort ließ man verlauten, man sei von der Wii U-Konsole begeistert und würde mit "Need for Speed: Most Wanted U" eine überlegene Version des Titels abliefern. Ist dies also nun die große Wiedergutmachung?

Ein riesiger Sandkasten

Bisher wurde man in Need for Speed gerne durch durchgestylte Menüs geführt, hat seine Wagen getuned und auf einer Übersichtskarte die nächste Herausforderung ausgewählt. Das ganze Konstrukt wurde hin und wieder sogar mit aufgebauschten Storysequenzen angereichert, um den unwiderlegbaren Tiefpunkt der Serie mit "Need for Speed Undercover" zu markieren. Doch seit Criterion am Steuer ist, präsentiert sich Need for Speed völlig neu und bietet Arcaderacing in Reinkultur. Das ist auch beim neuen Teil, "Most Wanted", der Fall. Und wie der Name vermuten lässt, gibt es einen markanten Bezug zum gleichnamigen Titel aus dem Jahr 2005: Cops machen euch während der Rennen die Hölle heiß und versuchen, euch auszubremsen, verbauen den Weg mit Straßensperren oder legen Nagelbänder aus, um euer Vehikel fahruntüchtig zu machen.

Allerdings wurden die Entwickler bei Criterion Games nicht müde zu erklären, dass ihr neuer Racing-Titel keinesfalls eine Fortsetzung oder gar ein Remake des Spiels aus dem Jahre 2005 ist, sondern sich mehr als Neuinterpretation versteht. Und in der Tat ist beispielsweise von lästigen Spielmenüs nicht mehr viel übrig geblieben. Stattdessen werdet ihr direkt in eine riesige, offene Spielwelt geworfen und könnt tun und lassen, was ihr wollt. Die Erklärung der Spielinhalte und zu erledigenden Aufgaben wurde auf ein knappes Intro und Einleitungsrennen reduziert. Der Rest liegt bei euch.

Eine komplette abwechslungsreiche Stadt für den Spieler zum freien Erkunden zu konstruieren, darin ist Criterion Games seit dem vielumjubelten Burnout Paradise ein Profi. Eine besondere Neuerung dabei: alle Fahrzeuge sind direkt von Spielbeginn an verfügbar. Ihr müsst nur herausfinden, wo in der Spielwelt sie abgestellt sind, und dann einsteigen. Zusätzlich finden sich an jeder Ecke mehr oder weniger offensichtlich Abkürzungen, Sprungschanzen oder Querstraßen, die euch bei Rennen oder Fahrerflucht helfen. Das ist auch bitter nötig, um das Spielziel zu erreichen: den ersten Platz auf der "Most Wanted"-Liste.

Um dies zu bewerkstelligen, müsst ihr zunächst Speed Points sammeln. Habt ihr genug beisammen, wird die nächste "Most Wanted"-Herausforderung freigeschaltet und ihr könnt euch mit dem jeweiligen Kontrahenten um einen Aufstieg in der Rangliste duellieren. Crasht ihr ihn im Anschluss an das Rennen, gibt es sein Fahrzeug als zusätzliche Belohnung oben drauf. Überhaupt ist "crashen" das Zauberwort, denn so ganz los kommt Criterion nicht von der Burnout-Reihe. Ihr könnt all eure Gegner sowie die Autos der Cops rammen, in den Gegenverkehr drängen oder gegen eine Leitplanke schubsen. Dieses Prozedere wird "Takedown" genannt und macht nicht nur den Weg frei, sondern beschert euch außerdem ein paar Speed Points extra.

Der Clou an der ganzen Sache: Speed Points gibt es in großen und kleinen Mengen für absolut alles, was ihr dem Spiel anstellt. Egal ob Drifts, hohe Geschwindigkeiten auf bestimmten Streckenabschnitten, die eben genannten Takedowns oder das Ausführen von Stunts. Falls ihr keine Lust habt, die verschiedenen Herausforderungen zu erledigen, um die nötigen Speed Points zu ergattern, könnt ihr alternativ auch ein mehrstündiges Katz-und-Maus-Spiel mit den Cops anleiern und nach erfolgreicher Flucht die Punkte dafür einstreichen. Eurer Fantasie sind hier fast keine Grenzen gesetzt und ihr entscheidet selbst, wie ihr Need for Speed Most Wanted U spielt.

Dieser ganze Freiraum hat allerdings einen kleinen Nachteil: ihr werdet vom Spiel nicht an die Hand genommen und müsst selbst herausfinden, was euch geboten wird. Hin und wieder macht euch das Spiel aber auf Herausforderungen aufmerksam und markiert sie als rote Zielpunkte auf der Minimap, die euch übrigens auch über die Position von Cops, Straßensperren und Werkstätten aufklärt. Außerdem gibt es immer nur eine kleine Hand voll Herausforderungen, die ihr mit einem Fahrzeug bestreiten könnt. Wenn ihr alles vom Spiel sehen und entsprechend viele Speed Points kassieren wollt, müsst ihr euch auf eigene Faust durch einen Großteil des üppigen Fuhrparks spielen.

Auch die einzelnen Herausforderungen sind kritikwürdig. Hier wird etwas zu wenig Varianz geboten:  Die recht ähnlichen Rundkurs- und Sprint-Rennen machen locker 70% aller Herausforderungen aus. Die verbleibenden 30% teilen sich auf die Spielvarianten "Hinterhalt" (Flüchte vor den Cops!) und "Speedrun" (Breche den Geschwindigkeitsrekord!) auf. Demnach stellt sich nach einiger Spielzeit eine gewisse Redundanz ein.

Ebenfalls nicht ganz optimal: der DLC-Inhalt "Ultimate Speedpack" wurde nahtlos in das Hauptspiel integriert. Über 25 Bonusfahrzeuge und einige Zusatzaufgaben sind zwar generell eine tolle Sache, doch werden diese nicht speziell gekennzeichnet. So kann es passieren, dass man schon früh im Spiel Zugriff auf fortgeschrittene Fahrzeuge hat, die vielleicht nicht die beste Wahl wären. Durch die Zusatzmissionen lassen sich außerdem früh Fahrzeuge freischalten, die das Spiel durch ihre hohe Geschwindigkeit zu einer Art F-Zero aufbauschen. Ein Aspekt, auf den die Spielwelt nicht ausgelegt ist und der euch mit Wand-Crashes im 10-Sekunden-Takt entsprechend frustriert. Übrigens hat Criterion bereits bestätigt, dass kommende DLC-Inhalte unter Umständen nicht für Wii U umgesetzt werden.

Integrierte Features, astreine Technik und ein sonderbarer Multiplayer
Damit ihr euch in der großen Spielwelt zurechtfindet, wird euch das neue Feature "EasyRide" bereitgestellt. Dahinter verbirgt sich ein leicht zu bedienendes Aufklapp-Menü, das ihr direkt aus dem aktiven Spielablauf heraus mit dem Steuerkreuz bedient. So lassen sich Wagen wechseln, Modifikationen ausrüsten oder die Herausforderungen auswählen. Bei den Herausforderungen ist euch die Möglichkeit freigestellt, einen Zielpunkt auf der Karte zu setzen, um selbst zum Austragungsort zu fahren oder die Herausforderung direkt aus dem Menü heraus zu starten.

Spezielle Markierungen im EasyRide weisen euch dezent auf Spielteile hin, in denen es noch etwas zu tun gibt. Außerdem dient das Menü zum Verfassen von Miiverse-Nachrichten, zur Aktivierung von Off-TV-Play oder zum Wechsel in den Multiplayer-Modus. Es gibt zwar noch ein herkömmliches Menü, das ihr mit dem Plus-Knopf öffnet, es beinhaltet jedoch größtenteils nur Statistiken und Optionen. Wenn ihr zum Spielbeginn ein Origin-Konto erstellt, habt ihr außerdem Zugriff auf das Feature "Autolog". Dahinter verbirgt sich eine Server-Datenkrake, die alle möglichen Rekorde und Ergebnisse an einen Server sendet und auch mit euren Freunden teilt. So könnt ihr sehen, wer derzeit eure ganz persönliche "Most Wanted"-Liste im Freundeskreis anführt. Im Spielverlauf selbst bekommt ihr hin und wieder die Rennergebnisse eurer Freunde mitgeteilt, was noch mehr Anreize für ein bestmögliches Absolvieren der Herausforderungen geben soll.

Doch nicht jedes Feature in Need for Speed: Most Wanted U ist so clever wie EasyRide oder Autolog. Damit wären wir beim Multiplayer, der stellenweise Fragen aufwirft. Zunächst einmal wäre da die irritierende Angabe auf der Spielverpackung, die einen Offline-Multiplayer-Modus für 2 Spieler verspricht. Einen Splitscreen-Multiplayer haben wir im Spiel nirgendwo finden können. Was EA eigentlich mit dieser Packungsangabe ausdrücken wollte, ist die Existenz des Wii U-exklusiven Beifahrer-Modus. Hierfür benötigt ihr neben dem GamePad einen zweiten Controller, den ihr an den Hauptspieler gebt. Der zweite Spieler nimmt nun das GamePad und kann dem eigentlichen Fahrer mit Hilfe einer extragroßen Spielkarte Tipps und Fahrhinweise geben. Das ist in unseren Augen allerdings kein wirklicher Multiplayer-Modus, schließlich kann man auch alleine mit dem GamePad spielen und dabei auf die große Karte schielen. Zugegeben wird durch die hohe Spielgeschwindigkeit eure Multitasking-Fähigkeit in diesem Fall aufs Äußerste strapaziert.

Schon wesentlich besser ist da der Online-Multiplayer-Modus für zwei bis sechs Spieler. Ihr könnt entweder ein eigenes Spiel hosten und Leute aus eurer Freundesliste einladen oder einem öffentlichen Spiel beitreten. Öffentliche Spiele sind allerdings etwas sonderbar. Hier werden alle Teilnehmer in die Spielwelt geworfen und müssen zunächst zu einem Treffpunkt fahren. Dort wird dann die nächste Challenge gestartet. Dies können nicht nur Team-Rennen sein, sondern auch kleinere Stunt- oder Takedown-Herausforderungen. Dabei gibt es für jede Challenge teils sehr hohe Restriktionen bei der Fahrzeugauswahl und ihr dürft beispielsweise nur mit Mustle-Cars antreten. Wieso Criterion sich zu dieser Art des Online-Multiplayers entschieden hat, bleibt wohl ein Geheimnis. Fakt ist aber, dass nicht jeder Spieler seine Freude daran haben wird, dass er vom Spielprogramm diktiert bekommt, welchen Modus er als nächstes spielen muss. Eine Lobby, in der Wünsche geäußert werden könnten, gibt es nämlich nicht. Etwas anders sieht es zumindest bei privaten Matches mit Freunden aus. Hostet ihr ein neues Spiel, könnt ihr eine sogenannte "Speed List" erstellen und in dieser selbst festlegen, welche Herausforderungen gestartet werden sollen.

Wenn ihr online gegen fünf Spieler antretet, kann die Framerate schon mal um wenige Bilder pro Sekunde nach unten purzeln. In allen anderen Situation aber läuft Need for Speed Most Wanted U butterweich – ganz egal, wie viel auf dem Bildschirm los ist. Und das obwohl Criterion im Vergleich zu den Fassungen für Xbox 360 und PlayStation 3 nochmal an der Grafikschraube gedreht und das Spiel mit den höher auflösenden PC-Texturen ausgestattet hat. Außerdem wurden neben dem GamePad alle erdenklichen anderen Controller-Varianten in das Spiel integriert. Das ist auch gut so, da sich der Titel mit dem GamePad nicht immer komfortabel spielen lässt und ihr - wenn möglich - auf einen Wii U Pro Controller zurückgreifen solltet. Dies verschuldet die (je nach Fahrzeug) stark variierende Fahrphysik. Fahrphysik – das kennen Besitzer der Wii-Versionen älterer NFS-Titel nur vom Hörensagen.

Neben der Technik muss auch ein großes Lob für die Soundtrack-Auswahl ausgesprochen werden. Die Mischung aus Rock, Elektro, Drum 'n' Bass und Pop überzeugt und wartet mit bekannten Interpreten wie Muse, Skrillex, The Chemical Brothers, Green Day oder Icona Pop auf. Zusätzlich dazu sorgen brachiale Motorsounds, auf Deutsch synchronisierter Polizeifunk und der wohlige Klang von berstendem Glas und Leichtmetall beim Crash für die passende Effektuntermalung.

Fazit:

Es hat lange gedauert. Verdammt lange. Doch jetzt gibt es endlich ein vernünftiges Rennspiel für eine Nintendo-Konsole. "Need for Speed: Most Wanted U" ist ein spaßiger, technisch einwandfreier Racing-Spaß der mit seiner offenen Spielwelt für viele Stunden begeistern kann. Die integrierten Features EasyRide und Autolog bereichern die NFS-Reihe mit neuen Impulsen und dank Entwickler Criterion bekommt das Spiel eine gehörige Portion Arcade-Feeling verpasst, das euch viele kurzweilige Spielsitzungen bescheren dürfte. Leider sind die einzelnen Herausforderungen auf lange Sicht nicht abwechslungsreich genug. Das im Vorfeld oft angepriesene Beifahrer-Feature ist ein schlechter Witz und auch die restlichen GamePad-Spielereien wie das Wechseln von Fahrzeugen über den Touchscreen sind nicht optimal gelöst. Der Multiplayer-Modus ist zwar unterhaltsam und variationsreich, aber durch das Fehlen einer Lobby relativ speziell. Er wird wohl nicht jeden Spielertyp ohne weiteres ansprechen. Das alles trübt den Eindruck dieses sonst tollen Rennspiels aber nur begrenzt und Genrefans dürfen sofort zugreifen.

Wertung:

8.5

Lars Peterke meint:

"Need for Speed: Most Wanted U ist ein spaßiger Arcade-Racer, der erstklassig für Wii U umgesetzt wurde. Rennspielfreunde dürfen zugreifen!"
Spielerlebnis: Sehr gut
Umfang: Gut
Technik: Herausragend
Hinweis: die Kommentarsektion ist aktuell geschlossen.

5 Kommentare:


Tim
vor 8 Jahren | 0
WiiUX-Review / Test zu Need For Speed - Most Wanted U

GF0P
vor 8 Jahren | 0
Ich mag die alten NFS Titel (bis 'Porsche'), ich mag Burnout (bis 'Revenge').
Was ich nicht mag ist dieses OpenWorld Zeugs, das in 80% der Games Dazu führt, dass man den roten Faden verliert.
Der Easydrive Modus ist da der richtige Schritt. Wer mag kann frei durch die Gegend cruisen, wer Rennen fahren will kann diese direkt auswählen.
Dorf war die Entscheidung dort sämtliche Fahrzeuge von Beginn an verfügbar zu machen, ohne denn Abstellort finden zu müssen.
Das fühlt sich an wie Cheaten und gibt wenig Feedback was den Spielfortschrirtt angeht.

Meine Wertung: 7.0!

Gab
vor 8 Jahren | 0
AMEN! Du sprichst mir aus der Seele! ;)

Blacksierra
vor 8 Jahren | 0
ja das open world gedöns und insbesondere die polizisten gehen mir auf die nerven ... das geschwindigkeitsgefühl komt aber stark rüber ... und wie im review schon genannt, funktioniert die steuerung per pro pad besser - auch fehlt mir ein motivierendes story element; also keine absolute kaufempfehlun (+8.0) sondern nur ne 7.5 von mir

ProG4M3r
vor 6 Jahren | 0
Leider einige schwächen, aber trotzdem ein schönes Spiel.