Test: EarthBound

Von Tim Herrmann am 05. August 2013

Eine Legende. Nicht weniger ist EarthBound in Europa; mehr aber auch nicht. Das SNES-Rollenspiel ist hierzulande nämlich nie offiziell auf den Markt gekommen. Und wer sich den Titel nicht auf dem einen oder anderen Umweg importierte, kennt das vermeintliche Rollenspielmeisterwerk nur vom Hörensagen - oder hat die Schwärmereien vom anderen Ufer des Großen Teichs vernommen. In Japan kam EarthBound als Mother 2 auf den Markt, Co-Produzent war ein gewisser Jungentwickler namens Satoru Iwata. Für Wii U lässt sich der Titel nun erstmals in Europa blicken. Untermauert der lang erhoffte Virtual-Console-Release den Legendenstatus?

Nach drei Minuten ein Held
Ness ist nur ein einfacher Junge, wie man ihn in fast jeder Nachbarschaft findet. EarthBound braucht aber nicht viel Zeit, um die rotbemützte Rotznase vom Sympathie- zum Hoffnungsträger zu stilisieren. Ein Meteoriteneinschlag, ein merkwürdiger Alien aus der Zukunft – und, schwupp, wird Ness schon nach wenigen Spielminuten zum Auserwählten ernannt, der das Universum vor einem bösen Overlord retten muss. Ohne große Widerrede macht sich Ness, der plötzlich auch magische Psychokräfte besitzt, auf eine epische Reise. Von unterdrückten Völkern, entführten Maiden oder kriegstreibenden Tyrannen ist jedoch erst einmal nichts zu sehen. Die Welt von EarthBound ist ziemlich friedlich – und überhaupt nicht magisch.

Damit sorgte das Spiel im Jahre 1994 / 95 für Aufsehen. Schließlich war die Rollenspielwelt damals noch stärker als heute von Serien wie Final Fantasy, Breath of Fire, Fire Emblem oder The Legend of Zelda dominiert – allesamt in magisch-mystischen, mittelalterlichen, bedrohlichen Fantasiewelten angesiedelt. EarthBound dagegen spielt in einer amerikanisch geprägten Welt der 1990er-Jahre, wie sie sich Japaner vorstellen: mit Telefonen, Geldautomaten, funktionierenden öffentlichen Strukturen und Fast-Food-Restaurants. Im Spielverlauf besuchen die Helden zahlreiche unterschiedliche Länder und Orte, die allesamt angenehm skurril überzeichnet sind. Die Spielwelt ist dabei ähnlich aufgebaut wie in The Legend of Zelda – A Link to the Past und besteht aus zusammenhängenden Abschnitten. Eine separate Oberwelt gibt es nicht.



Sein modernes Setting nutzt EarthBound gekonnt, um die Sci-Fi-Geschichte um Heldentum und Magie zu kontrastieren. Manch einer würde gar so weit gehen zu sagen, der Titel sei gezielt als Parodie auf klassische Fantasy-Rollenspiele angelegt. Dafür spricht vor allem der ironische und selbstreferentielle Humor, der sich durch viele Dialoge zieht. Die sind übrigens auch in Deutschland nur in englischer Sprache zu haben.

Liebevolles Design im Standardprogramm
Was gibt es in EarthBound nun also Legendäres zu tun, was die Leute noch heute schwärmen lässt? Aus heutiger Sicht gesprochen: das Standardprogramm. So einfallsreich, wie EarthBound sich im Setting gibt, so klassisch ist es beim Spielprinzip. Ness und seine Truppe bewegen sich im Gänsemarsch durch die hübschen, bunten 2D-Welten, durchstreifen Städte und marschieren zu Zielpunkten, sprechen mit allerhand Menschen – und besiegen in rundenbasierten Kämpfen ihre Gegner.

Besonders das Kampfsystem wirkt aber etwas überholt. Die Gegner (Monster, Maschinen oder besessene Menschen) greifen Ness bei Sichtkontakt an – oder die Protagonisten schleichen sich wie in Paper Mario von hinten zu einem Überraschungsangriff an. Im folgenden Kampfbildschirm sind nur die Gegner vor einem bunt flimmernden Disco-Hintergrund dargestellt. Eine Textbox beschreibt, welche Attacken der Gegner loslässt, wie viel Schaden sie anrichten und was Ness & Co. darauf erwidern.



Nach und nach feuern die Gruppenmitglieder ihre Angriffe auf die Gegner ab und müssen im Gegenzug heftige Konter einstecken. Wer sich nicht rechtzeitig mit Items oder Psi-Kräften heilt, landet im Krankenhaus oder am letzten Speicherpunkt. Besonders zu Beginn des Spiels werdet ihr den GameOver-Bildschirm gnadenlos oft zu Gesicht bekommen und müsst konsequent aufleveln. Immerhin geht der Spielfortschritt nach dem „Ableben“ nicht verloren. Und die nützlichen Speicherfeatures der Virtual Console ersparen euch besonders vor Bosskämpfen viel lästiges Laufen.

Nein, es sind nicht die Kämpfe, die EarthBound berühmt gemacht haben. Und auch auf Rätsel oder anspruchsvolle Dungeons verzichtet das Spiel. Es ist stattdessen die ganze Aufmachung des Titels, seine Seele, die ihn zu etwas Besonderem macht. Die dichte und packende musikalische Untermalung kann mit ihren eingängigen Melodien und atmosphärischen Geräuschen durchweg überzeugen. Die bunte und liebevolle Ausgestaltung der Spielwelt mit den teils kurios-clownsgesichtigen Charakteren war 1995 aufsehenerregend. Und die spritzig übersetzten Textpassagen kommentieren alles, was Ness und Freunde tun, empathisch und ironisch.

FAZIT:
EarthBound hat Charme. Stilistisch war das Rollenspiel mit seinem modernen, skurrilen Setting 1995 etwas ganz Besonderes. Und das ist es auch heute noch. Die Musik, die grafische Gestaltung, die Dialoge – einzigartig. Spielerisch ist der Titel dagegen etwas angegraut. Spieler, die schon viele klassische und moderne Rollenspiele gespielt haben, finden in EarthBound nur Mechaniken, die heute nur noch zum Grundprogramm gehören oder gar nicht mehr strapaziert werden. Rundenbasierte Kämpfe, lineares Lauf-Gameplay und rollenspieltypisches Aufleveln wechseln sich ab. So kann man sich immer wieder freuen, wenn EarthBound seine Stärken ausspielt – die Geschichte, die Spielwelt und die Charaktere. Wer auf diese bunte 90er-Welt Lust hat und sich nach einem zeitfressenden Rollenspiel sehnt, macht mit EarthBound nichts falsch.

Wertung:

8.0

Tim Herrmann meint:

"Ein charmantes 90er-Rollenspiel, das sich mit Selbstironie und Sci-Fi-Themen angenehm abhebt."
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12 Kommentare:


Tim
vor 8 Jahren | 0
WiiUX-Test zu EarthBound (SNES)

fredisahlmann
vor 8 Jahren | 0
...und damit hat "earthbound" die gleiche hohe Bewertung wie Resident Evil Revelations!!! Wen wollt ihr hier eigentlich veräppeln Leute?? Das Spiel hätte zwar in den 90igern die Bewertung vielleicht verdient, aber doch nicht heute! Sorry,aber das ist völliger Quatsch!

Der R
vor 8 Jahren | 0
uiuiui....also ich werd mir das Game auf jeden fall noch holen!

Oreki
vor 8 Jahren | 0
Wenn ich endlich mal meine Liste von Games durch habe dann werde ich es mir auch ganz bestimmt kaufen.
Hab mal paar Szenen bei einem Speedrunner gesehen sieht echt interessant aus.

Denios
vor 8 Jahren | 0
Ich werde es mir auch noch holen (kam bis jetzt noch nicht dazu, mir ne eShop Karte zu kaufen... argh). Aber eine Frage hab ich noch, auch wenn sie vielleicht etwas überflüssig scheint: Ist Mother 1 so gar nicht notwendig zum Verständnis der Story von Mother 2?

Tobsen
vor 8 Jahren | 0
Ich finde nicht, dass man anhand des Alters die Güte eines Spiels festmachen kann. Wenn Earthbound eben ein gutes Spiel ist, dann ist es das - egal, ob es nun 1/2 Jahre alt ist oder 20. Ich fand Revelations auch sehr nice, allerdings gefiel mir Resident Evil Zero (lyncht mich bitte nicht) cooler. Und das, obwohl es kein HD, Disc-Gewechsle, komisches "Inventar" etc. hat.
Manche Spiele altern eben schlecht (Rennspiele, Sportspiele) und andere gut (Rollenspiele, Adventures), was hauptsächlich an der Technik und der Gewöhnung an aktuellen Standards liegt.
Gran Turismo 2 will eben keiner mehr spielen, weil es wie Teil 5 ist nur in schlechter. Bei RPGs (und Earthbound ist ja eins) finde ich, ist das nicht so.

Tim
vor 8 Jahren | 0
Den Vorwurf von fredisahlmann finde ich ein bisschen... naja. Erstens ist das hier ein Virtual-Console-Review. Deswegen misst sich der Titel nicht mit aktuellen Disc- oder Download-Titeln, sondern höchstens mit anderen VC-Titeln. Zweitens frage ich mich, wie man EarthBound und Resident Evil eigentlich miteinander vergleichen will, um rauszubekommen, welches Spiel besser ist...

KeeperBvK
vor 8 Jahren | 0
@ fredisahlmann: Ist das Dein Ernst? Eine solch undifferenzierte Kritik? "Oh, wie könnt ihr nur Charlie Chaplins Der große Diktator genauso gut bewerten wie Kindsköpfe 2? Das ist doch viel älter, also automatisch schlechter, denn die moderne MAssenunterhaltungsmaschinerie kann doch nur besser geworden sein."
Dazu fällt mir echt nicht mehr viel ein.

Eto.Kevin
vor 8 Jahren | 0
Könntet ihr nicht noch iwie ne deutsche sprachausgabe hinzufügen :S Mein englisch ist öde.. und ich lauf da rum und hab keinen peil was die leute von mir wollen :(

KeeperBvK
vor 8 Jahren | 0
Wir würden dir gerne helfen, aber wie sollen wir etwas an dem Spiel ändern? Möglicherweise gibt es ja deutsche Skripte zu dem Spiel irgendwo im Internet. :)

mch
vor 8 Jahren | 0
Muss es mir diese Woche noch kaufen. Ist super doll kultig und nostalgisch *mega*freu*

Patrick
vor 8 Jahren | 0
Also ein Kommentar, der in Frage stellt wie man Earthbound mit Resi Rev. vergleichen kann, ist ja wirklich extrem professionell. Nach diesen Maßstäben würden alle Spiele, die auf Virtual Console erscheinen eine 0 bei Technik bekommen, da es keine Shader, 1080p, 5.1 Sound und Co. benutzt. Braucht Earthbound zum Glück auch nicht: Die Grafik hat Charme, der Sound ist cool, und die Story witzig. Ich bin froh, dass wir diesen Titel überhaupt mal offiziell in Europa spielen können. Und wem es nicht passt, der lädt eben keine VC Games runter.

Und mal ganz am Rande, ne 16 Bit Grafik sieht heute um Welten besser aus, als ein Spiel mit PS One Grafik. Alte 3D Games sind ganz schrecklich gealtert, während SNES und Co. echt seinen Charme behalten hat, aber das ist eben meine Meinung. Tobsen hat ganz Recht, Fifa 96 wird keiner mehr Spielen, der Fifa 13 daheim hat, aber Wind Waker macht auch nach Twilight Princess immer noch Spaß.