Test: Urban Champion

Von Burkhart von Klitzing am 20. Oktober 2013

1984 ist sicher nicht als das Jahr des Beat'em Ups in die Annalen des Videospiele-Kanons eingegangen. Genauso wenig wie 1983, 1982 oder ein beliebiges Jahr davor. Die große Epoche dieses Genres stand noch bevor und sollte erst einige Jahre später anbrechen, doch zarte Versuche die Kämpfe eins-gegen-eins dem geneigten Zocker schmackhaft zu machen, wurden auch damals schon unternommen, wie etwa seitens Nintendo mit Urban Champion in besagtem Jahr 1984.

Wer unter 2D-Beat’em Up ein schnelles, buntes, combo-lastiges Special-Gewitter moderner Machart à la Injustice versteht, der sollte umdenken. Simpler denken. Die Gedanken sind bei Street Fighter II angekommen? Das geht schon in die richtige Richtung, aber noch simpler bitte. Wer jetzt in Gedanken jegliche Spezialattacken, verschiedene Kämpfer, die zur Auswahl stehen, und unterschiedliche Stages subtrahiert, kommt der Wahrheit noch ein gutes Stück näher, ist aber immer noch nicht am Ziel. Nehmen wir noch schnell die Möglichkeit zu springen, zu treten und zu ducken heraus, so haben wir es endlich geschafft und sind bei Urban Champion angelangt.

Hier stehen sich zwei Kämpfer (die "Champions") auf einem (urbanen) Bordstein gegenüber und versuchen sich mit hohen und tiefen Schlägen immer weiter nach hinten zu drängen. Wer sich nicht rührt, blockt wahlweise oben oder unten, und ein Druck nach hinten auf dem Steuerkreuz löst eine Ausweichbewegung aus. Ansonsten bleibt die Wahl zwischen starken aber langsamen und schwachen aber schnellen Schlägen, bis sich die Erklärung der Steuerung auch schon in ihrer schlanken Gänze erschöpft hat.



Ziel ist es, das Gegenüber an seinem Ende des Screens vom Bordstein zu schlagen um den Kampf auf dem nächsten Bordstein fortzuführen bis schließlich ein offener Gullydeckel erreicht ist, in den der unglückliche Verlierer hinein befördert wird. Sofern dieses Schicksal nicht den Spieler ereilt, folgt eine immerfort währende Reihe neuer Kämpfe mit stetig steigendem Schwierigkeitsgrad, bis wir doch irgendwann den Kürzeren ziehen oder schlichtweg keine Lust mehr haben.

Für leichte Auflockerung sorgen Anwohner, die einen Blumentopf aus dem Fenster werfen, der bei Kontakt mit einem Kopf zu kurzer Bewegungsunfähigkeit führt. Ansonsten fährt manchmal unvermittelt ein Polizeiwagen vorbei, dessen Fahrer nicht unbedingt Freunde illegaler Straßenprügeleien sind, sodass beide Kontrahenten putzig animiert zum linken, bzw. rechten Ende des Bordsteins traben und unschuldig pfeifen, bis die Luft wieder rein ist. Das ist goldig anzuschauen, entpuppt sich jedoch eher als lästig, denn den Spielspaß fördernd, da es zum einen Zeit kostet und zum anderen einen zu großen Glücksfaktor ins Spiel bringt.

Die unterschiedlichen Aktionen unserer Champions nagen unterschiedlich stark an unserer Ausdauer. Ist diese vollends aufgebraucht, ist der Kampf praktisch schon verloren, da nun jeder Schlag quälend langsam fliegt. Tatsächlich verloren ist ein Kampf, wenn die Zeit abgelaufen ist, denn in diesem Fall wird der Spieler verhaftet, während der Gegner merkwürdigerweise verschont bleibt.

Fazit:
Das Internet ist eine wundervolle Erfindung. Keine Frage. Doch so manches Spiel stirbt unverdient einen unrühmlichen Tod auf dem Online-Altar diverser Meinungsmacher. Ein Blogger, Redakteur oder Video-Reviewer zieht über ein Spiel her, und plötzlich ist das halbe Internet mobilisiert, macht sich über den Titel lustig – und hat ihn dabei vielleicht nie selbst erlebt. Auch zu Urban Champion finden sich meist nur vernichtende Reviews und gehässige Kommentare, und so viel ist sicher: Die städtische Schlägerei ist extrem simpel und monoton. Aus dem Singleplayer-Modus ist denn auch dermaßen schnell die Luft raus, dass man sich fragt, ob sie je drin war. Doch der Zweispieler-Modus ist tatsächlich einen Blick wert. Er übt im Prinzip die gleiche „Faszination“ wie Schere-Stein-Papier aus, nur eben in einem netten Pixel-Gewand. Wird mein Gegner stark schlagen? Landet er einen tiefen Schlag? Wie kontere ich das? Dazu noch die Dramatik, wenn die Bordsteinkante näher rückt. Das macht aus diesem frühen NES-Werk noch lange kein gutes Spiel und keine ernsthafte Konkurrenz zu (Super) Street Fighter II (Turbo), doch auf einer Liste der schlechtesten Spiele aller Zeiten hat es beileibe nichts verloren.

Wertung:

3.0

Burkhart von Klitzing meint:

"Prügel-Vorreiter, dessen Singleplayer ebenso schnell wie seine Kämpfer über den Bordstein in die Gosse fliegt. Im Multiplayer kurzfristig interessant."
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1 Kommentare:


Nakuri
vor 8 Jahren | 0
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