Test: Wii Fit U

Von Tim Herrmann am 12. November 2013

Machen wir’s doch einfach nochmal! Wii Fit war ein Kerntitel in der goldenen Ära der Wii-Konsole und belohnte Nintendo für den Mut, ein ganz neues Videospielgenre erschaffen zu haben. Mehr als 40 Millionen Mal verkauften sich die zwei innovativen Programme mit dem Balance Board. Das will Nintendo gern wiederholen. Wii Fit U soll die Erfolgsgeschichte fortsetzen und gleichzeitig der Wii U-Konsole dabei helfen, endlich die so wichtigen neuen Zielgruppen zu überzeugen. Vorerst erscheint das Spiel aber nur als Download im Nintendo eShop – und das 31 Tage lang kostenlos. Ob die neuen Zielgruppen das wissen…? Vielleicht trägt unser Test zur Aufklärung bei.

Wii Fit Plus Plus

Wii Fit für Neueinsteiger, in aller Kürze: Das Programm baut auf einem Zubehör namens Balance Board auf. Es ist erforderlich, um Wii Fit U zu nutzen, und derzeit nur separat mit den Wii-Vorgängerspielen erhältlich. Das Brett besteht aus vier aneinander gekoppelten Waagen, die die Körperbalance ermitteln. Die Software lässt ihre Nutzer zu vorgegebenen Trainings oder in kleinen Minispielen auf dem Balance Board turnen und gibt ihnen ein Feedback darüber, wie sie sich geschlagen haben. Mit kleinen Tipps und vorgefertigten Programmen will Wii Fit spielerisch zu mehr Bewegung motivieren.

Das Konzept schlug 2008 voll ein und nur 18 Monate nach dem weltweiten Boom kam mit Wii Fit Plus der Nachfolger auf den Markt. Das „Plus“ fiel dabei schlank aus. Ein paar neue Übungen, Minispiele und Features, das musste reichen. Dafür kostete der Titel nur 15 Euro. Mit Wii Fit U setzt Nintendo diese Tradition trotz einer Pause von jetzt vier Jahren und einer Verschiebung von einem Jahr fort und liefert auch in der neuen Konsolengeneration kein gänzlich neues Spiel ab, sondern ein schmales Update.

Etwa 70% des Spielinhalts sind aus den Vorgängern übernommen: alle Yoga-Übungen und Muskeltrainings, aber auch die meisten Balance-Minispiele, Aerobic-Übungen und Trainings-Features. 19 der 77 Aktivitäten sind neu und demnach erneut als „Plus“ zu verstehen: Hier ein neues oder erweitertes Balance-Minispiel, dort eine neue Aerobic-Übung und im Fitness-Center neue Programme, die verschiedene Übungen je nach Zeit, Ziel oder Kalorienverbrauch zusammenstellen und der Reihe nach abspulen. Die grafischen Änderungen beschränken sich auf höhere Auflösung und ein minimal abgewandeltes Design. Außerdem gibt es Miiverse-Features. Sie sollen beim Trainieren ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen.

Dummerweise haben sich bei den Minispielen und Aerobic-Trainings jede Menge Rohrkrepierer eingeschlichen. Ein Spiel zum Beispiel, bei dem man auf der Stelle laufen soll, um ein Mii frei über einen Parcours zu lenken, ist quasi unspielbar. Denn das Balance Board setzt Richtungsänderungen völlig falsch um. Tauchgänge, Joggen, Mii-Suche oder Fahrradfahren – in all diesen Disziplinen geht es nur vorwärts, wenn ihr stupide auf der Stelle lauft. Da kommt zwangsläufig die Frage auf: Warum nicht einfach rausgehen und wirklich laufen?

Zu den zentraleren Neuerungen gehören acht Tänze diverser Couleur, Hip-Hop, Salsa, Flamenco. Dabei kommen nicht nur die Füße zum Einsatz, sondern auch die Arme. Wii Fit U ist nämlich das erste Spiel, das einen Spieler mit zwei Wii-Fernbedienungen Plus gleichzeitig spielen lässt, in jeder Hand eine. Die 1:1-Sensoren ermöglichen es der Software, jetzt auch Armbewegungen genauer nachzuvollziehen und zu bewerten. Das ist ein echter Vorteil, denn die Sensoren der alten Wii-Fernbedienung waren reichlich rudimentär.

Neue Controller, neue Möglichkeiten

Die Wii-Fernbedienung Plus kommt bisweilen auch in anderen Spieldisziplinen gewinnbringend zum Einsatz, etwa beim Squash, das Vorder- und Rückhand unterscheidet, oder beim Rudern, wo die Stellung des Ruders mitentscheidend ist. Auch beim Klettern tut die 1:1-Steuerung ihren Dienst, wenn der Spieler mit zwei Händen nach Steinen greift und auf dem Board das Gewicht verlagert, um nach oben zu gelangen.

Das GamePad wirkt in Wii Fit U dagegen fast durchgängig fehl am Platz. Ständig muss man den klobigen Controller aufnehmen und wieder ablegen, um sich durch Menüs zu klicken. Und es ist undenkbar, ihn während der Übungen in einer Hand zu behalten. Gut, dass man auch wie gehabt eine Wii-Fernbedienung verbinden und mit ihr durch die Menüs navigieren kann. Das GamePad kann im Stand verweilen und euch optional während des Turnens filmen – eine lustige Idee.

Inhaltlich kommt das GamePad ebenfalls kaum zum Einsatz. Ab und zu schleichen sich Übungen im täglichen Fitnesstest ein, bei denen ihr gleichzeitig das Gewicht verlagern und den Controller bewegen oder neigen müsst. Und in wenigen Minispielen (Tauchen, Mii-Suche oder Kellnern) seht ihr auf dem zweiten Bildschirm eine Karte oder Details zur Aufgabe. Ansonsten nutzt das Spiel den Controller durchgängig als Display fürs fernsehlose Spielen (Off-TV-Gameplay). Dem misst Wii Fit U eine besondere Bedeutung bei. Denn jetzt kann man auch kurz trainieren oder seinen Tagestest machen, ohne den Fernseher einzuschalten. In diesem Zusammenhang ist Wii Fit U wohl auch das erste Spiel, bei dem sich ein Download wirklich lohnt. Schließlich soll man möglichst jeden Tag ein paar Minuten investieren, egal was gerade im Disc-Slot steckt.

Den ganzen Tag Wii Fit

Die größte Neuerung von Wii Fit U stellt zweifellos das Fit Meter dar, ein kleiner Schrittzähler (Nintendo: „Viel mehr als ein Schrittzähler“), der auch Geschwindigkeit oder Höhenunterschiede erfasst. Nehmt ihr den Sensor den ganzen Tag mit, gibt er euch am Ende des Tages (beziehungsweise beim nächsten Start von Wii Fit U) eine ausführliche Auswertung über euer Bewegungsprofil und schätzt die außerhalb des Spiels verbrannten Kalorien. Dabei bringt das Fit Meter eine weitere Prise Spiel mit – die Schritte, die ihr am Tag gelaufen seid, kann die Software in Meter umrechnen und als Teil einer Wegstrecke zum Beispiel durch Berlin darstellen. Gleiches gilt für Höhenmeter, die sich etwa auf den Eiffelturm oder die Freiheitsstatue umrechnen lassen. Geschickt – so erzieht die Software euch spielerisch dazu, im Zweifel einmal mehr zu Fuß zu gehen oder die Treppe zu nehmen.

Das billig gebaute Gadget mit Tamagotchi-Display kostet 19,99 Euro und ist notwendig, wenn man die Testversion von Wii Fit U nach 31 Tagen weiter nutzen möchte. 19,99 Euro sind ein völlig überzogener Preis für das Fit Meter, aber fair für das Wii Fit-Update als Ganzes. Wenn das Spiel am 13. Dezember 2013 als Disc-Version und im Bundle mit dem Fit Meter erscheint, sollte man aber genau überlegen, ob es wirklich 40 oder gar 50 Euro wert ist.

Die Gretchenfrage zum Schluss: Macht Wii Fit U auch wirklich fit? Natürlich nicht. Eigentlich müsste ein menschlicher Fitnesscoach stets neben dem Balance Board stehen und den Nutzer zurechtweisen. Denn das Board mit seinen vier Waagen kann nur rudimentär erfassen, ob der Sportler sich nicht womöglich schief und krumm und ohne jeden Trainingsnutzen auf dem Brett windet. Und der tägliche Körpertest (Wiegen, verbunden mit zwei kurzen Aufgaben) fördert sehr willkürliche Ergebnisse zutage. Fairerweise muss man aber sagen: Wii Fit U will gar kein Allheilmittel zur Fitness sein, sondern Menschen die Tür zu mehr körperlicher Ertüchtigung aufstoßen. Unterhaltsame Balance-Minispiele fungieren als Köder, Yoga- und Muskelübungen sind mehr als Appetithappen für echtes Training zu verstehen. Mit seinen Tagebuchfunktionen und nützlichen Tipps zu Ernährung und bewusstem Lebensstil ist Wii Fit U eher ein Begleiter für Menschen, die sich ernsthaft mehr Bewegung vorgenommen haben und das auch außerhalb des Wohnzimmers umsetzen. Als ein solcher Begleiter ist die Software sehr sinn- und wertvoll.

FAZIT:

Wii Fit U will auf den gesellschaftlichen Trend des Self-Managements aufspringen, ganz so wie Wii Fit einst die LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) begeisterte. Im Zentrum dieses Vorhabens steht das Fit Meter, das alle täglichen Aktivitäten auswertet und das ganze Leben zu einem großen Wii Fit umfunktionieren will. Die sonstigen inhaltlichen Neuerungen an der Software sind dagegen kaum der Rede wert. Bis auf die Tänze und ein paar neue Minispiele, von denen einige erschreckend schlecht sind, ist der Titel im Wesentlichen eine Neuauflage von Wii Fit Plus. Auch insgesamt bleibt es dabei: Durch Wii Fit U allein wird niemand gesünder, fitter, schlanker oder kräftiger. Dafür sind die Programme zu oberflächlich. Wii Fit U ist aber ein Türöffner zum Sport und ein Begleiter für Menschen, die sich mehr Fitness vorgenommen haben. Wer nur die simplen Minispiele kurz ausprobieren möchte (Balance Board vorausgesetzt), kann dafür die kostenlose Testversion nutzen, wird aber schnell wieder das Interesse verlieren. Wer es dagegen ernst meint, investiert in ein Fit Meter und nutzt die Software langfristig auf seinem Weg zu mehr Fitness.

Wertung:

7.5

Tim Herrmann meint:

"Wii Fit U ist ein Update seiner Vorgänger und verdient nur zum Teil die Bezeichnung "Spiel". Langfristig funktioniert die Software nur für Nutzer, die es wirklich ernst mit mehr Fitness meinen."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Gut
Technik: Durchschnittlich
Hinweis: die Kommentarsektion ist aktuell geschlossen.

10 Kommentare:


Tim
vor 8 Jahren | 0
WiiUX-Review zu Wii Fit U

Vader
vor 8 Jahren | 0
Also für mich ist es mein erstes Wii Fit was ich länger nutze(In das alte hab ich nur mal reingeschaut), und ich muss sagen es macht Spass.

Als Ersatz für ein Training ist es jedenfalls nicht gedacht. Schade ist nur, das es Wenig Neuerungen hat. Die Spiele sind einfach nur Bissl aufpoliert und von Passender Hd Grafik kann man nicht reden, es kommt alles etwas Lieblos ge-remaked rüber. Mal schnell ein Wiifit für die U gemacht. Genau so ist´s beim Wii Sports Club. Da hätte ich mir etwas mehr mühe erhofft.

Das Fitmeter ist ein lustiges Gadget, jedoch echt zu teuer, die 19,99 gibt´s im freien Handel nicht(Jedenfalls bei mir), da liegen sie alle bei ca. 27 euro !!
Spass macht´s trotz alledem. Ach wenn ich mir auch etwas mehr Innovation für´s Pad und Neuere Spiele gewünscht hab.

wazup
vor 8 Jahren | 0

Der Hindernisslauf funktioniert sehr gut, wenn man denn auch läuft und nicht nur sinnfrei stampft. Es heißt nicht umsonst man soll auf der Stelle laufen.

Dann kann man auf dem Balance Board auch einen Kreis laufen und das Mii tut es einem gleich.

Klar braucht man durch die kleine Fläche etwas Übung, aber generell geht das.

GumbaU
vor 8 Jahren | 0
Wii Fit Meter zu teuer? Ernsthaft? Das Fit Meter hat ein 3 Achsen Beschleunigungssensor, ein Barometer und ein Temperaturmesser verbaut. Vergleichbare Aktivitätsmesser sind 1. schwer zu finden und 2. schweineteuer!
Und wenn man das Fit Meter fälschlicherweise schon als Schrittzähler ansieht muss man immer noch den Vergleich zwischen 2D und 3D Schrittzähler machen.. 3D Schrittzähler fangen ab ungefähr 15 € an und das gleiche leistet auch das Fit Meter im Zusammenspiel mit der Erkennung der Höhenveränderungen.

Leider ein sehr schlechter Test meiner Meinung nach.

wazup
vor 8 Jahren | 0
@GumbaU

Volle Zustimmung! Und im Preis außerdem ist derzeit noch das komplette Spiel enthalten.

Und danks Politik kann man die alten Boards/Remotes weiterverwenden, oder sich günstig bei Ebay oder den Kleinanzeigen besorgen.


Torben
vor 8 Jahren | 0
Ich spiele jetzt wieder WiiFitU und habe Lust bekommen mich zu bewegen. Dafür ist das Spiel gut. Ich will ungerne raus, wenns in ströhmen regnet und dann hab ich aber einen spaßigen Ersatz. Das WiiFit Meter ist preislich gesehen für mich kein Beinbruch. Ob zu teuer oder nicht stellt sich für mich nicht. Ich hab es mir gekauft und jetzt habe ich WiiU Fit und kann es voll nutzen. Was will ich mehr ;)

Tim
vor 8 Jahren | 0
@GumbaU: Klar steckt da noch mehr Technik drin. Aber im Normalgebrauch ist das Gerät ein Schrittzähler, der dank Beschleunigungssensoren auch Intensität und Höhen schätzen kann. Ob vergleichbare Geräte (noch) teurer sind, ist in meinen Augen egal. Es kommt drauf an, welchen Nutzen das Fit Meter für seinen Preis bietet. Einen Nutzen gibt es zweifellos, aber der steckt nicht im Gerät, sondern in der Software. Da die Software im Moment kostenlos ist, ist das Paket ein faires Angebot. So steht's auch im Test ;)

Es sei denn, man macht jetzt nochmal die große Rechnung auf und schaut sich an, dass man ja auch ein Balance Board (90€) zum Betrieb der Software braucht und damit fast das gleiche Spiel schon einmal gekauft hat. Außerdem werden eine bis zwei Wii-Fernbedienungen Plus zum Spielen benötigt. Das sollte man dann bedenken, wenn das Paket im Dezember für 50€ oder mehr im Handel erhältlich sein wird.

@wazup: Das interessiert mich jetzt aber wirklich ein wenig, wie du auf dem Balance Board Kreise läufst und gleichzeitig den Fernseher im Blick behältst, um den Parcours zu meistern. Einigen wir uns darauf: Das ganze Spielprinzip funktioniert besser mit einem Control-Stick - oder in der Realität, wenn man über den Spielplatz läuft ;)

Konoe A. Mercury
vor 8 Jahren | 0
Also ich/Freundin haben viel Spaß mit dem "Spiel" und finden es deutlich praktischer als einfach dumm durch die gegend zu joggen. Und wenn man keine Zeit hat ins Fitnessstudio zu gehen ist das ding ein perfekter ersatz, vor allem dank eingebauten Personaltrainer.

Ich halte das Fit Meter übrigens auch nicht für überteuert, der Höhenmesser ist zum beispiel nicht nur eine erweiterung der Beschleunigung sondern ein Messgerät das den Atmosphärendruck misst und danach die Höhe misst.

Aber ansonsten schön geschriebener Test.

Depechie
vor 8 Jahren | 0
Hallo, ich kann dem Test grundsätzlich zustimmen. Auch ich finde, dass der neue Hindernisparcours unspielbar ist. Weder meine Frau noch ich schaffen es die Figur dorthin zu steuern wo sie hin soll.

Allerdings ist es meiner Meinung keine Fortsetzung von Wii Fit Plus, denn es fehlen viele Minispiele die in der Wii Fit Plus-Version dabei waren. Beispielsweise der lustige Spielmannszug oder das Maulwurfjagen. Die beiden Spiele fallen mir spontan ein, sicherlich fehlen noch mehrere. Schade denn ich habe schon erwartet dass in der Wii U-Version alle Spiele des Vorgängers enthalten gewesen wären.

Trotzdem ist die Umsetzung gelungen, auch wenn es so aussieht als wäre die Grafik 1:1 übernommen worden ;).

Die Rodelbahn oder auch das Rudern sind superklasse.

Negativ finde ich allerdings auch wie oft man das Game Pad einfach nur zur Seite legen muss.

Hektor
vor 8 Jahren | 0
Ich finde es schrecklich wie über die Wii U hergezogen wird. Nicht nur von der Presse im Allgemeinen. Da wird die Wii U ja sowieso gehated ohne Ende. Nein auch von den scheinbar unglaublich anspruchsvollen Nintendoianern... Meh! das Gamepad muss immer weggelegt werden. Meh! Das Wii Fitmeter ist viel zu teuer. Ich verstehe das einfach nicht. Wii Fit U ist ein tolles "Spiel". Es erfindet das Rad nicht neu, aber das muss es ja auch nicht. Was erwartet man eigentlich? Mit dem Gampad in der Hand kannst du nun mal keinen Handstand machen. Man kann aber komplett darauf spielen und das Wii Fit Meter ist eine geniale Ergänzung. Ausserdem ist das Spiel für alte Hasen nur für knapp über 20€ zu haben und für Clevere für 50€, wenn man bei Ebay sich nen Balanceboard holt ;-) Mir macht es jedenfalls Spaß und ich bin auch im Allgemeinen sehr zufrieden mit meiner Wii U.