Test: Advance Wars

Von Stefan Finke am 02. April 2014

Soldaten, Maschinengewehre, Haubitze, Tod und Elend. Es ist Krieg und unzählige Menschen opfern ihr Leben für ihr Heimatland. Ein Nintendo-Spiel? Klingt komisch, ist aber so. Mit Advance Wars feiern Amerikaner sowie Europäer zugleich den ersten Ableger der „Wars"-Reihe von Intelligent Systems, der außerhalb Japans erschien. Doch Eltern dürfen beruhigt sein, so post-modern der Krieg in Advance Wars auch sein mag, ebenso knuffig und farbenlustig präsentiert sich das Spiel, völlig befreit von näherer Gewaltdarstellung. Nun erscheint die japanisch-angehauchte Rundenstrategie für uns auf der Virtual Console als einer der Starttitel pünktlich zum Launch des Gameboy Advance-Angebots.

Friedliche Tage vergehen im Orange Star-Land bis plötzlich die Männer in Blau anrücken und das Feuer auf euch eröffnen! Der Vorwurf: man habe Orange-Star Kommando-Offizier(in kurz K.O.) Andy identifiziert, welcher wohl seine Armee gegen Blue Moon geführt haben soll. Minderjährig und noch kaum aus den jugendlichen Shorts rausgewachsen nimmt Andy die Beine in die Hand und verfolgt den vermeintlichen Doppelgänger. An seiner Seite stehen die bezaubernde Ratgeberin Nell, Muskelprotz Max und Infanteriesympathisantin Tami. Doch nicht nur die vereinigten Kräfte von Blue Moon sind nicht gut auf euer Profil zu sprechen, auch die Genossen von Green Earth und Yellow Comet haben die Attacken des Doppelgängers nicht sonderlich freudig aufgefasst. Die Story ist recht geradlinig und bietet keine narrativen Highlights, mag aber dennoch als Rahmen für die Singleplayer-Kampagne dienen und auch ausreichen.

Kaum angefangen, findet ihr euch in eurer ersten militärischen Auseinandersetzung wieder. In einer Up-to-Down-Perspektive habt ihr einen guten Überblick über die Karte und könnt rundenbasierend eure Einheiten wie auf einem Schachbrett im Raster bewegen und befehligen. In den ersten Maps stehen euch eure Freunde ratgebertechnisch zur Verfügung und führen eine Mechanik nach der anderen ein bis ihr komplett mit der Kriegsführung der bunten Männchen vertraut seid. Die Geschwindigkeit des Tutorials ist sehr angenehm und baut auf vorherig gelernte Aspekte auf ohne dabei euch ewig in Dialogen oder Textboxen aufzuhalten. Ziel einer jeder Karte ist es, alle feindlichen Einheiten zu besiegen oder das gegnerische Hauptquartier einzunehmen. Je nach Karte kann die ein oder andere Option leichter fallen und man muss abwägen, mit welchen Ziel man sich den Gegnern nähert.

Euch stehen Fußsoldaten, Kampfwagen, Panzer, Flugeinheiten und Seeeinheiten zur Verfügung. Diese können von Anfang an für euch zur Verfügung stehen oder ihr müsst diese erst über sogenannte Fabriken kaufen. Geld bekommt ihr jede Runde basierend auf der Anzahl der Gebäude, die ihr besitzt. Diese sind zumeist quer über der Karte verteilt und können ausschließlich von Fußsoldaten wie die Infanterie oder Bazookaträger eingenommen werden. Fabriken, Flughäfen und Seehäfen sind besonders wichtig und schnell umstritten, da es strategisch absolut zuträglich ist, wenn man die Einheiten direkt an der Front produzieren kann, anstatt sie immer erst aus der eigenen Basis herholen zu müssen.

Bei einem Schlagaustausch zwischen zwei Einheiten dürfen beide Einheiten das Feuer eröffnen, wobei die angreifende Partei zuerst schießen darf. Dies hat eine große Auswirkung denn eure Feuerkraft skaliert mit den verbleibenden Lebenspunkten. Jede Einheit startet mit zehn Lebenspunkten und ist zerstört, wenn diese auf Null fällt. Aber eine Einheit mit nur noch einen Lebenspunkt ist nicht mehr zum Angriff zu gebrauchen, sie selbst macht kaum Schaden und muss befürchten, vom Gegner weggepustet zu werden. Heilen kann sich die Einheit so nicht, sie muss zuerst sich einen Platz auf einem von euch besetzten Gebäude sichern. Jede Runde heilt ihr dann zwei Lebenspunkte, was aber auch Geld kostet. Geht also vorsichtig mit euren Einheiten um und überlegt gut, bevor euch die Rübe weggeschossen wird! Es gibt aber auch einseitige Kämpfe. Im Fernkampf gibt es bei einem Angriff keinen Gegenschlag oder wenn zum Beispiel der Gegner nicht die geeigneten Waffen besitzt um euren Einheiten-Typ zu bekämpfen.

Es gibt allerlei Einheiten mit besonderen Stärken und Rollen. So hat fast jede Einheit begrenzte Munition und begrenzten Sprit, welche mal nach langwierigen Auseinandersetzungen knapp werden können. Hier hilft die unterstützende Einheit, das TTP. Sie kann Munition und Sprit wieder auffüllen und auch eine Infanterie- oder Mech-Einheit tragen und schnell über ebene Flächen befördern. Artillerie, Raketenwerfer und Missiles sind Fernkampf-Einheiten und können über große Distanzen schießen, Letzterer jedoch nur gegen Flugeinheiten dafür aber mit extremer Stärke. Man muss jedoch beachten: Fernkampf-Einheiten können sich nicht bewegen UND feuern, sie brauchen also mindestens eine Runde mehr Zeit, um in Position gebracht zu werden, was sie in großer Anzahl anfällig und unflexibel macht. Jede Einheit hat ihre einzigartigen Schwächen und Stärken und dies macht das Spiel sehr vielfältig und komplex, denn der Sieg ist nicht immer mit den gleichen Einheiten zu erreichen, da verschiedene Faktoren verschiedene Vorgehensweisen begünstigen.

Aber auch das Terrain sollte unbedingt vom Spieler berücksichtigt werden. In Wäldern und Städten besitzen Einheiten eine erhöhte Verteidigung, während Fußsoldaten sogar Berge überqueren können. Auch sind einige Karten vom Kriegsnebel verdeckt und ihr müsst euch auf die Sichtweite eurer Einheiten verlassen. Hier ist beispielsweise der Späher eine gute Wahl, da dieser auf ebenen Terrain weit fahren kann und gleichzeitig eine extreme Sichtweite hat. Doch Vorsicht! Wälder bleiben für euch verdeckt bis ihr zumindest ein anliegendes Feld zum Wald hin betritt, ein ideales Versteck also um Einheiten zu platzieren und eure Feinde zu überraschen. Soldaten, die auf einen Berg klettern gewinnen auch an Sichtweite.

Doch nicht nur Terrain, Einheiten und Gebäude haben einen Einfluss auf das Geschehen. Während ihr als Stratege mit eurem wegweisenden Zeigefinger die Truppen hoffentlich nicht in ihren Tod schickt, hat jeder K.O. ebenfalls eine stimulierende Wirkung auf die Einheiten. Während Andy noch komplett ausbalancierte Einheiten in jedem Bereich hat, wird bei Max schnell klar, dass er der Mann fürs Grobe ist. All seine Nahkampfeinheiten hauen so richtig rein und machen viel mehr Schaden, mit Fernkampf wiederum scheint er sich nicht so gut auszukennen. Seine Artillerie schießt wie nasse Nudeln und macht sie unterlegen gegenüber jeder anderen Fernkampf-Einheit. Tami wiederum hat einen großen Fokus auf Infanterie- und Mech-Einheiten. Diese sind stärker und können sich schneller über die Map bewegen. Sie können ebenso Gebäude mit moderater Geschwindigkeit einnehmen, selbst wenn die Infanterie verletzt ist. Aber die K.O.s sind noch zu mehr imstande! Wann immer ihr Schaden austeilt oder Schaden erleidet füllt sich ein Balken, die K.O.-Kraft. Sollte diese voll werden, könnt ihr eure Kraft entfesseln und für eine Runde lang eure Einheiten verstärken. Je nach K.O. kann dies unterschiedliche Auswirkungen haben, verstärken aber zumeist einfach nur noch ihre persönlichen Vorzüge. Und so besitzen alle K.O.s im Spiel ihre besonderen Stärken und Schwächen, welche den Fokus in der Vorgehensweise nochmal verändern und den Spielstil stark beeinflussen können.

Neben der Singleplayer-Kampagne gibt es noch eine Reihe an Challenge-Maps, die recht schnell knifflig werden und auch die Letzte eurer Gehirnzellen in Anspruch nehmen. Besonders schnelle und effiziente Vorgehensweisen werden mit groß blinkenden Medaillen belohnt und diese laden dazu ein, die Maps mehrmals zu bestreiten. Aber auch für den Multiplayer ist eine Menge geboten. Für errungene Goldmünzen können neue Multiplayer-Karten erworben werden und im Karteneditor gänzlich eigene Karten entwickelt werden. Hier kann der eigenen Kreativität freien Lauf gelassen werden und Karten nach Belieben gestaltet werden, welche dann später im Multiplayer verfügbar sind und mit Freunden genossen werden können. Generell bot der Gameboy Advance viele Optionen, um Advance Wars mit Freunden zu spielen. Mehrspieler-Partien waren auch mit einer Cartridge möglich, wenn auch stark eingeschränkt während natürlich alle Funktionen zur Verfügung standen, wenn jeder der Mitspieler über das Spiel verfügte. Diese Multiplayer-Optionen werden nicht in der Virtual Console-Version möglich sein.

Der Verlust des Multiplayers wäre ein großer Schnitzer in der Spielerfahrung und wäre durchaus zu bedauern, wenn Advance Wars nicht noch eine Alternative des Zusammenspiels anbieten würde. Spieler konnten auch lediglich mit einem Gameboy Advance zusammenspielen, indem dieser einfach rumgereicht wurde. Dies wurde sogar soweit unterstützt, dass vor der Übergabe zum nächsten Spieler ein Übergangsbildschirm eingeblendet wurde, sodass Spieler im Falle von Kriegsnebel sich nicht gegenseitig ausspähen konnten. Die Möglichkeit, sich den Gameboy Advance einfach herumzureichen führt zu einer unfreiwilligen aber tollen Synergie mit dem Wii U Gamepad. Mehrere Spieler können im Raum sitzen und sich das Gamepad herumreichen ohne dabei die Sicht des Gegners ausnutzen zu können. Somit ist Advance Wars wohl einer der wenigen GBA-Titel, welche nicht auf den Multiplayer-Teil verzichten muss und sogar das Wii U-Gamepad effizient nutzt.

Fazit:

Mit individuellen Einheiten, Terrain und K.O.-Fähigkeiten bietet Advance Wars eine Menge Faktoren, die es zu berücksichtigen gilt. Dazu kommt zumeist ein cleveres Kartendesign, welches euch immer wieder vor neue Schwierigkeiten stellt und euch Kreativität abverlangt. Und eben aus diesen Gründen ist Advance Wars ein großartiges Spiel, welches eine absolut runde Erfahrung im rundenbasierten Strategie-Sektor mit sich bringt. Die Grafik als auch die Musik ist sehr stimmig und die Synergie zwischen dem Multiplayer-Modus und dem Wii U-Gamepad machen diesen Virtual Console-Titel schon fast zu einen Muss für jeden Strategie-Fan!

Zweite Meinung von Burkhart von Klitzing:

Wie schon bei Metroid Fusion bin ich der Buh-Mann. Abermals erhebe ich mahnend den Zeigefinger, aber zumindest nicht wieder den Stinkefinger. Denn Advance Wars macht vieles richtig. Es ist liebevoll präsentiert, die Story würde Marcel Reich-Ranicki kaum in einen Redeschwall versetzen, ist aber durchweg passend und spannend, der Umfang ist gigantisch, und die grundlegende Mechanik ist vielseitig und gut durchdacht.

Aber. Irgendwann kommt die Einsicht, dass die schönsten Manöver und die raffiniertesten Truppenkombinationen kaum Vorteile gegenüber dem klassischen Tank-Rush bieten. Irgendwann erobern wir flott Ortschaften, verschanzen uns und bauen möglichst viele dicke Panzer, bevor wir zum Sieg rumpeln. Das funktioniert mit beinahe allen K.O.s und in vielen Missionen. Gelegentliche Besonderheiten wie Kriegsnebel, enge Gebirgspässe oder weite Gewässer erfordern regelmäßiges Umdenken, doch ist es schade, wie unnütz oder zumindest unnötig viele Truppentypen in vielen Situationen doch sind, wenn man erst einmal einige Stunden in das Spiel investiert hat. PC-erprobte Rundenstrategen der 80er- und 90er-Jahre rümpfen die Nase. Alle anderen freuen sich über deutlich mehr als 100 Stunden Spielspaß.

Wertung:

9.0

Stefan Finke meint:

"So dermaßen Advance, dass die Wii U-Gamepad Funktionalität gleich dazu kommt!"
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7 Kommentare:


Defuso
vor 7 Jahren | 0
@Burkhart von Klitzing:

Tank Rushs funktionieren nur eingeschränkt. Die schwere Kampagne erfordert schon ein wenig mehr Geschick.
Am aller wenigsten jedoch funktionieren sie gegen andere Spieler. Gerade Infantrie + Artillerie als direkter Konter besiegt die Strategie nahezu immer. Da kann dann nur noch Max mit seinen 150 ATK gegen anhalten um die Infantrie schnell auszuschalten.
Die Vielfalt des Spiels ist jedoch im ersten Teil wirklich eingeschränkt, wobei die verschiedenen Kommandeure da schon ein Wörtchen mitzureden haben.

ProG4M3r
vor 7 Jahren | 0
Tank Rush?! Witz des Jahres, es gab bisher in jedem Advance Wars mehr als genug Missionen in dehnen dies nichtmal ansatzweise möglich war.
Klar meistens sind dicke, fette Panzer was feines, aber wenn der Feind mit unkonventionelleren Truppen als Jagtpanzern kommt, sieht meist auch der dickste Panzer kein Land mehr solange die anderen Truppen des Feindes noch stehen.

Wie oft hat man schon zermürbungsgefechte geführt, indehnen man die eigene Position mit Raketenwerfern und Missiles gehalten hat wärend man langsam aber sicher eine Bomber Flotte aufstellte um den Feind vom Feld zu fegen? Wie oft hat man schon eine Seeschlacht geführt in der Panzer ungefair so hilfreich sind wie ein Späher ohne Kriegsnebel?

Sicherlich gibt es irgendwann immer die Möglichkeit mit Panzern über den Gegner drüber zu rollen, dem stehen aber in vielen Missionen erstmal andere Einheiten in wege, die einen Panzer nur alzu gern zum Frühstück essen ;)

Advance Wars ist und bleibt genial und ich werde demnächst mal das Gameboy Modul rauskramsen!

Tobsen
vor 7 Jahren | 0
Ist Stefan ein neuer Redakteur oder habe ich ihn einfach immer überlesen bisher?

@Keeper: Stimmt schon, dass Tank-Rush häufig funktioniert, aber das hat mich damals nicht gestört. Das Spiel war auch so schon schwierig genug^^. Und es war ein GBA-Spiel - im Rahmen der technischen Limitierung war es nahezu perfekt, finde ich!

Nakuri
vor 7 Jahren | 0
@Tobsen
Nene, mich gibt es schon länger.^^ Hab nur etwas mehr im Hintergrund gearbeitet. Man durfte mich zuletzt bei Mario & Sonic bei den olympischen Winterspielen lesen, ist ja nun auch schon fünf Monate her.

Tobsen
vor 7 Jahren | 0
Ah, OK!
Schön, dich kennenzulernen! ^^

KeeperBvK
vor 7 Jahren | 0
@ Progamer: "Witz des Jahres". So beginnt man ein gutes Argument, ja. Schade, wenn du Tank Rushs nicht hinbekommst, aber ich kann dir garantieren, dass sie funktionieren. Ich habe selbst weit über 100 Stunden in das Spiel versenkt und mit Tank Rushs einen Großteil der Skirmish Missionen, der Kampagnenmissionen und selbst der harten Kampagne mit allen COs außer Grit geschafft. Ich habe jede Mission beendet, und sowohl in jeder Skirmish Mission als auch in beiden Kampagnen einen S-Rang bekommen und jeden Co freigespielt. Soviel zu meiner Expertise mit dem Spiel.

@ Defuso: Wie ich geschrieben habe: Es gibt immer mal wieder Faktoren, die ein anderes Vorgehen erzwingen, aber oft genug fehlen sie eben leider auch. Zumindest im Singleplayer.

Christian xy
vor 7 Jahren | 0
Unglaublich, da kauft man sich eine neue Konsole um neue coole Games zu spielen und dann kommt so ein Oldi und haut mich um :D
Das Spiel ist ein Strategiespiel durch und durch.