Test: Golden Sun

Von Tim Herrmann am 17. April 2014

Als das Zeitalter der Internet-Communities anrollte, brauchte ich einen User-Namen. Und ich benannte mich ausgerechnet nach einem schwebenden Wächterstein aus Golden Sun; eine regelrechte Verehrung verband mich damals mit diesem GameBoy-Rollenspiel, hunderte Spielstunden hat es mich gekostet. Jeden Stein habe ich umgedreht, um vielleicht doch noch weiterspielen zu können als bis zum unerträglichen Cliffhanger; jeden Dialog mehrmals gelesen, um alternative Gesprächsverläufe durch Ja- oder Nein-Antworten aufzudecken. Hat die Erinnerung den Titel verklärt oder zieht er mich auch etwa zehn Jahre später auf der Virtual Console noch einmal in seinen Bann?

Drama auf dem Handheld

Golden Sun beginnt dramatisch. Da wird das kleine Dorf Vale von einem Erdbeben erschüttert, gleich mehrere Menschen verlieren scheinbar oder tatsächlich ihr Leben. Drei Jahre später ist immer noch nichts wieder normal: Die zwei Protagonisten Isaac und Garet geraten durch die Gier ihres Alchemieprofessors Kraden in einen Strudel der Katastrophen. Die durchtriebenen Schurken Menardi, Saturos und Alex stehlen eine uralte Macht, die Elementarsterne, aus einem verborgenen Heiligtum und entführen Kraden und Garets Schwester. Mit den Sternen wollen sie die Kraft der vier Elemente, Feuer, Wasser, Erde und Wind, entfesseln und für ihre eigenen Zwecke missbrauchen.

Gemeinsam gehen Isaac und Garet auf die Reise, um die finsteren Pläne der Schurken zu durchkreuzen und ihre Freunde zu befreien. Gut, dass sie keine normalen Jungs vom Lande sind. Die beiden sind Adepten und beherrschen die Macht der Psynergie, eine psychische Energie, mit der sie kämpfen oder mit ihrer Umwelt interagieren können.

Der Weg ist das Ziel

Die Hauptstory flackert immer im Hintergrund, die tatsächlichen Begegnungen mit den Widersachern sind aber selten. Den eigentlichen Teil des Spiels machen zahlreiche Neben- und Zwischengeschichten aus: Der Weg ist das Ziel. Schnell lernen Isaac und Garet mit Ivan und Mia zwei mächtige Partner kennen und reisen zu viert über die Kontinente. Das verfluchte Dorf Kolima und sein besessener Wächterbaum, eine Stadt voller Diebe, ein scheinbar nie alternder Stadtfürst und asiatisch geprägte Tempelstätten - das alles sind keine optionalen Nebenmissionen am Wegesrand, sondern Meilensteine auf dem Weg zum Finale.

Viel Wert legt Golden Sun auf seine Spielwelt, auf Charaktere, Emotionen und Stimmungen – und damit auf den Dialog. Tatsächlich hat das Spiel zu seiner Zeit einige Kritik für seine ausufernd langen Gesprächspassagen einstecken müssen, die man nicht überspringen kann. Unterbrochen von allerhand Emoticons und zweckmäßigen GBA-Animationen nimmt sich das Spiel tatsächlich viel Zeit – und nervt damit manchmal. Auch die ständigen Ja-/Nein-Fragen, die kaum eine inhaltliche Relevanz haben, unterbrechen den Dialogfluss nicht selten.

Psynergie und Djinns

Doch Golden Sun ist kein reines Story-RPG, das außer seinen Charakteren, seiner glaubwürdig gestalteten Spielwelt, seiner Stimmung und seinen Dialogen nichts zu bieten hat. Die quasi-magische Psynergie der Hauptcharaktere belebt das Spiel sowohl in den Kämpfen als auch außerhalb. In Dörfern oder anderen Orten könnt ihr die magischen Kräfte nutzen, um Pfützen gefrieren zu lassen, Gedanken euer Mitmenschen zu lesen, Felsen zu verschieben oder Ranken zu beschwören. Damit öffnen sich neue Wege, geheime Kammern oder interessante Details.

Auch in den Zufallskämpfen könnt ihr Feuerstürme entfesseln, Erdbeben auslösen, Mitstreiter heilen oder Statusverbesserungen herbeizaubern – alles durch die Kraft der Gedanken; und durch Verbrauch von Psynergiepunkten. In den Kämpfen kommen aber noch andere Geschöpfe zum Tragen: die Djinn, kleine Elementargeister mit besonderen Kräften. Die Truppe findet überall auf der Welt Djinn, in Dungeons, in Dörfern oder auf der Weltkarte. Sind sie mit dem Adepten „verbündet“, verändern sie Charakterklasse, Attacken und Statuswerte. Im Kampf kann der Adept die jeweiligen Spezialfähigkeiten seines Djinns nutzen – einen mächtigen Angriff oder Statuszauber. Nach der „Entfesselung“ wechseln die Djinn in den Standby-Modus und können „beschworen“ werden. Das löst mächtige Attacken aus, die keine Psynergiepunkte kosten, aber dafür die Djinn kurz außer Gefecht setzen. Je mehr Djinn bei der Beschwörung eingesetzt werden, desto mächtiger sind die bildschirmfüllenden Attacken. Da ihr auf der Weltkarte und in Verliesen am laufenden Band mit Monstern konfrontiert werdet, verfällt man schnell in ein Standard-Kampfschema: Möglichst mächtige Djinn sollen Normalogegner möglichst schnell erledigen. Das kann einfach und eintönig werden. Erst wenn es gegen richtige Brocken geht, entwickelt sich eine echte strategische Komponente: Welcher Adept übernimmt wann das notwendige Heilen, welcher Djinn ist verbündet, welche bieten sich zur Beschwörung an? Und wie viel Psynergie ist noch für den Notfall übrig?

Eine Augen- und Ohrenweide

Golden Sun war dem GBA technisch weit voraus. Das Spiel sieht fantastisch aus und besticht durch seine zahlreichen Details. Der Titel spielt sogar mit Lichtreflexionen in den Haaren seiner Protagonisten, mit dem Glitzern von Wasseroberflächen und aufwändig designten Städten und Schauplätzen. Auf dem großen Fernsehbildschirm wirkt das Ganze wegen des pixelgenauen Designs leider manchmal arg pixelig, die Kantenglättung der Virtual Console hat kaum sichtbaren Effekt.

Fantastisch ist auch die Musik, die sehr dichte Stimmungen zaubert und perfekt mit Spielwelt und Grafik harmoniert. Von den melancholisch-bedrohten Tönen des verfluchten Dorfs hin zum lebendigen Trubel der Großstadt Tolbi – Golden Sun trifft immer den richtigen Ton.

Fazit:

Golden Sun wird mir immer ein prägendes Spiel bleiben. Doch auch beim Versuch eines objektiven Blicks offenbart das Spiel zehn Jahre nach der kindlichen Euphorie zeitlose Stärken. Es besticht durch seine dichte Atmosphäre, die im Wesentlichen von den gut durchdachten Geschichten und der exzellenten grafischen und akustischen Gestaltung profitiert. Daneben ist Golden Sun aber auch spielerisch abwechslungsreich und anspruchsvoll. Der Einsatz von Psynergie und Djinn macht die Kämpfe und Rätsel spannend, überraschende Szenarien wie Arenakämpfe oder eine Seefahrt halten den Spieler auf Trab. Wer Golden Sun noch nicht kennt, macht mit der Virtual Console-Version also alles richtig. Aber Achtung: Aus ungeklärten Gründen steht nur die englische Fassung zum Download bereit.

Wertung:

9.0

Tim Herrmann meint:

"Epochales, technisch fortschrittliches Hosentaschenrollenspiel: spannend und abwechslungsreich"
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3 Kommentare:


Tim
vor 7 Jahren | 0
WiiUX Virtual Console-Test zu Golden Sun vom GameBoy Advance

Denios
vor 7 Jahren | 0
Cooler Test :) Macht auf jeden Fall Bock auf das Spiel und ich würde es mir auch gerne kaufen, aber auf dem 3DS wäre es mir sehr viel lieber... Ich warte wohl also erstmal noch ein bisschen, bis es einen gemeinsamen eShop gibt ;) (Ich gebe die Hoffnung nicht auf!)

Dass es nur die englische Version gibt, stört mich persönlich nicht, ich spiele eh Spiele gern auf englisch, damit ich die Sprache nicht verlern :D

Rick Grimes
vor 7 Jahren | 0
Endlich ist es da. Nun kann ich es endlich nachholen. Was mich nur etwas sauer aufstoßen lässt ist die Sache mit den Englischen Texten. Ich selbst habe damit zwar kein Problem und finde auch das man damit auch sein Englisch ein wenig auffrischen kann, aber es macht doch kein Sinn eine Englische Version heraus zu bringen wenn es das Spiel in Original doch auch auf Deutsch gibt. Kann es deswegen sehr gut Nachvollziehen wenn sich einige darüber aufregen das Nintendo hier nur ne Version mit Englischen Texten raushaut. Nicht alle sind der Sprache mächtig. Bei Earthbound und Breath of Fire 2 hab ich es ja noch verstanden, da dafür extra nochmal ne lokalisierung notwendig gewesen wäre, aber hier??? Nintendo was soll das? Trotz allem freu ich mich sehr es endlich Spielen zu können.