Test: The Amazing Spider-Man 2

Von Tim Herrmann am 25. Mai 2014

Die Spinne verheddert sich im eigenen Netz – mal wieder. Nachdem The Amazing Spider-Man ein gänzlich uninspiriertes Lizenzspiel war, das noch dazu erst mit fast einjähriger Verspätung für Nintendos aktuelle Konsole Wii U erschien, folgt nun The Amazing Spider-Man 2. Es ist, oh Wunder, ein gänzlich uninspiriertes Lizenzspiel geworden, das die gleichen Fehler macht wie sein Vorgänger.

Gut gemeint…

Nun kann man Entwickler Beenox nicht pauschal vorwerfen, dass er sich prinzipiell keine Mühe gebe oder keine Ambitionen mit der Spider-Man-Lizenz habe. Seit vier Jahren bearbeitet er die Reihe exklusiv. In dieser Zeit hat sie einige kreative Schritte vorwärts gemacht, ist aber dennoch nie über Mittelmaß hinausgewachsen. Auch die Spiele zu den neuen The Amazing Spider-Man-Filmen versuchen durchaus, eigenständige Geschichten zu erzählen und Spidey wieder spielerische Relevanz zu geben. Doch es bleibt eben beim Versuch.

Spielerische Relevanz, das bedeutet im Fall von Spider-Man: freies Schwingen durch New York City. In atemberaubender Geschwindigkeit düst ihr durch Häuserschluchten, lauft Fassaden empor oder manövriert euch artistisch durch den New Yorker Straßenverkehr. Das kann kein anderes Spiel, keine andere Lizenz leisten. Entsprechend legt das Spiel seinen Fokus auf Manhattan und die offene Spielwelt – und das ist auch genau richtig.

Der genau richtige Ansatz kollabiert allerdings unter dem Gewicht diverser Designfehler. Spider-Mans New York ist in jeder Hinsicht unglaubwürdig. Wie im Vorgänger ist die Stadt, die niemals schläft, nahezu menschenleer. Keine Interaktion, kein Dialog, kein Leben. Der Times Square: leer. Der Central Park: leer. Berühmte Prachtboulevards wie 5th Avenue oder Broad Way: nicht erkennbar. Denn abseits ganz weniger Hot Spots besteht die Stadt aus einfarbig-grauen und grafisch unfassbar lieblos gestalteten Betonblöcken und Straßenzeilen, die nur einen einzigen Zweck haben: Spider-Man zum Schwingen zu dienen. Zufällig auftauchende Hotspots dienen euch als Trigger für optionale Kampf- oder Rettungsmissionen, die sich im immer gleichen Muster ständig wiederholen. Ansonsten bietet die Stadt so gut wie keine Interaktionspunkte.

Die Spielbarkeit hat sich im Vergleich zum Vorgänger leicht verbessert: Spider-Man kann zum Beispiel nur noch Schwungfäden schießen, wenn auch Gebäude um ihn herum stehen. Vorher ging das absurderweise auch mitten im Park, ganz ohne jeden Ankerpunkt. Insgesamt bleibt das Spielgefühl dennoch schwach. Der Protagonist springt aus dem Stand zehn Meter hoch, schwingt in physikalisch undenkbaren Kurven über Gebäude hinweg und ist insgesamt so dynamisch geraten, dass er fast unsteuerbar wird, sobald es etwas enger wird. Das fällt besonders in Innenräumen auf, in denen die agile Spinne sich wie ein Känguru im Hamsterkäfig fühlen muss.

Kampf und Schwung

Während man den Außenpassagen noch einen Anflug von Individualität zusprechen kann, bleiben die Innenpassagen und Missionen spielerisch vollkommen beliebig. Recht eindeutig versuchen die Entwickler durchgehend, die Batman-Arkham-Reihe zu kopieren. Sie setzen auf ein konterbasiertes Kampfsystem, auf Tarnangriffe aus dem Dunkel und kurze Stealth-Passagen. Erfolglos. Trotz diverser Netz-Kombos gehen die Kämpfe über ein simples „Angreifen und Kontern“ selten hinaus. Die Tarnangriffe sind meistens sogar völlig unnötig, weil die Feinde wegen schlechter künstlicher Intelligenz keine echte Gefahr darstellen.

Verbunden mit der hakeligen Steuerung, den übertriebenen Moves und der hektischen Kameraführung sind die Missionen, die einen Großteil des Spiels ausmachen, nicht nur repetitiv und einfallslos, sondern auch schlecht spielbar. Richtig weh tut es, wenn ihr Peter Parker selbst spielt, der langsam, ohne Netzfähigkeiten und nur mit einer Kamera ausgestattet Detektiv spielen muss. Ermüdend und anstrengend.

Von einem Schurken zum nächsten

The Amazing Spider-Man 2 erscheint zwar ganz ungeniert exakt parallel zum zweiten Kinofilm mit Andrew Garfield als Spider-Man, hat mit dem aktuellen Streifen aber außer dem Namen nichts gemeinsam. Die Geschichte des Videospiels ist eher lose vom Film inspiriert, steht teilweise aber auch in deutlichem Kontrast zur Vorlage. Daher ist sie eher ein „alternativer Handlungsstrang“, der sich vielleicht in irgendeiner der unendlich vielen Dimensionen abspielt, die manche Quantenphysiker neben der unseren vermuten.

Dem Spieler bleibt das Unvermeidliche auch diesmal nicht erspart. Er muss (schon wieder) den Tod von Onkel Ben als ultimativen Wendepunkt in der Spider-Man-Geschichte durchleben und ansehen, wie sich daraus eine 08/15-Superheldengeschichte entwickelt, in der diverse Bösewichte gegeneinander und letztlich allesamt gegen Spider-Man kämpfen. Einer nach dem anderen wird mit seiner bösen Bande vorstellig und muss sich am Ende doch geschlagen geben. Feinsinnige Handlungsschwenks, Überraschungen oder andere Story-Elemente, die zum Weitermachen motivieren, gibt es nicht, die Geschichte bleibt flach.

Technik treibt Tränen in die Augen

Technisch ist The Amazing Spider-Man 2 auf der Wii U-Konsole geradezu ein Trauerspiel. Hatte das Ende der Wii-Ära schon berechtigte Hoffnungen auf einen Abschied von einfarbigen Texturen, misslungenen Animationen oder unglücklich gestalteten Spaghettihaaren aufkeimen lassen, zeigt das aktuelle Spiel: Schlampige Grafiken gehören längst nicht der Vergangenheit an. The Amazing Spider-Man 2 sieht besonders in der offenen Stadt meistens einfach nur schlecht aus, einzig die Darstellung des Protagonisten ist gelungen. Der Rest des Spiels hebt sich von der Lieblosigkeit und Detailarmut alter Wii-Umsetzungen kaum ab. Das betrifft auch die Varianten für die anderen Konsolen, lediglich die PS4- und XBOX-One-Versionen schneiden etwas besser ab.

Dazu kommen technische Fehler und Bugs: Manchmal beginnen Zwischensequenzen einfach nicht und das Spiel friert ein. Oder Bosse verhaken sich so in ihren eigenen Animationen, dass man sie nicht mehr treffen kann und neu starten muss. Von den absurd übertriebenen und manchmal einfach fehlerhaften Kamerafahrten, die Potential zum Brechmittel haben, gar nicht erst zu sprechen. Die Synchronisation muss ohne die Originalstimmen aus den Filmen auskommen, ist im Ganzen aber dennoch okay.

FAZIT:

Spider-Man, wie kann man dich nur retten? Deine Spiele sind leider überhaupt nicht unterhaltsam. Dabei könnten sie Spielern vielleicht so viel Spaß machen wie dir die Verbrechensbekämpfung – wenn New York bloß nicht nur ein großer, grauer Parcours wäre, sondern eine echte Stadt; mit Menschen und mit Leben. Du solltest auch ausprobieren, nicht immer nur zu kämpfen, sondern deine wahren Stärken auszuspielen. Und vor allem: Du solltest loskommen von diesen Kinofilmen. Die tun dir gar nicht gut. Die setzen dich unter Druck. Mach‘ dich frei davon, mach‘ dein eigenes Ding, nimm dir Zeit. Und besorg‘ dir jemanden, der sich mit Spieleprogrammierung auskennt oder genug Zeit dafür hat. Sonst wird das leider nichts, weder mit dem unvermeidlichen Amazing Spider-Man 3 noch mit sonst einem deiner kommenden Ausflüge. Denk‘ mal drüber nach. Viele Grüße.

Wertung:

5.0

Tim Herrmann meint:

"The Amazing Spider-Man 2 verfängt sich in lapidarem Action-Einerlei und erstickt gute Ansätze durch miserable Technik."
Spielerlebnis: Mangelhaft
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Mangelhaft
Hinweis: die Kommentarsektion ist aktuell geschlossen.

12 Kommentare:


Tim
vor 7 Jahren | 0
WiiUX-Review zu The Amazing Spider-Man 2 für Wii U

Matthew1990
vor 7 Jahren | 0
Der Test liest sich so, als wäre die 5 noch großzügig gewählt worden. Haha! XD

Wario
vor 7 Jahren | 0
Du tuest mir leid Tim... :(

Tobsen
vor 7 Jahren | 0
Es kommen eh schon so wenig Spiele... Wenn sie dann noch so ein Driss sind wie das hier, schmerzt es doppelt.

ProG4M3r
vor 7 Jahren | 0
Ich finde ja schon die Batman Arkham Spiele sind nur mit viel gutem willen eine 7,0 (also für mich eher ne 6,0) wie grottig muss sich dann Spidey anstellen...?

Nun gut an dem Spiel hatte ich eh nie Interesse, aber autsch für diese Lizenz.


Belphegor
vor 7 Jahren | 0
@Pro: Echt? Die Arkham-Reihe gefällt Dir nicht? Zumindest AA und AC waren ja echte Perlen die dem Dunklen Ritter endlich mal gerecht wurden. Über AO brauchen wir nicht zu sprechen. Selbst Rocksteady selbst zählt diesen Ausflug Warners nicht zur offiziellen Reihe.

Der R
vor 7 Jahren | 0
Schade, grade Spiderman gehört zu meinen lieblings-Helden.

ProG4M3r
vor 7 Jahren | 0
Ich hab Arkham City nur 4-5h gespielt und darf mir darüber vllt. kein allgemein gültiges Urteil anmaßen, aber diese 4-5h fand ich doch recht langweilig. Und im Gegensatz zu Assassin's Creed wo ein interessantes Historisches Setting das ziemlich dröge Gameplay überdeckt, reizt mich die Batman Lizenz eher wenig... wobei das Gameplay fairerweise sogar etwas besser als bei AC ist, aber das hilft der Langeweile auch nicht weiter.

Sei ich nun ein Assassine oder der Dunkle Ritter persönlich, ich stelle mir entsprechende Spiele vom Gameplay halt etwas anders vor.. aber naja, wenn ich zeit und lust habe geben ich Arkham City vllt nochmal eine Chance.

Vader
vor 7 Jahren | 0
Wie soll´s auch anders sein.... Ich hatte noch kein Spiderman spiel welches gut war.....oder doch?? Aufm Gameboy das war net schlecht ^^

Der R
vor 7 Jahren | 0
@Vader: Stimmt schon - trotzdem hoffe ich jedes Mal aufs Neue dass mal endlich ein gutes Spiderman-Spiel kommt :D ...

MZItalo
vor 7 Jahren | 0
@pro: falls du eine PS3 oder X360 dein eigen nennst, solltest du Arkham Asylum spielen! Eine echte Perle und für mich der beste Batman! Müsste ich mal wieder einwerfen! ;-)

ProG4M3r
vor 7 Jahren | 0
@MZItalo: Sollte AC (nicht Assassin's Creed :D) mich irgendwann doch noch überzeugen können, stünde Asylum eigentlich nichts im weg (nur mal doof gefragt spricht was gegen die PC Version ? oder wieso brauch ich dafür ne PS360, und ja ich hab ne X360). Aber die bisherigen Spielstunden in Arkham City waren nicht übermäßig unterhaltsam und für MK8 wird das Spiel auch postwendend aus der Wii U extrahiert, und nach Mario Kart 8 wartet auch noch Monster Hunter und RE:Revelations habe ich auch immer noch nicht gespielt...