Test: Wii Sports Club: Boxen & Baseball

Von Tim Herrmann am 06. Juli 2014

Jetzt muss wieder Wii Sports ran: Ein Jahr nach dem Wii U-Start brachte Nintendo sein Wii-Phänomen zurück. Wii Sports Club, so heißt die Neuauflage, erschien zunächst nur im Wii U eShop – und die einzelnen Disziplinen veröffentlichte Nintendo nach und nach. Am 11. Juli 2014 erscheint die Retail-Variante, kurz zuvor brachte Nintendo Boxen und Baseball gemeinsam in den eShop. Spieler können sich die zwei letzten Spiele entweder zusammen für 9,99 Euro kaufen oder für 1,99 Euro einen Tag lang alle Disziplinen spielen. Da Boxen und Baseball nicht einzeln erhältlich sind, testen wir die zwei Titel hier ebenfalls gemeinsam.

Boxen liegt am Boden

8…bleibt er liegen? 9…bleib‘ liegen! 10…Knock-Out!! In Wii Sports Club Boxen tänzelt der Spieler um seinen Gegner herum und verpasst ihm wohldosierte Schläge mit den Controllern. Hantierte man im Wii-Original noch mit Wii-Remote und Nunchuk samt Kabel, kommen im Wii U-Remake gleich zwei Wii-Fernbedienungen Plus zum Einsatz, eine für jede Hand.

Wer nicht so viele Controller besitzt, kann auch nur mit einem spielen. Das ist aber reichlich witzlos und fühlt sich enorm unnatürlich an. Während die Schlaghand mit dem Controller über Deckung, Schläge und Bewegung des Mii-Boxers entscheidet, bleibt die andere Hand merkwürdig leer und inaktiv. Eine Möglichkeit, die Nunchuk-Erweiterung anzuschließen, gibt es nicht.

Das liegt daran, dass der kleine Zusatzcontroller nicht über die 1:1-Bewegungssensoren der Wii-FB Plus verfügt. Es würde also eine ungleiche Umsetzung der Bewegungen beider Hände stattfinden. Doch auch mit gleichmäßiger Ausstattung ist die Umsetzung der 1:1-Steuerung überraschend ungelenk geraten. Die Sensoren bemerken zwar jetzt auch kleine Bewegungen des Controllers, werden aber bei der Umsetzung ins Korsett der Software gepresst. Schläge werden nur mit leichter, aber doch merklicher Verzögerung als Haken oder Volltreffer ins lachende Mii-Gesicht umgesetzt, Bewegungen des Arms umgerechnet in Neigungen des Miis zur Seite. Man erkennt zwar, dass die Controller die Bewegungen eigentlich richtig erkennen, aber die Software setzt sie absichtlich anders um. Das steht wie eine unsichtbare Wand zwischen dem Spieler und seinem Spiel und wirkt deshalb sehr störend.

Der eigentliche Todesstoß für Wii Sports Club Boxing ist aber eine andere Erkenntnis: Das fast acht Jahre alte Wii-Original funktioniert im Direktvergleich besser und macht mehr Spaß als das scharfe HD-Remake mit seinen MotionPlus-Sensoren. Die Bewegungserkennung geht schneller von der Hand, ist nur geringfügig ungenauer und sorgt für schnellere, spaßigere Matches mit besseren Animationen und mehr Stimmung. Dass im Wii U-Remake auch oft Schläge vorbeigehen können, mag durchaus realistisch sein. Aber eben nicht wirklich spaßig für ein Spiel, das vor allem auf schnelle, leichte Unterhaltung setzt. Die womöglich zu arcadelastige Ausrichtung opfert das Remake für einen vermeintlich realistischeren Simulationsansatz, der aber durchweg schwerfällig bleibt. Auch technisch ist die Neuauflage blass. Die Animationen sind ebenso reduziert worden wie das Johlen im Publikum. Die Farbsättigung ist gering, die HD-Schärfe versickert bei den detailarmen Mii-Charakteren in Großaufnahme im Nirgendwo. Wii Sports Club Boxing ist in fast jeder Beziehung schlechter als die Vorlage und hat seine Daseinsberechtigung damit verspielt.

Als Pluspunkte stehen lediglich die drei Trainings-Minispiele auf der Habenseite, die wegen ihres schnellen Spieltempos und Highscore-Fokus mehr Laune machen als die trägen Boxkämpfe mit ihren vielen geblockten oder verfehlten Schlägen. Auch der übliche Online-Modus und die Chat-Funktionen über das Miiverse schaden dem Spiel nicht, machen die Grundschwächen des Gameplays aber natürlich nicht vergessen.

Baseball ist Valium fürs Volk

Baseball war schon im Ur-Wii Sports eine Art hässliches Entlein. Man merkte ihm an, dass es eine 1:1-Adaption einer Tech-Demo von der E3 2006 war. Inhaltlich hatte sich das Spiel nach etwa drei Minuten erschöpft. Es bestand auch lediglich aus zwei Handgriffen: Der Spieler musste den heranfliegenden Ball mit möglichst gutem Timing möglichst weit ins Baseball-Stadion pfeffern und nach dem Rollenwechsel die Wii-Fernbedienung schwingen, um den Ball zu pitchen.

Auf Wii U hat Nintendo das Konzept um eine Dimension erweitert – und zieht das ohnehin dröge Spielprinzip damit noch weiter in die Länge. Nachdem ein Baseball-Team die Bälle der gegnerischen Mannschaft auf gewohnte Art und Weise durch Schwingen des Wii-Controllers geschlagen hat, wechseln die Rollen und der Spieler wird zum Pitcher, der die Bälle wirft. Das funktioniert nicht etwa über die Wii-Fernbedienung wie im Original, sondern über das Wii U GamePad. Und zwar mit A-, B-, X- und Y-Knopf für unterschiedliche Wurftechniken; ein recht eigenartiger Ansatz für ein Spiel, das ansonsten komplett und ausschließlich auf Bewegungssteuerung setzt. Dass Nintendo hier auf eine timingbasierte Knopfsteuerung setzt, hat nur einen Grund. Wenn der Batter des gegnerischen Teams den Ball gut getroffen hat (Air Ball), kann der GamePad-Spieler ihn über Bewegungen des Controllers zu fangen versuchen. Er lässt das Pad durch den Raum schweifen, um den Ball in den Blick zu nehmen und den Handschuh in Position zu bringen. Währenddessen laufen die Figuren automatisch und erzielen damit Punkte. Diese neue Spielidee, die ebenfalls bereits von der E3 2011 bekannt ist, macht beim ersten Mal noch durchaus Spaß, aber leiert ebenso schnell aus wie das Schlagen mit dem Wii-Controller.

Das Spiel zieht sich durch den Rollenwechsel ewig lang hin, weil sich die Aufgaben in jeder Funktion ständig wiederholen und exakt identisch ablaufen. Trotz der inhaltlichen Erweiterung um eine weitere Tech-Demo-Idee bleibt Baseball damit leider stinklangweilig. Das Schlagen des Balls funktioniert exakt genauso gut oder schlecht wie in Wii Sports: obwohl der Schläger vor dem Schlag die Bewegungen des Plus-Controllers 1:1 widerspiegelt, geht es beim eigentlichen Schlag doch nur um ein leichtes Schütteln zur richtigen Zeit – egal, in welche Richtung. Baseball ist und bleibt damit der inhaltliche Tiefpunkt von Wii Sports.

Fazit:

Es gibt viele Gründe dafür, warum Boxen und Baseball zusammen erscheinen und auch nur zusammen verkauft werden. Einerseits will Nintendo sein experimentelles Download-Abo-Modell endlich beenden. Andererseits weiß der Entwickler auch ganz genau, dass die letzten zwei Sportarten die schwächsten der fünf sind. Boxen entwickelt sich im Vergleich zum Original sogar zurück. Und Baseball bleibt so langweilig wie eh und je, auch wenn das Gameplay jetzt um eine Idee erweitert wurde. Auch für einen rechnerischen Preis von nur 4,50 Euro pro Spiel sollte sich jeder Wii-Sportler genau überlegen, ob er nicht vielleicht doch noch einmal die Wii Sports-Disc einschieben möchte oder ganz auf die zwei Sportarten verzichten kann. Denn weder entwickeln sich Boxen und Baseball im Vergleich zu ihren Originalen merklich weiter noch sind sie unabhängig betrachtet wirklich ansprechende und tragfähige Spielkonzepte.

Zum Test von Wii Sports Club Tennis

Zum Test von Wii Sports Club Bowling

Zum Test von Wii Sports Club Golf

Wertung:

5.0

Tim Herrmann meint:

"Boxen und Baseball kann man sich sparen: Beide Spiele teilen sich den letzten Platz in Wii Sports Club."
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11 Kommentare:


Tim
vor 7 Jahren | 0
WiiUX Review zu Wii Sports Club Boxen & Baseball

ProG4M3r
vor 7 Jahren | 0
Das ist ja mal ganz großer misst ... Boxen war eigentlich die Sportart auf die ich mich noch am meisten gefreut habe, insbesondere im Zusammenspiel mit der doppelten Wii Remote + ... wie kann man es nur so in den Sand setzen?

Da wird Wii Sports Club (Retail) wohl irgendwann mal ungeöffnet im Regal landen, schade...

Belphegor
vor 7 Jahren | 0
Ich kaufs mir direkt am Freitag. Quasi als Belohnung für die Woche. An Sportarten mag ich aber an sich nur Bowling und Baseball und ab und zu Golf. Boxen ist mir zu anstrengend und Tennis ist mir nach 2-3 Runden immer zu öde.

treib0r
vor 7 Jahren | 0
Wieder so ein Schund ala Wario Ware. Sollten sie gratis anbieten.

Tobsen
vor 7 Jahren | 0
Ich fand Boxen und Baseball auch schon anno dazumal am schwächsten. Bei mir rotierte eigentlich nur Tennis, Golf und Bowling. Dafür allerdings auch ausgiebigst^^.
Und "Schund" würde ich WarioWare nun nicht nennen. Es ist sicher nicht der Überflieger (also der WiiU-Teil), aber OK. Die GBA-Teile sind z.B. richtig gut. Irgendwie schade, dass es häufig nur Meinungen á la "Überhammer" oder eben "Schund" (oder krassere Ausdrücke) gibt. "Ganz gut" oder "OK" scheinen eine bedrohte Art zu sein.

Torben
vor 7 Jahren | 0
Ich fande Baseball damals gar nicht schlecht. Klar es war im Grunde eine Tech Demo, aber das Spiel lag gratis dabei und zeigte, was die Wii damals besonders machte. Baseball finde ich gut. Boxen war schon immer bei mir durch, weil das bei mir in Gefuchtel endete :D

StMaster3000
vor 7 Jahren | 0
Ich persönlich finde das Baseball die Beste Disziplin in Wii Sports Club ist, und auch das (leider) einzige Spiel, was einiger Maßen das Gamepad benutzt ! Weshalb ich Baseball eine 8 gebe !

Nun zu Boxen, ich finde das ist das schlechteste Spiel von Sports Club, die alte Nunchunk Steuerung vom Original, war MILLIONEN PROZENT besser als die Doppelte Plus-Steuerung. Sie ist unglaublich Ungenau ! Zudem, Neu-Wii U Käufer, die das Spiel besitzen, fühlen sich bei Boxen doppelt gear***t, da man Gleich 2 Wii Mote Plus Kaufen muss !!! Ich hab grad mal eine (2. Kurz ausgeliehen zum Testen von Boxen ) Wii Mote Plus also man muss ~80€ (ohne Nunchunk) für 2 Wii Mote Plus. Jedoch, kann man dem Spiel eine 2 geben, da Es eine Nette 720p Grafik hat, und einen Online-Modus (mit der Sch*** Steuerung).

Der R
vor 7 Jahren | 0
ich muss ja ehrlich sagen, ich hoffe die Bewegungssteuerung bleibt uns auch in der nächsten generation erhalten. ABER bitte mit starker Verbesserung. Hier könnte Nintendo sich ein wenig von Sony mal abschauen und besser machen ;) ...bzw. mit besseren Spielen als Sony ^^. Denn obwohl Move wirklich genauer reagiert, haben mir damals beim testen die Spiele keinen Spaß gemacht.

Das macht sich eben insbesondere beim Boxen bemerkbar, wo es eigentlich auf blitzschnelle Reaktionen ankommt.

StMaster3000
vor 7 Jahren | 0
@Der R NEEEEIIIIINNNN NEVAR !!!!!!!!!!!!!!!!!!! Nochmal ne Gen mit Bewegungsteuerung,und ich hör auf Konsolen Spiele zu spielen, und werde alles nur noch auf Steam spielen !!!!

Masters1984
vor 7 Jahren | 0
Darum finde ich die Wii U auch deutlich besser als die Wii, da man hier wenigstens auf vernünftige Controller setzt und nur sehr wenige Spiele Gebrauch von der Bewegungssteuerung machen.

Eine neue Gen wieder mit Bewegungssteuerung brauche ich absolut nicht. Auch werde ich die nächste Gen nicht mehr mitmachen, die Wii U wird meine letzte Heimkonsole sein, da ich vollkommen zufrieden bin und sogar noch Spaß mit den älteren Gamecube-Spielen habe und nicht immer das neueste benötige.

LostScorpion
vor 6 Jahren | 0
Baseball ist meiner Meinung nach die schlechteste Sportart, da sowohl die Trainingsspielchen als auch die normalen Spiele eher langweilig sind.
Beim Boxen machen die Trainingsspielchen fast schon mehr Spaß als die normalen Kämpfe.