Test: Wooden Sen'Sey

Von Tim Herrmann am 09. August 2014

Japan und Videospiele – das gehört irgendwie zusammen. Nicht nur weil einige der größten Entwickler und Publisher der Welt aus Fernost kommen, sondern auch weil japanische Kultur immer wieder Einzug in einflussreichen Titeln gefunden hat und damit auch im Westen populär geworden ist. Viele Capcom-Titel wie Okami sind dafür ein Musterbeispiel. Entsprechend ist „japanisch“ von einer Herkunfts- schon zur Stilbezeichnung geworden; „japanische Spiele“ können durchaus auch aus dem Westen kommen. Wooden Sen’Sey ist ein solches Spiel. In Frankreich entwickelt, will dieser Indie-Titel seine Spieler in gute, alte Platforming-Zeiten entführen und setzt dabei auf schrullig-japanische Aufmachung.

Hiiiya!

Ein japanischer Sensei wäre hierzulande wohl ein Lehrer, vielleicht sogar ein weiser Lehrmeister. Und tatsächlich ist ein kauziger, älterer Herr in traditionellem Gewand der Protagonist in diesem 2D Jump & Run. Er heißt Goro. Als Oberhaupt seines entlegenen Dorfes macht er sich auf, um zu Beginn des Spiels gestohlene Sake-Flaschen wieder einzusammeln. Oder um sich für deren Entwendung zu rächen. Das ist nach der dreißigsekündigen Einleitung nicht so ganz klar. Die Geschichte bewegt sich dabei sogar unter rudimentärem Mario-Niveau. Goro hüpft also durch bunte, seitwärts scrollende Levels, die mit den üblichen 3D-Hintergründen ausgestaltet sind.

Keine Frage: Die Grafik ist noch das Außergewöhnlichste an Wooden Sen’Sey. Mit traditionellen Schreinen (Japan!), comichaft auf- oder untergehenden Sonnen (Japan!!) und wehenden Kirschblüten (Japan!!!) bedienen die Entwickler quasi jedes grafische Klischee. Die klassischen 2D-Levels mit 3D-Grafiken wechseln sich dabei mit stilisierten zweitönigen Silhouetten-Aufmachungen oder beklemmend-düsteren Unterwasserabschnitten ab, wie sie schon Rayman und Donkey Kong in Perfektion vorgemacht haben.

Die Optik wirkt auf Wii U aber leider nicht immer so flüssig und scharf wie auf dem PC, wo das Spiel ursprünglich über Steam erschienen ist. Und auch die Gegner wirken unsauber, sie sind konturlose, schwarze Haufen in verschiedenen Formen – offenbar irgendwelche Dämonen oder bösen Geister – die nur ihre bedrohlich-gelben Augen gemeinsam haben.

So japanisch wie die Grafik kommt auch der Sound herüber: Die energischen Ninja-Schreie des ehrwürdigen Sensei bei Sprung und Angriff sind ebenso schrill wie schrullig. Und natürlich dürfen auch die traditionellen Instrumente und japanische Melodien, die jetzt jeder schon im Ohr hat und die man kaum beschreiben kann, zum stimmigen Japanklischee nicht fehlen.

Hits aus den 80ern, 90ern und das Beste von heute

Im Gegensatz zur Technik ist das Gameplay von Wooden Sen’Sey allerdings ziemlich uninspiriert. Neue Ideen fürs Leveldesign oder Spielgefühl bringt das Spiel nicht mit. Stattdessen fühlt es sich an wie ein großes Tribute-Medley aus vergangenen Jump & Run-Zeiten. Im Kern steht die Sprungstock-Mechanik von DuckTales, mit der Sensei höhere und Doppelsprünge ausführen oder stachelige Gegner aus der Luft treffen kann. Blöd, dass sie immer nur einmal pro Sprung funktioniert und es nicht mehrere Spezialsprünge auf einmal gibt wie zum Beispiel in Donkey Kong Country Tropical Freeze. Diese Anlehnung kombiniert der Titel mit klassischem Mario-Platforming, auflockernden Genre-Ausflügen und Tempowechseln wie bei Donkey Kong und mit Kampfelementen à la Rayman. In keiner Disziplin strahlt der Titel aber echte Alleinstellungsmerkmale aus, er steht spielerisch in jeder Hinsicht irgendwo in der dritten oder vierten Reihe hinter den großen Namen und fällt lediglich durch manchmal allzu offensichtliche Plagiate auf.

Zwar werden die späteren Levels angenehm knifflig - wobei die manchmal schwammige Steuerung und die teils unfaire Physik ihren wenig wünschenswerten Teil zum Schwierigkeitsgrad beitragen - und der Sensei lernt mit der Zeit neue Moves, doch echte Unterhaltung will dabei für versierte Spieler nicht richtig aufkommen. Weil Wooden Sen’Sey ihnen nichts Neues gibt, weil es nicht überrascht und weil es spielerisch stets ganz nah am Standard bleibt.

Dazu kommt eine fragwürdige Einbindung des GamePads, dessen Bewegungssensoren den Spielfluss meist eher unnötig unterbrechen, als irgendeine Verbesserung zu bringen. Den DuckTales-Sprung sollen Spieler zum Beispiel durch Schütteln des GamePads ausführen, mit dem Greifhaken durch Neigen des Controllers schwingen. Man kann diese Moves meist zum Glück auch über die Knöpfe abwickeln. Die Bewegungssteuerung nervt und wirkt sehr unnatürlich. Auf dem Bildschirm des Controllers werden nichtssagende Informationen ohne Mehrwert angezeigt.

FAZIT:

Wooden Sen’Sey macht außer der manchmal schwammigen Steuerung und merkwürdigen Physik wenig falsch und ist deshalb ein anständiges 2D Jump & Run. Seine größte Schwäche ist, dass es 2014 erscheint und damit nach mehreren Dekaden voller wesentlich raffinierterer Jump & Runs, die ihr Genre bereits auf unterschiedliche Weise revolutioniert, perfektioniert oder neu erfunden haben. Vielspieler werden sich nach dem Spielen dieser Jump & Run-Standardkost daher fragen, was ihnen Wooden Sen’Sey eigentlich gebracht hat. Es ist fast, als würde man einem guten, aber nicht begeisternden Imitator eines Weltstars zuschauen. Motivation zu zusätzlichen Level-Durchläufen gibt es kaum, neue Spielerlebnisse sind ebenfalls nicht zu finden. Das gilt natürlich nur für Spieler, die die größten Perlen des Genres – Mario, Donkey Kong oder Rayman – schon auswendig kennen. Kinder oder Einsteiger könnten sich von dem Titel aber gut unterhalten fühlen. Wer ganz und gar unbedarft an den schrulligen japanischen Lehrmeister herangeht, bekommt ein Medley verschiedener spaßiger Spiel- und kreativer Grafikideen, die sich handwerklich insgesamt ordentlich präsentieren.

Wertung:

6.0

Tim Herrmann meint:

"Wooden Sen'Sey spielt sich wie ein Medley vergangener Jump & Run-Hits, bringt dabei aber nichts Eigenständiges und nichts Exzellentes zusammen."
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1 Kommentare:


Tim
vor 7 Jahren | 0
WiiUX-Review zu Wooden Sen'Sey (Wii U eShop)