Test: Teslagrad

Von Tim Herrmann am 25. September 2014

Ihr lest diesen Test. Herzlichen Glückwunsch. Das bedeutet, dass ihr im Besitz eines elektronischen Endgeräts seid, das mit Hilfe elektrischer Energie auf das Internet zugreift. Dafür geht an dieser Stelle unser herzlicher Dank an Nikola Tesla. Der 1856 in Südosteuropa geborene Physiker und Elektroingenieur hat mit seinem Lebenswerk viel dazu beigetragen, dass wir heute Strom transformieren und in jeden Haushalt leiten können. Tesla, der auch bei Universalerfinder Thomas Edison in New York gelernt hat, hat außerdem seinen Anteil daran, dass wir wissen, wie elektromagnetische Kräfte wirken. Mit Teslagrad widmet der norwegische Indie-Entwickler Rain Games zumindest dem Namen des Genies ein intelligentes, kleines Rätselspiel.

Ein hoher Turm voller Rätsel

Teslagrad erzählt seine Geschichte ganz ohne Worte. Und erzählt dadurch eigentlich gar keine Geschichte. Ihr begleitet und steuert einen kleinen Jungen, der Nikola Tesla frappierend ähnelt. Auf der Flucht vor unbekannten Verfolgern rettet er sich aus irgendeinem Grund in einen riesigen Turm. In diesem Turm, dem Teslatower, schlummern nicht nur Schicksale längst verwelkter Völker, sondern vor allem allerhand Rätsel.

Wollt ihr neue Wege erschließen und im Spiel weiterkommen, müsst ihr den richtigen Weg erst einmal finden. Von einer riesigen, zentralen Hauptkammer aus gehen verschiedene Pfade ab, die meist noch ineinander verschlungen sind und den Spieler auch schonmal orientierungslos im Kreis laufen lassen. Denn offensichtlich ist der richtige Weg zur Spitze des Teslatowers nicht gleich. Jeder Raum besteht aus einem kleineren oder größeren Rätsel, gespickt mit Mechanismen, die der kleine Tesla intelligent bedienen muss, um den nächsten Raum zu erreichen. Langsam arbeitet ihr euch zur Spitze des Turms fort.

Im Zentrum der Spielmechanik stehen magnetische Kräfte. Überall findet ihr blaue oder rote Blöcke oder Strahlen, die eine entsprechende Magnetisierung darstellen (die Entwickler haben es hier offenbar nicht so ernst damit genommen, dass jeder Magnet eigentlich zwei Pole hat). Sie helfen euch durch Anziehungs- oder Abstoßungskräfte dabei, Abgründe zu überwinden, Gegenstände zu bewegen, höher zu springen oder Wege zu öffnen. Um diese Mechanismen richtig zu bedienen, findet ihr im Spielverlauf die notwendigen Items: Magnethandschuhe, um Eisenblöcke manuell zu magnetisieren; Schuhe, die euch kurz in einen Elektroblitz verwandeln und durch Hindernisse hindurchreisen lassen; oder ein Cape, das die Spielfigur automatisch magnetisiert. Klar: Mit jedem neuen Item bringen die Entwickler auch einen neuen Kniff in die Rätsel – und das in sehr angenehmer Taktung.

Jump & Run & Puzzle

Keine Frage, die kleinen Denkaufgaben von Teslagrad sind durchaus intelligent arrangiert und angenehm knifflig – wären da nur nicht das angedeutete Jump & Run- beziehungsweise Geschicklichkeits-Gameplay und die übermotivierte Physik-Engine, die das Konzept ärgerlich schwammig machen. Im Hintergrund berechnet das Spiel permanent, wie die (naturgemäß unsichtbaren) Magnetkräfte wirken müssten – und das sehr genau. Das ist einerseits natürlich positiv, weil das Rätsel-Gameplay dadurch auch noch eine Geschicklichkeitskomponente bekommt. Andererseits kann es aber auch fürchterlich lästig sein, wenn man das eigentliche Rätsel inhaltlich längst geknackt hat, aber wegen irgendeiner schwammigen Magnetmechanik doch ständig wieder in den Abgrund fällt und von vorn anfangen muss. Physikalisch mag das alles korrekt oder zumindest vage nachvollziehbar sein, aber dem Spielfluss ist es dennoch nicht zuträglich. Im Gegenteil.

Der Tod ist in Teslagrad ein Dauergeselle. Jeder noch so kleine Fehltritt kostet das kleine Spielmännchen das Leben und versetzt es innerhalb zweier Sekunden wieder an den Anfang eines Raums oder einen Checkpoint zurück. Bereits erledigte Rätselabschnitte müsst ihr so immer und immer wieder durchlaufen, bis ihr zur kniffligen Stelle gelangt – auch wenn ihr nur auf dem Rückweg seid, weil ihr euch verlaufen habt. Das kann auch schonmal beinhalten, bei jedem neuen Versuch einige Sekunden auf irgendeinen Mechanismus zu warten, etwa einen Magnetstrahl, der euch von einem zum anderen Ende des Raums transportiert, wo es im Rätsel weitergeht. Bei bis zu 40, 50 nötigen Versuchen pro Raum kann das sehr lästig werden. Von den Bossen ganz zu schweigen: Das Verhaltensmuster der Großgegner ist bei jedem Anlauf gleich. Schritt für Schritt, Tod für Tod muss man sie langsam entlarven und dabei zigmal alles von vorn wiederholen. Ansonsten gibt Teslagrad sich aber Mühe, die einzelnen Räume und damit Rätselabschnitte so knapp wie möglich zu halten.

Nicht falsch verstehen: Der Schwierigkeitsgrad ist hier nie das Problem; man weiß eigentlich genau, wie es geht. Aber es geht einfach nicht immer so, wie man es will. Deswegen muss man es immer und immer wieder von vorn probieren. Bis es geht. Das nennt man Trial & Error. Und das ist eine ärgerliche Macke im Spieldesign.

Liebevolle Aufmachung

Eine große Stärke des kleinen Indie-Spiels ist zweifellos seine künstlerische Aufmachung. Die detaillierten 2D-Grafiken im bunten Comic-Stil sind wunderschön anzusehen und sehr liebevoll animiert. Beeindruckende Licht- und Leuchteffekte zaubern eine wohlige Stimmung auf den Bildschirm. Auch die Musik kann überzeugen, indem sie sich an den richtigen Stellen gezielt zurücknimmt und dunklem Grollen oder knirschenden Effekten die Bühne überlässt. Auffällig ist es nur, wenn man an besonders kniffligen Stellen – zum Beispiel bei Bossen - ständig wieder den Beginn des gleichen Musikstücks hört, wenn man neu beginnt; und das über Minuten hinweg.

FAZIT:

Teslagrad ist klein, aber fein. Mit seinen intelligent verknüpften Rätselräumen hält der Titel Spieler angenehm auf Trab, erweitert sich in einem guten Takt um neue Mechaniken und kniffligere Kopfnüsse. Die Freude über die Rätsellösungen verblasst aber oft vor frustrierendem Geschicklichkeitsgameplay, das beim Vorankommen hindert und wegen seiner technokratischen Physik-Engine unangenehmen Trial & Error-Charakter hat. Ihr werdet hunderte Tode sterben und bestimmte Rätsel etliche Male von vorn beginnen müssen, um Teslagrad zu meistern. Übrig bleibt also ein künstlerisch schön gestaltetes, inhaltlich abgerundetes, aber spielerisch nicht immer optimal abgeschmecktes Indie-Spiel, das Geschicklichkeits- mit Rätsel- und Jump & Run-Elementen verbindet. Wer oft und gern mit vertrackten Geduldsspielen Fingerspitzengefühl beweist und es geradezu liebt, sich mühsam mit 50 Anläufen zum Ziel durchzubeißen, ist bei Teslagrad genau richtig. Alle anderen können sich immerhin an den vielen gelungenen Aspekten des Spiels erfreuen, wenn sie einigermaßen frustresistent sind.

Wertung:

7.5

Tim Herrmann meint:

"Teslagrad ist intelligent, niedlich und schön, treibt Spieler aber manchmal unangenehm zur Weißglut."
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2 Kommentare:


Tim
vor 7 Jahren | 0
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joe378
vor 6 Jahren | 0
Sieht vielversprechend aus. Werd ich mir noch zulegen.