Test: Art of Balance

Von Tim Herrmann am 05. Oktober 2014

Früher haben die Kinder mit Bauklötzen gespielt. Heute spielen die Kinder mit Bauklötzen. Aber virtuell.

Mit Art of Balance hat Shin’en einen großen Hit gelandet: Seine maximale Einfachheit verhalf dem physikbasierten Geschicklichkeitsspiel zu guten Chart-Platzierungen auf der WiiWare-Plattform. Tatsächlich war Art of Balance sogar ein solcher Erfolg, dass die Münchener später eine 3DS-Version auf den Markt brachten. Und nun kommt auch noch eine HD-Umsetzung für Wii U. Was Art of Balance von seinen Artgenossen unterscheidet und ob das Klötzchenprinzip der Realität wirklich überlegen ist, zeigt unser Test.

Stapeln wie in der Realität

Manchmal ist es ganz einfach, ein Spiel zusammenzufassen: Art of Balance ist ein Spiel übers Turmbauen. In einer Wasserschale steht eine ständig wechselnde Ausgangsplattform, die das Fundament für alle Bauwerke bildet. Das Spiel gibt euch dann bestimmte Blöcke und Formen vor und lässt sie euch übereinanderstapeln. Am Ende muss das Gebilde so stabil sein, dass es einen kurzen Countdown übersteht – egal wie ästhetisch oder symmetrisch es dabei aussieht. Kleine Ungereimtheit: Was zählt, ist ausschließlich der Countdown. Läuft er ab, bevor ein heftig schwankendes Gebilde das Wasser berührt, ist das Rätsel trotzdem geschafft. Ansonsten geht es von vorn los.

Dass die Blöcke dabei nicht einfach quader- oder würfelförmig und die Fundamente nicht immer eben sind, versteht sich von selbst. Kugeln, Kreuze oder Dreiecke, Schrägen, Rundungen oder Lücken im Fundament sowie bestimmte Blockmaterialien, die magnetisch sind oder nach kurzer Zeit zerbrechen, erweitern die Komplexität. Art of Balance bleibt dabei aber dauerhaft zweidimensional. Obwohl die Blöcke und die Spielumwelt in 3D modelliert sind, fallen Türme nur nach links oder rechts und nicht nach vorn oder hinten um. Um die dritte Dimension und die Tiefe der Blöcke müssen Spieler sich also nicht sorgen. Das hält zwar die Komplexität überschaubar, nimmt dem Spiel aber gleichzeitig einen großen Teil seines Realismus, auf den es eigentlich so viel Wert legt. Eine ausgeklügelte Physik-Engine berechnet 240 Mal pro Sekunde, welche Kräfte auf das Blockgebilde wirken und wie sich Steine zueinander verhalten. Und das meistens sehr genau und verlässlich. Aber eben nur in 2D.

Ein HD-Upgrade

Art of Balance für Wii U besteht aus vier großen Modi. Kernstück und Herz des Spiels ist sein Arcade-Modus, in dem 200 Rätsel darauf warten, gelöst zu werden. Dort hat Shin’en sich aber einen recht schlanken Fuß gemacht: Die Puzzles sind der 3DS-Version des Spiels entnommen und damit für Kenner nicht neu. Shin’en argumentiert: Art of Balance für Wii U präsentiert sich in neuem Look & Feel, deswegen fühlen sich die Puzzles dennoch neu an.

Tatsächlich ist Art of Balance grafisch überarbeitet worden. In HD sieht das Spiel prima aus und bewegt sich nahe am Fotorealismus. Das ist in diesem Fall natürlich keine so große Sensation wie bei anderen Shin’en-Spielen. Denn außer Blöcken, einem starren Hintergrund und einer Schale Wasser bewegt sich auf dem Bildschirm nichts, mit dem die Hardware fertig werden müsste. Dennoch kann man Shin’en seine überlegene Technik und sein Auge für kleinste Details nicht absprechen. Schattenspiele, feine Holzmaserungen und sorgfältig gestaltete Hintergrundgrafiken sind durchaus schön anzusehen. In Kombination mit den typischen Shin’en-Jazz- und Elektro-Melodien tauchen sie die kleinen Stapelrätsel in ein entspanntes Zen-Ambiente. Die Grafik kreiert einen schönen Rahmen – aber sie ist selbstverständlich nicht der Hauptdarsteller in einem Spiel, das sich so sehr auf eine Mechanik reduziert. Deshalb muss schon jeder Spieler selbst entscheiden, ob ihm realistisch gemaserte Holzwürfel den Kauf eines Spiels wert sind, das zu einem großen Teil auch bereits auf dem Nintendo 3DS existiert.

Doch Art of Balance für Wii U ist nicht nur ein HD-Update, sondern ein Upgrade. Soll heißen: Es gibt auch neue Spielmodi. In der Punktejagd müsst ihr ein Rätsel nach dem nächsten lösen. Für jeden gelungenen Zug bekommt ihr Punkte, die sich mit jedem Rätsel addieren. Erst wenn drei Versuche misslungen sind, wird ein Schlussstrich gezogen und ihr könnt den Score online mit der internationalen Community vergleichen.

Zwei direktere Multiplayer-Modi finden sich in „Turm-Tumult“ und „Hochstapler“. Im Turm-Tumult tretet ihr lokal mit bis zu fünf Spielern gegeneinander an und baut gemeinsam an einem Turm. Wer ihn durch seinen Zug zu Fall bringt, schenkt den Mitspielern je einen Punkt. Nach 5, 7 oder 9 Rätseln steht ein Gewinner fest. Den Hochstapler-Modus könnt ihr online oder offline angehen und allein oder im Team um die Wette stapeln. Wer seinen Turm als erstes stabil aufgebaut hat, gewinnt und bekommt einen Punkt. Die Multiplayer-Modi tun dem Spiel gut und funktionieren, auch wenn es online im Test noch schwierig war, Mitspieler zu finden. Sie geben dem einsamen Klötzchenstapeln aus dem Arcade-Modus eine erfrischende Dynamik, die Sorgfalt und Hektik (und damit eigentlich zwei völlige Gegensätze) kombiniert.

Sticks, Pointer oder Touch

Auch den Arcade-Modus müsst ihr nicht allein bestreiten. Bis zu vier Mitspieler können euch unter die Arme greifen und zusammen über der Lösung brüten. Kooperativ bauen dann alle gemeinsam an einem Turm und müssen sich entsprechend gut abstimmen.

Während ein Spieler das GamePad bedient, können vier weitere sich Wii-Fernbedienungen schnappen und die Blöcke mit der Pointer-Funktion platzieren – ganz so wie im Wii-Original. Auf dem GamePad nutzt ihr entweder die Sticks und Schultertasten, um Blöcke zu greifen, zu ziehen und zu drehen, oder ihr greift zum Touchpen und führt die Blöcke wie auf dem Nintendo 3DS über den Bildschirm. Die Touch-Steuerung ist allerdings etwas gewöhnungsbedürftig, weil der Spieler nur mit einer Hand das GamePad greifen kann, um die Schultertaste zum Drehen eines Blocks zu bedienen. Die andere Hand führt den Touchpen.

FAZIT:

Keine Frage: Mit Art of Balance hat Shin’en sein Erfolgskonzept grafisch, technisch und spielerisch perfektioniert. Es gibt daran objektiv so gut wie nichts zu bemäkeln. Über allem Lob für die präzise Physik-Engine, grafische Kleinstdetails und gute Multiplayer-Modi steht aber ein Schlagwort: muss man mögen... In seinem Gameplay-Kern beschäftigt sich Art of Balance ausschließlich damit, Blöcke aufeinanderzustapeln und aufzupassen, dass der Turm nicht umfällt. Das ist ein Spielkonzept aus wirklich grauer Vorzeit; eingängig, ja. Simpel, auf jeden Fall. Aber nicht sonderlich beeindruckend oder gar spektakulär. Manch einer könnte sagen: ein bisschen langweilig. Ein anderer wird dagegen wohlwollend meinen: „macht total süchtig!“. Schade ist in jedem Fall, dass der Arcade-Modus aus der 3DS-Version kopiert und das Spiel daher nur zum Teil neu ist. Abgesehen davon muss aber tatsächlich jeder selbst entscheiden, ob er Lust auf die digitale Stapelei hat oder lieber das Feuerholz im Garten stapelt.

Wertung:

8.0

Tim Herrmann meint:

"Blitzsauber entwickeltes Spiel, das in seinem Kern wegen seiner Einfachheit aber nicht unbedingt jeden begeistert."
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7 Kommentare:


Tim
vor 6 Jahren | 0
WiiUX-Review zu Art of Balance von Shin'en für Wii U eShop

Der R
vor 6 Jahren | 0
schön :) ....mochte den ersten Teil schon sehr (habe nur leider nie wen gehabt der das gegen mich spielen wollte -.- )

Chris
vor 6 Jahren | 0
Es ist mir ein Rätsel, wie man nicht Spaß daran haben kann Dinge zu stapeln. Also ich für meinen Teil gehe jetzt noch 'ne Runde Art of Balance spielen. :D

Der R
vor 6 Jahren | 0
nja,...irgendwie scheinen halt nicht alle so ambitionierte Hochstapler zu sein :(

SecretOfMana
vor 6 Jahren | 0
Hm Pullblox oder Art of Balance..

Weiß nicht welches von beiden ich mir holen soll^^

speedy-a
vor 6 Jahren | 0
Habe ich mir auch gekauft obwohl ich es auch schon auf der Wii hatte und glaube auch auf dem 3DS. Ist immer noch ein richtig gutes Spiel aber langsam müssten die auch mal was anderes machen finde ich... Denke kommt ja auch noch ein PS4 Port und für Sony Spieler ist es dann ja was gutes neues... Aber 8 von 10 hat es auf jeden Fall verdient. Wenn es nicht schon ähnliche Versionen auf Wii usw gegebenhätte sogar mehr....

LostScorpion
vor 6 Jahren | 0
Bauklötze stapeln und dann hoffen, dass der Turm nicht umfällt. Das Spielprinzip ist simpel, weiß aber dennoch zu gefallen. Auch der Umfang des Spiels ist angemessen. Jede Welt führt neue Elemente in das Spielprinzip von Art of Balance ein und der Schwierigkeitsgrad steigt angenehm an.