Test: Citizens of Earth

Von Michael Prammer am 03. Februar 2015

Über die Internetseite von Kickstarter.com versuchen immer mehr kleinere Entwickler ihre Spiele mit Hilfe der Güte und des Geldes zahlungswilliger Videospielfreunde zu finanzieren. Im Falle von Citizens of Earth vom Entwickler Eden Industries ging das jedoch gehörig in die Hose. Einer der Gründe dürfte wohl das etwas eigenwillige Design des Titels sein, das vermutlich einige Finanzierer abgeschreckt haben dürfte. Publisher Atlus jedoch hat das Potential des Rollenspiels erkannt und ist als Publisher in die Bresche gesprungen. Das Ergebnis erschien unter anderem vor wenigen Tagen im eShop der Wii U. Wir haben Citizens of Earth getestet und sagen euch, ob sich der Einsatz von Atlus gelohnt hat.

Herzlichen Glückwunsch, Herr Vizepräsident
Zunächst aber ein paar kurze Worte zur Geschichte von Citizens of Earth. Ihr seid der frisch gewählte Vizepräsident. Aber nicht etwa von einem kleinen Provinznest, nein, von der ganzen Welt. Etwas merkwürdig jedoch, dass ihr als zweitwichtigste Person der Erde bei Mami lebt und dort das Abenteuer beginnt. Der Kontrahent und Verlierer der Wahl hat in der Folge eine große Demonstration gestartet, um seinem Unmut Luft zu machen. Zusammen mit Mutter und Bruder geht es vor die Tür, um sich der Opposition zu stellen.



Das Abenteuer beginnt daraufhin in einer kleinen Stadt, die wegen der Demonstration von der Polizei abgeriegelt wurde. Der Bewegungsfreiraum im eigentlichen Open-World-Spiel ist damit vorerst eingeschränkt. Schnell wird man die Parallelen zu einem großen Rollenspiel aus dem Hause Nintendo feststellen. Sowohl das Charakterdesign als auch die wesentlichen Spielelemente erinnern stark an Mother 2 bzw. EarthBound, wie das Spiel in Europa hießt. Der große Unterschied ist jedoch, dass der Protagonist niemals selbst gegen seine Feinde vorgeht, sondern, wie es sich für einen Machthaber gehört, seine Gefolgschaft für sich arbeiten lässt. Der Spieler schart immer drei Charaktere um sich herum, die des Vizepräsidenten Kämpfe austragen. Diese werden in altbewährter Rollenspiel-Manier rundenbasiert ausgetragen. Jedoch wird nicht nur geschlagen und getreten, sondern Gegner auch mit Worten niedergestreckt.

Große Charaktervielfalt
Für den Vizepräsident können über 40 verschiedene Figuren im Spiel rekrutiert werden. Jeder hat seine eigenen Fähigkeiten, die je nach Situation und Kampf unterschiedliche Vorteile mit sich bringen können. Die Mutter des Vizepräsidenten beispielsweise kann Leben wiederherstellen, während sein Bruder starke Angriffe im Portfolio hat. Jeder auffindbare Charakter will aber erstmal sorgsam umworben werden. So zieht jede Rekrutierung einer neuen Spielfigur eine Reihe von Quests nach sich, ehe man auf diese zugreifen kann. All das hat mit der Hauptmission gar nichts zu tun und darf als Bonus betrachtet werden.



Überhaupt bietet Citizens of Earth einen enormen Umfang. Neben der großen Anzahl an Rekrutierungsmissionen gibt es zahlreiche Nebenhandlungen, die von einigen NPCs gefordert werden. Da wäre zum Beispiel der Lehrer, der einige Charaktere unterrichten kann und diese dann im Level, gegen Ingame-Bezahlung versteht sich, aufsteigen lässt. Andere Figuren beeinflussen den Schwierigkeitsgrad oder das Wetter. So oder so gibt es immer eine Menge zu tun und der Questlog ist auch abseits der Haupthandlung immer prall gefüllt. Während die Haupthandlung nach etwa 15 Stunden beendet werden kann lässt sich die Spielzeit gut und gerne verdoppeln, will man alle Nebenquests lösen. Der Schwierigkeitsgrad lässt sich dabei auf verschiedene Stufen anpassen und bietet dadurch sogar ein spezielles Belohnungssystem (je schwerer, desto mehr Erfahrung).

Toller Humor – mäßige Präsentation
Ein ganz großer Pluspunkt des Spiels ist der grandiose Humor. Alleine das Aussehen einiger Gegner und viele der teils abstrusen Dialoge der Figuren zaubern euch immer wieder ein fettes Grinsen ins Gesicht. Schade jedoch nur, dass dafür bei der Präsentation kräftig gegeizt wurde. So lustig das Spielgeschehen auch wirkt, so blass wird es inszeniert. Das wird vor allem bei der Grafik recht deutlich sichtbar. Kann man den karikaturhaften Charakteren vielleicht noch etwas abgewinnen, wird man sich jedoch spätestens bei der biederen Kulisse schnell langweilen. Diese wirkt langweilig und detailarm. Außerdem hätten ein paar Animationen mehr den Figuren nicht geschadet und vielleicht etwas zur Aufhübschung des Spiels beigetragen. Dazu ist die musikalische Untermalung kaum von Bedeutung und setzt ebenfalls keine weiteren Ausrufezeichen. Trotz einer guten Übersetzung bleibt leider auch viel Wortwitz auf der Strecke. So heißt ein Reh mit einem Telefonhörer auf dem Kopf beispielsweise Telefaun, dabei würde Telefawn (Telefon-Rehkitz) viel mehr Witz mit sich bringen.



FAZIT:
Citizens of Earth ist ein gelungenes Rollenspiel geworden, das mit viel Humor und einem riesigen Umfang zu gefallen weiß. Man darf Atlus also dankbar dafür sein, dass sich der Publisher diesem Projekt angenommen hat. Die vielen lustigen Charaktere, die Vielfalt an außergewöhnlichen Feinden und die Fülle an Quests lassen spielerisch kaum Wünsche für Rollenspielfreunde offen. Die größten Kritikpunkte des Spiels gehen hingegen mit der mauen Präsentation des Titels einher. Die nicht sehr lebhafte Optik, die schlechten Animationen und der eher belanglose und nüchterne Soundtrack trüben den Gesamteindruck. Nichtsdestotrotz ist Citizens of Earth für Fans des Genres in jedem Fall einen Blick wert!

Wertung:

8.0

Michael Prammer meint:

"Tolles Rollenspiel mit großem Umfang und einer Menge Witz – leider auch mit einer mäßigen Präsentation."
Hinweis: die Kommentarsektion ist aktuell geschlossen.

4 Kommentare:


michi1894
vor 6 Jahren | 0
...

ProG4M3r
vor 6 Jahren | 0
Optisch gefällt mir Citizens of Earth gar nicht, sieht einfach nur mies aus... außerdem bin ich kein Genre Fan, weshalb mich auch eine 8.0 nicht umstimmen wird... schade eigentlich eine gelungene Präsentation und ein besserer Sound hätten den Titel interessanter gemacht, nicht zuletzt weil sich der Test ja eigentlich recht positiv ließt und der Titel dann wohl noch besser weg gekommen wäre.

Skull
vor 6 Jahren | 0
nach 5 spielstunden kann ich mich mit den 8.0 zwar anfreunden aber ich finds doch schade dass noch so viele bugs vorhanden sind. vor allem dass das spiel alle ~60 min einmal crasht (bei mir zumindest) ruiniert den spaß doch ein wenig. ich hoffe dass da in naher zukunft ein patch kommt.

Vyse
vor 6 Jahren | 0
Konnte leider überhaupt keinen Gefallen an dem Spiel finden.

Die Grafik empfinde ich noch als den verträglichsten Aspekt. Vielleicht auch nur deshalb, weil es an Earthbound erinnert, von dem es auch sehr offensichtlich inspiriert wurde.

Was von Earthbound leider nicht übernommen wurde, ist der hohe Schwierigkeitsgrad. Komplette Dungeons inkl. der Endbosse kann man durchqueren, indem man ausschließlich normale Angriffe verwendet. Das eigentlich ganz interessante Kampfsystem mit intelligent gestalteten Items ist somit irrelevant. Die Charaktere sind fast unsterblich: Nach Level-Ups gibt es die vollen HP zurück, selbst tote Charaktere erhalten weiterhin Erfahrungspunkte und stehen mit vollen HP wieder auf, wenn sie postmortem eine Stufe aufsteigen. Ich habe versucht, absichtlich zu sterben, und es nicht geschafft, weil man durch die Level-Ups einfach zu oft geheilt wird, als dass ein Ableben überhaupt möglich wäre.

Auch sonst hatte das Spiel für mich nichts zu bieten. Der Humor brachte mich kein einziges Mal auch nur zum Schmunzeln (dieser Punkt ist natürlich sehr subjektiv) und die Musik ist mit ihren fünf Sekunden langen Audio-Schleifen schon fast eine Frechheit.