Test: Kirby und der Regenbogen-Pinsel

Von Ramy el Shalakany am 01. Januar 2017

Viele Jump & Runs haben eines gemeinsam. Etwas wird gestohlen oder jemand wird entführt und der Spieler hat die Aufgabe alles wieder ins Lot zu bringen. In Kirby und der Regenbogenpinsel ist es die Farbe, die Objekt eines Diebstahls wird – und plötzlich wird das knallbunte Dream Land in eine karge Schwarzweiß-Landschaft verwandelt. Mit Hilfe von Eline, die die Gestalt eines Pinsels annehmen kann, zieht Kirby los, um die Farben wieder zurückzubringen. Kirbys erster eigener Auftritt auf Wii U punktet nicht mit einer ausgeklügelten Story, doch die Stärken des Spiels liegen – und auch das ist bei vielen Jump & Runs genauso – ohnehin ganz woanders.

Während sich Fortsetzungen anderer 2D-Plattformer oftmals nicht radikal von ihren Vorgängern unterscheiden, geht die Kirby-Reihe in den letzten Jahren spielerisch und optisch immer wieder einen anderen Weg. Kirby und das magische Garn für die Wii überraschte mit seinem Stricklook, Kirby‘s Adventure Wii hingegen war eher ein Jump & Run der alten Schule. Auf Wii U beschreitet das Studio HAL Laboratory nun sowohl spielerisch als auch optisch neue Konsolen-Pfade.

So hat sich Kirby vom magischen Garn endgültig gelöst und überlässt Yoshi die Welt des Strickens und Häkelns. Kirby probiert sich unterdessen mit Stop-Motion-Technologie und Knetfiguren aus und erinnert dabei leicht an die Animationsfilme der britischen Firma Aardman Animations, die sich unter anderem mit den Wallace & Gromit-Kurzfilmen einen Namen gemacht hat. Während das Spielgeschehen stets flüssig vonstattengeht, wirken die Zwischensequenzen, die Animationen im Hintergrund und die Bewegungen einiger Gegner tatsächlich so, als seien sie mit wenigen Bildern pro Sekunde im sogenannten Claymotion-Verfahren gefilmt worden. Dieses Stilmittel ist etwas gewöhnungsbedürftig aber durchaus liebevoll und charmant, wenngleich es nicht ganz die Faszination entfachen kann wie seinerzeit "das magische Garn".

 

GamePadmalerei

Der größte Unterschied zu den Heimkonsolenvorgängern ist aber spielerischer Natur, denn das komplette Abenteuer wird lediglich mit dem Touchscreen des GamePads gespielt. Somit wird bei Kirby und der Regenbogenpinsel ein Fernseher nicht gebraucht, da beim ständigen Zeichnen der Blick kaum vom Gamepad weicht. Schade nur, dass man so nicht in den vollen Genuss der liebevollen Grafik kommt, denn erst auf dem Fernseher kommt sie in satten Farben und bestechender Schärfe richtig zur Geltung. Im direkten Vergleich fällt doch auf, dass der GamePad-Touchscreen nicht besonders farbintensiv und brillant daherkommt.

Doch wie genau funktioniert der namensgebende Regenbogenpinsel eigentlich? Der Spieler malt auf dem Touchscreen eine Linie und ebnet damit einen Weg, auf dem sich Kirby fortbewegt. Dabei lassen sich nicht nur einfache Geraden, sondern fast alle möglichen Formen zeichnen, auch entgegen physikalischer Gesetze. Man bewegt den Protagonisten also gar nicht selbst, kann ihm aber durch einfaches Antippen einen Boost verpassen und damit Angriffe auf Gegner ausführen. Vor allem in den Levels mit hoher Absturzgefahr ist darauf zu achten, dass die Malfarbe nicht zu Ende geht. Wenn dies der Fall ist, sollte man schnell eine feste Plattform aufsuchen. Wartet Kirby hier kurz, füllt sich die Farb-Anzeige wieder und es kann weitergehen. Die gezeichneten Linien verschwinden nach einiger Zeit von allein, um Platz für neue zu machen. Wem das nicht zügig genug geht, kann mit dem Stylus die alten Linien einfach übermalen. Angesichts der Dauermalerei ist man anfangs vielleicht etwas hilflos. Nach einiger Eingewöhnungszeit gehen die Zeichnungen aber locker von der Hand und man bekommt ein Gespür dafür, worauf es ankommt, um Kirby effektiv durch die Levels zu manövrieren.

Nicht doch besser für den 3DS?

Nun werden sich einige aber fragen: Ein Spiel, das nur mit dem Touchscreen gespielt und bei dem ein Fernseher nicht gebraucht wird…? Ist dieses Konzept nicht besser auf dem Nintendo 3DS aufgehoben? Immerhin hat es mit Kirby - Power Malpinsel bereits einen geistigen Vorgänger auf dem Nintendo DS gegeben, der dem Wii U-Nachfolger spielerisch gleicht wie ein Ei dem anderen. Oder warum bietet man nicht gleich im Rahmen von Nintendos Smartphone-Ambitionen ein Spiel für Mobilgeräte an? Wie gut ist Kirbys neuestes Abenteuer auf Nintendos aktueller Heimkonsole also aufgehoben? An dieser Stelle muss man eine Lanze für die Wii U-Konsole brechen, denn die Größe des GamePad-Bildschirms sowie der Stylus kommen dem Platformer auf jeden Fall zu Gute. Auf kleineren Screens würde die eigene Hand wohl zu häufig im Weg stehen und die Sicht auf das Geschehen versperren – oder zumindest erschweren. Zudem lassen sich die Linien mit dem Stift des GamePads präziser zeichnen. Höchstens Tablets mit Stiftbedienung könnten einen ähnlichen Komfort bieten wie das Wii U-GamePad, wobei der Nintendo-Controller aufgrund seiner Ergonomie hier einen weiteren Vorteil hat.

Dass Präzision wichtig ist, wird vor allem spätestens dann klar, wenn Kirby gegen die Endgegner antritt. Da muss man den rosa Helden auch schon mal punktgenau an einer Fülle von Geschossen vorbeinavigieren.

Wer gerne dem Sammelfieber verfällt, kann sich freuen. Musikstücke, Zeichnungen oder Figuren lassen sich für die spielinternen Galerien freischalten, indem man in den Levels mehrere Truhen findet. Ambitionierte Spieler schauen besonders darauf, ob sie ein Level mit Bronze, Silber oder Gold abschließen. Abhängig ist dies von der Anzahl der gesammelten Sterne, die überall verteilt sind, ähnlich wie die Münzen in den Super Mario-Jump & Runs. Hat man hundert von ihnen eingeheimst, wird Kirby zudem stärker und kann mit seiner neu gewonnen Fähigkeit größere Gegner besiegen und härtere Wände durchbrechen. Gerade in Schlüsselmomenten wie Bosskämpfen ist dieser „Power-Kirby“ ein Schlüssel zum Erfolg.

Genügend Vielfalt?

Damit die spielerische Abwechslung nicht zu kurz kommt, haben die Entwickler unterschiedliche Rätselelemente eingebaut. So können die gezeichneten Linien auch als Schutz vor herabstürzenden Wasserfällen oder Laserbarrieren dienen. Oder ihr lenkt mit ihnen ferne Kugeln, um Schalter zu betätigen. Außerdem gibt es Passagen, in denen man gleich für zwei Kirbys verantwortlich ist. Und auch Verwandlungen sind wieder mit von der Partie: So kommt die Knutschkugel als Panzer, U-Boot oder Rakete zum Einsatz, die sich allesamt spielerisch voneinander unterscheiden. Auch Unterwasserlevel muss man bestreiten. Hierbei zieht die Schwerkraft Kirby aber nicht nach unten. Vielmehr sorgt seine Physis dafür, dass er Richtung Wasseroberfläche gezogen wird. Hier müssen Spieler also umdenken. Statt Linien zu zeichnen, auf denen Kirby sich fortbewegt, dienen die Linien unter Wasser dafür, seinem Trieb nach oben Einhalt zu gebieten.

Der Plattformer lässt sich übrigens auch im lokalen Mehrspielermodus spielen. Während Spieler 1 Kirby wie im Singleplayer-Modus per Touchscreen lenkt, müssen bis zu drei Mitspieler auf den Pro-Controller oder die quergehaltene Wii-Remote ausweichen. Sie steuern Waddle Dees wie in einem klassischen Jump & Run und sind mit einem Speer bewaffnet. Außerdem können sie sich auch die gezeichneten Regebogenlinien von Spieler 1 zu Nutze machen und sich auf ihnen aufhalten. Zu zweit macht das durchaus Spaß, wird jedoch mit drei oder gar vier Spielern zu einer chaotischen und unübersichtlichen Angelegenheit.

Das Artdesign ist einfach knuffig und niedlich. Allerdings sollte man wegen der Optik nicht auf einen ebenso leichten Titel wie zum Beispiel Kirby und das magische Garn schließen. Erfreulicherweise kann das Regenbogen-Abenteuer hier und da um einiges kniffliger sein, als es den Anschein hat - vor allem dann, wenn es hektischer zugeht. Über das gesamte Spiel gesehen ist der Schwierigkeitsgrad aber im unteren Mittelfeld anzusiedeln. Wer den Anspruch hat, alle Truhen zu finden, wird allerdings häufig Pfade einschlagen müssen, die zu härteren Levelbereichen führen. Nintendo hat aber auch diesmal diejenigen im Blick, die sich von ein paar Bildschirmtoden abschrecken lassen könnten. In einigen Passagen wird der Spieler nach sage und schreibe drei Ableben gefragt, ob er direkt zum nächsten Spielabschnitt springen möchte. Auch die Einbindung der amiibo-Figuren von Kirby, Meta-Knight und König Dedede sorgt für eine Vereinfachung. Einmal am Tag, jeweils für nur einen Abschnitt, wird je nach amiibo eine bestimmte Fähigkeit von Kirby verbessert.

Fazit:

Kirby und der Regenbogenpinsel ist ein durch und durch sympathisches Spiel. Neben der Knet-Optik und den sieben Themenwelten besticht auch die Musikuntermalung durch viel Abwechslung. Von kindlich und kitschig über atmosphärisch und sogar episch wird in den 28 Levels für die Ohren so einiges geboten. Leider zeigt der Titel nicht ganz, wie man auch abseits von Partyspielen das Potenzial des Wii U-Gamepads voll ausnutzt. Schade eigentlich, wenn man bedenkt, dass man den Bildschirm des Controllers ohnehin die ganze Zeit im Blick hat. Einige Auflockerungen hinsichtlich der Steuerung hätten dem Mal-Abenteuer nämlich gut getan, da das ausschließliche Spielen mit dem Stylus auf Dauer etwas ermüdend und eintönig sein kann. Trotz dieser Kritikpunkte und der recht überschaubaren Spielzeit von 6 Stunden muss an dieser Stelle aber nochmals betont werden, dass die Entwickler sehr viel aus den Möglichkeiten des Konzepts herausholen und mit immer neuen Spiel-Elementen für Abwechslung sorgen können. Damit kann Kirbys neuester Streich durch seine Andersartigkeit aus der Fülle von 2D-Jump & Runs für Wii U durchaus herausstechen. Wer Plattformer mag und nach einem etwas anderen Spielgefühl sucht, kann Kirby und der Regenbogenpinsel auf dem Zettel haben. Denn ein charmantes und mehr als ordentliches Spiel ist es allemal.

Wertung:

7.0

Ramy el Shalakany meint:

"Ein wirklich solides Spiel, das aus seinem Konzept eine Menge herausholt und gleichzeitig die Grenzen des Touchscreen-Malens aufzeigt."
Spielerlebnis: Gut
Umfang: Durchschnittlich
Technik: Gut
Hinweis: die Kommentarsektion ist aktuell geschlossen.

12 Kommentare:


Schniko
vor 6 Jahren | 0
Kirby

Tisteg80
vor 6 Jahren | 0
Ich bin mit Kirby erst seit kurzem in Kontakt gekommen (Kirby Triple Deluxe auf dem 3DS) und fand das Spiel hier bei seiner Ankündigung ganz interessant. Aber ich werde passen - da es doch sehr kurz ist und sich halt nur auf die Touchscreen-Malerei versteift. Das ist schade, denn der Grafikstil ist super. Ich hätte mir gewünscht, dass sie eher ein klassisches Kirby Jump'n'Run machen, die Touchscreen-Malerei aber als Bonus-Level hier und da einbinden. So ähnlich wie bei Rayman Legends, wo man immer mal wieder auf dem Gamepad spielt. Ich glaube, dann hätte wirklich keiner was groß zu meckern gehabt.

Dafür denke ich über den Kauf von Kirby's Adventure Wii nach, via Virtual Console.

michi1894
vor 6 Jahren | 0
Ramys erster Test und ein sehr gelungener, wie ich finde. Der Junge kann nicht nur Video, oder was meint ihr? ;)

Tobsen
vor 6 Jahren | 0
Das Spiel steht auf meiner WiiU-Prioritätenliste bisher nicht weit oben. Yoshi und vor allem Splatoon sind einfach eine zu starke Konkurrenz. Ich werde mir erstmal den DS-"Vorgänger" besorgen, um zu gucken, wie mir das Konzept gefällt. Aber die Knetoptik ist wirklich super. Ich würde sehr gern mal ein Mariospie in so einem Gewand sehen. Also wir hatten schon Knete, Garn, Wolle, Wachsmalkreide, Cel-Shading... Nur Mario ist immer ähnlich - Bis auf das äußerst coole Rembrandt-Level in NSMBU.
Und der Test ist wirklich gelungen und schön ausführlich! Gute Arbeit! :D

ProG4M3r
vor 6 Jahren | 0
Neben Splatoon, Puzzles & Dragons Z sowie Code Name S.T.E.A.M. hätte ich zwar noch Platz, aber ganz im ernst, wozu die Eile? Auf 29,99€ fällt der Titel mMn. bestimmt noch und solange werde ich warten... nicht dass ich etwas gegen Kirby hätte, aber Nintendos Rosa Knutschkugel hat für mich eine relativ geringe Priorität, da der seichte Schwierigkeitsgrad (besonders die neueren Spiele...) einfach nicht wirklich meins ist.

Taisaka
vor 6 Jahren | 0
Ich habe nichts anderes von dem Spiel erwartet. M.e. hat es höchstens Handy Niveau.

ProG4M3r
vor 6 Jahren | 0
Das ist ja wohl nicht dein ernst @ Taisaka

Taisaka
vor 6 Jahren | 0
Würde ich es sonst schreiben? Vlt. habe ich um etwa 10% Übertrieben aber die Kernaussage trifft meiner Meinung nach zu!

Ramii
vor 6 Jahren | 0
@ Taisaka. Auch, wenn du selbst sagst, dass du etwas übertreibst, würde ich persönlich den neuesten Kirby-Auftritt dennoch nicht mit einem Handyspiel vergleichen bzw. in ein und die selbe Schublade packen :) Abgesehen vom beschriebenen Komfort des Gamepads, steckt dann einfach zu viel drin in diesem Spiel, um als Handy-Titel abgestempelt zu werden. Sei es die gesamte Präsentation, die Musikuntermalung, das Leveldesign und ja, auch der Umfang. ;)

dd2ren
vor 6 Jahren | 0
Wenn es mal billig ist kauf ich es vielleicht. Der Vorteil mit einem Amiibo war mir einfach zu groß. Ich sammle keine Amiibos, deshalb sollten die Spiele die ich kaufe nicht davon profitieren.

rongar
vor 6 Jahren | 0
Schönes Spiel! Schön spielbar, guter Grafikstil und besonders die Musik ist richtig gut geworden! Fazit: Mir gefällts! Ist mal eine Abwechslung zu all den sonstigen Jump and Runs.

ProG4M3r
vor 6 Jahren | 0
Nintendo selbst zeigte in Power Paintbrush wie es spielerisch besser geht, was man sich bei u.d. Regenbogen Pinsel gedacht hat ist mir schleierhaft.