Test: Electronic Super Joy

Von Nico Zurheide am 20. November 2015

Partygames. Welche Spiele kommen uns jetzt als erstes in den Sinn? Perfekt abgestimmte Minispiele in Mario Party, Mehrspielerkracher wie Runbow oder die erheiternd totale Sinnlosigkeit von Spielen wie Gang Beasts wären einige der Kandidaten. Electronic Super Joy von Michael Todd Games fällt nicht wirklich in eine dieser Kategorien: Es ist ein forderndes Jump'n'Run für Einzelspieler, das einen Mix aus moderner Grafik, Pixelwelten und elektronischer Musik bietet. Trotzdem könnte man den Plattformer als das ultimative Partyspiel ansehen - einfach die Lautstärke des Fernsehers bis zum Anschlag aufdrehen und die Hausparty kann losgehen. Natürlich wäre die Verwendung als Jukebox eine Zweckentfremdung der Software, denn hauptsächlich wird hier ein reichlich durchtriebenes Spiel geboten.

There is no party like a Jump'n'Run party

Weil eine Jump'n'Run-Party niemals endet? Ganz so opulent präsentiert sich "ESJ" dann doch nicht, auch wenn immerhin gleich drei Spielmodi angeboten werden. Die Hauptkampagne beinhaltet drei Welten á 15 Level, dazu jeweils einen Endgegner und zwei Bonuswelten, die im Nachhinein absolviert werden wollen. Eine zweite Nebenkampagne besteht zwar aus viel weniger Stages, diese sind dafür aber um einiges schwerer und bieten auch einige Shooterpassagen. Storytechnisch regen beide Modi zum Nachdenken an und kommen in ihrer sozialkritischen Form und dem Fokus auf interkulturelle Beziehungen wohl für ein derartiges Indiespiel gänzlich unerwartet. Hier trotzdessen der Versuch einer kleinen Zusammenfassung: In der langen Kampagne will man sich von dem auf exotisches Diebesgut spezialisierten "Groove Wizard" seinen gestohlenen Hintern zurückholen und die zweite Kampagne spinnt die Geschichte einer hässlichen Tragödie, in der ein ungehobelter "Micro-Satan" den Hund des Protagonisten angefurzt hat und nun schreckliche Rache erwarten kann. Zu guter Letzt gibt es den für derlei Spiele üblichen Endlosmodus, eine Aneinanderreihung kleinerer Challenges.

Aus Wenig mach Viel

Spielerisch orientiert sich der Plattformer an besonders schweren Vertretern des Genres wie Super Meat Boy oder dem auch für Wii U erhältlichen Cloudberry Kingdom. Wo letzteres allerdings eher auf Trial & Error setzt und teilweise zufallsgeneriert wird, bleibt Electronic Super Joy bis auf einige Stellen stets fair und bietet einen offensichtlichen Weg an - dieser muss dann nur gemeistert werden. Vor dem die gesamte Farbpalette ausnutzendem Hintergrund spielt sich die Action in einheitlichem Schwarz ab. Sowohl der Protagonist und NPCs, als auch die Levelelemente bestehen aus schwarzen Pixeln, die einen wunderbaren Kontrast zur hintergründlichen Disko herstellen. Die Bandbreite an verschiedenen Plattformen, Feinden und sonstigen Elementen bordet dabei zwar alles andere als über. Da aber alle Teile im Verlauf des Spiels immer wieder gänzlich neu arrangiert werden, fällt die Wiederholung der einzelnen Objekte nicht ins Gewicht. Durch die offensichtlich talentierten Erbauer der Level gestalten sich selbige grandios abwechslungsreich. Wenn ein Element doch einmal zu oft genutzt wird, intervenieren die Entwickler mit kleinen Zwischenaufgaben, die teilweise völlig andere Spielmechaniken bieten. Einige Teile erhalten sogar mehrere Funktionen; mal ist ein weißer Pfeil eine Sprungplattform, mal verwandelt er sich nach kurzer Zeit in einen Raketenwerfer.

Diese Verfolgungsprojektile bilden neben dem Versagen der eigenen Jump'n'Run-Fähigkeiten die größte Gefahrenquelle des Spiels. Raketen mit verschiedenen Geschwindigkeiten werden in einem Großteil der Level eingesetzt, daneben gibt es noch - allerdings etwas spärlicher gesät - tödliche Laser in vielen Formen und Variationen. Mit weiterem Fortschreiten in der Hauptkampagne gibt es zwei Fähigkeiten für den Protagonisten: Einen Doppelsprung und eine Slam-Attacke, mit der Gegner geplättet werden können. ESJ bricht an dieser Stelle aber mit gängigen Konventionen, indem die erhaltenen Kräfte nicht dauerhaft verfügbar sind. Ob der Charakter sie besitzt oder nicht, kann sich von Level zu Level ändern. Der Smashangriff bietet sich nicht nur dazu an, Feinde in den Boden zu stampfen, sondern wird in Welten mit besonders kleiner Gravitation auch dazu gebraucht, schnell aus der Luft wieder auf Plattformern zu gelangen. Wie bei einigen Objekten der Umgebung also auch hier wieder eine Doppelfunktion. Ob man in einem Kurs besondere Fähigkeiten besitzt oder nicht, wird einem von den kleinen, ebenfalls schwarzen, NPCs mitgeteilt, die hauptsächlich in Zwischenwelten auftauchen und im Beat der Musik ordentlich abfeiern.

Hehehe, er hat "geil" gesagt

Doch dem "Danke" an Broken Rules für die Portierung des Hüpfers auf Wii U muss gerade bei den NPCs leider ein dickes "Aber" angehangen werden. Der Hintergrund: In Nordamerika ist seit Anfang 2015 bereits der etwas kürzer ausgefallene Nachfolger "Electronic Super Joy: Groove City" (Handlung: die gigantische Roboterstripperin JoJo will sich von Dr. Swinger ihre gestohlenen Lasernippel zurückholen) für den eShop von Wii U erhältlich. Da der Titel aber aufgrund des etwas derberen Humors von Michael Todd Games von der ESRB als "ab 17" eingestuft wurde, fristete der Titel ein Nischendasein und konnte keine finanziellen Erfolge einfahren. Um dem entgegenzuwirken, wurden für die Konsolenversion des Erstlings viele Textpassagen umgeschrieben und Soundeffekte entfernt. Das geht zwar so weit, dass die USK das Spiel ab 6 Jahren freigegeben hat, doch versteht man als erwachsener Spieler doch immerhin stets, was genau gerade gemeint ist. Die Konversationen sorgen weiterhin für Lacher, doch bleibt ein fader Beigeschmack der Zensur.

Fazit:

Ausdauerndes Abhotten in Videospielform: Das ist Electronic Super Joy. Der bockschwere Hüpfer setzt auf eine Mischung aus aktueller Grafik und Pixelwelten, aus dauerbunter Hintergrundbeschallung und einheitlich schwarzen Formen. Die Spielwelt lebt sichtlich die Musik des Spiels, die von Popbeats der 90er über Avicii-mäßige Melodeien bis hin zu wummerndem Jumpstyle reicht (für den Soundtrack zeichnet sich aber nur ein einziger Künstler verantwortlich). Die Leveldesigner haben dabei außerordentlich gute Arbeit abgeliefert und durch den schnellen Wechsel der Spielmechaniken kommt keine Langeweile auf. Fair gesetzte Checkpoints sorgen außerdem dafür, dass man trotz der Schwierigkeit nicht die Lust verliert. Die Portierung bietet dank GamePad zusätzlich auch Off-TV-Play. Doch: Die konsolenexklusive Wii U-Version des Spiels ist zensiert, will man das Originalprodukt sollte man auf PC oder Smartphone zurückgreifen. Dennoch bleibt der Humor der Entwickler erhalten und auch auf Nintendos Heimkonsole gibt es den Papst als Endgegner, der mit seinem Disk-Jockey-Pult in einem Ufo hockt und Raketen auf den Spieler feuert. Und jetzt hole ich mir meinen Po zurück.

Wertung:

8.5

Nico Zurheide meint:

"Electronic Super Joy zeigt, wie man trotz andauerndem Sterben noch Spaß haben kann."
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4 Kommentare:


KeeperBvK
vor 3 Jahren | 0
Auf dem PC habe ich das geliebt. War für mich damals ein absoluter Überraschungstitel. Von mir also auch eine klare Empfehlung.

Falcon
vor 3 Jahren | 0
Haha - schöner Text :D Hatte ich so überhaupt nicht auf dem Schirm diesen Titel. Das mit der Zensur ist natürlich schade.

Tobsen
vor 3 Jahren | 0
Ich bin froh um jede Zensur, denn nur so weiß ich mich gegen den von allen Seiten anbrandenden Sündensturm in Sicherheit gebracht worden zu sein.

mowowo
vor 3 Jahren | 0
habe es auch für pc gespielt.
schade das für wii u immer alles erst so spät rauskommt.