Test: FAST Racing Neo

Von Tim Herrmann am 01. Januar 2017

3 … 2 … 1 … Go. Der Gleiter schießt aus der Startposition, nimmt auf der Geraden rasant Fahrt auf, legt sich fast mit Höchstgeschwindigkeit in die erste Kurve und schrammt unheilvoll an der Bande entlang. Im Geschwindigkeitsrausch rast er nach der Schikane auf einen gebogenen orangefarbenen Streifen zu, wechselt schlagartig die Farbe seiner Düsenantriebe von Blau auf Orange: Beschleunigung. Der Controller vibriert, fast fühlt man sich selbst in den Sitz gedrückt. Nächster Streifen: blau. Wieder der Farbwechsel. Das Sci-Fi-Fahrzeug schiebt bei 1.000 Meilen pro Stunde eine blaue Sphäre vor sich her, als habe sie gerade die Schallmauer durchbrochen. Die Landschaft rast vorbei, verschwimmt in einem Wirrwarr aus Farben und Konturen. FAST Racing Neo ist das neueste Spiel von Shin’en auf Wii U. Und macht seinem Namen alle Ehre.

Ein Boost nach dem anderen

FAST Racing Neo setzt konsequent das fort, was sein Vorgänger, FAST Racing League, auf WiiWare begonnen hat: Hochgeschwindigkeits-Sci-Fi-Racing mit futuristischen Gleitern auf verzwirbelt-spacigen Rennstrecken. Sechzehn abwechslungsreich designte neue Pisten gibt es – mal geht es durch Unterwassertunnel, mal über schmale Gitter in den Wolken, dann wieder über staubigen Wüstenboden oder glitschige Schneepisten. In vier Grand-Prixs mit je vier Rennen und in drei Geschwindigkeitsklassen lernt ihr sie immer besser kennen, im Zeitfahren oder im folterartig schwierigen Hero-Modus meistert ihr sie. Mit dabei sind auch lokale und Online-Multiplayer-Modi für vier beziehungsweise bis zu acht Spieler (Freunde und Fremde). Das Grundpaket ist für ein Download-Spiel à 15 Euro also mehr als im Rahmen.

Beim ersten Rennen mag manch einer sofort an F-Zero denken, andere an Sonys WipeOut-Serie. Wie auch immer. Erwarten kann man in jedem Fall ein Spiel, das seinem Namen gerecht wird. Denn FAST Racing Neo ist wirklich schnell.

Schon die allgemeine Spielgeschwindigkeit ist sehr hoch und zieht in höheren Klassen immer weiter an. Dazu kommen zahlreiche Boosts, die beim Spieler wahre Achterbahngefühle auslösen. Beschleunigungsstreifen sind eines dieser Boost-Elemente. Einen Geschwindigkeitsschub verschaffen sie aber nicht einfach so, ihr müsst in der richtigen Farbe darüber rasen. Sonst bremsen die Streifen sogar. Die Farbe müsst ihr mehrmals im Rennen wechseln. Die Boost-Böden sind oft so arrangiert, dass man bei voller Fahrt innerhalb von Sekundenbruchteilen die Phase wechseln muss, um Boosts zu erhalten und nicht klebenzubleiben. Raffiniert arrangiert.

Zweite Booster: die farbigen Power-Punkte, die es auch schon in FAST Racing League gab: Sie füllen einen Tank auf. Der Schub kann durchaus rennentscheidend sein und will deshalb geschickt eingesetzt werden. Umso mehr ärgert man sich, wenn man die kleinen Kügelchen knapp verpasst. Anders als im Vorgänger leert sich der Tank übrigens nicht mehr durch den Phasenwechsel, sondern nur noch durch den Boost.

Manchmal fast zu FAST

Besonders in den hohen Geschwindigkeitsklassen wird FAST Racing League unheimlich schnell – mit allen Konsequenzen, die sich daraus für das Spiel ergeben. Bei 1.000 Kilometern pro Stunde ist es effektiv kaum noch möglich, auf Schikanen zu reagieren. Man muss sie stattdessen antizipieren; wissen, wann welche Kurve kommt. Im Klartext: Man sollte die Strecken möglichst auswendig lernen, um zu gewinnen. Denn das Spiel bestraft jeden Fehler. Deshalb ist FAST Racing Neo ein echtes Hardcore-Spiel und nichts für den klassischen Mario Kart-Sonntagsfahrer, der sich gern an schönem Streckendesign erfreut.

Schon in der mittleren Speedklasse wird sich manch ein Gamer, der sonst recht viel auf sein spielerisches Fingerspitzengefühl gibt, zunächst die Zähne ausbeißen. Neben dem höheren Spieltempo und dem damit einhergehenden gesteigerten Schwierigkeitsgrad stärkt Shin’en auch kontinuierlich die Computergegner. Um weiterzukommen, muss man sich mindestens unter den ersten Dreien platzieren.

Dass die Lernkurve so steil ist, liegt vor allem daran, dass das Spiel erbarmungslos mit Fehlern umgeht. Ein einigermaßen anständig gefahrenes Rennen endet etwa auf Platz 6 oder 5. Nur wer Kurven immer richtig trifft, kaum gegen Begrenzungen prallt und viele Boost-Kugeln einsammelt, hat eine Chance auf den Sieg. Ein Crash reicht jedoch – und das Rennen ist quasi vorbei. So ein Unfall kann schnell passieren, etwa bei einem spektakulären Flug, der nicht richtig auf der Strecke landet. Und er kostet regelmäßig sechs, sieben Sekunden – Welten in dem schnellen High-Speed-Race. Gerade die Unfälle stören daher etwas die Balance, für manche sind gerade sie dagegen der Nervenkitzel, den sie suchen.

Grafik und Sound? Shin’en-Qualität

Shin’en hat sich im Laufe der Jahre und spätestens auf Wii den Ruf erarbeitet, mit pfiffigen Tricks das Maximum aus Nintendo-Hardware herausholen zu können. FAST Racing Neo tut dem keinen Abbruch. Das Spiel sieht fantastisch aus, wartet mit enorm detaillierten Gleitermodellen und Hintergründen auf und läuft selbst bei unfassbaren Geschwindigkeiten immer mit flüssigen 60 Bildern pro Sekunde.

Die hochauflösenden Hintergründe sind dafür meist statisch und wirken bisweilen wie eine Plastikkulisse. Und manchmal verschwimmen ferne Teile des Bildes im Nebel. Der undefinierbare Geschwindigkeitsblur, den man bei jeder Beschleunigung zu sehen bekommt, ist stilistisch natürlich gewollt, soll aber wohl auch dazu beitragen, dass man nicht allzu viel von der Umgebung mitbekommt. Viel Zeit hat man während des Rennens ohnehin nicht, sich die Welten anzuschauen. Im Gegenteil: FAST Racing Neo ist ein Spiel, nach dem einem die Augen brennen. Weil man sich ein kurzes Blinzeln kaum leisten kann.

Auch beim Sound hat Shin’en seine ganz eigene Handschrift hinterlassen. Vom etwas trashig-arcadigen englischen Ansager bis hin zu den krachenden und klirrenden Elektro-Tunes, die sich durch so viele Shin’en-Werke ziehen – das ist Wiedererkennungswert. Trotzdem bleibt der Sound einfach Geschmackssache. Es werden wahrscheinlich nicht alle etwas damit anfangen können.

FAZIT:

FAST Racing Neo ist ein beeindruckend schneller Sci-Fi-Racer mit ebenso beeindruckender Technik, die gewisse Maßstäbe setzt – zumindest im eShop, wenn nicht sogar darüber hinaus. Das High-Speed-Gameplay fordert vor allem erfahrene Spieler zu Höchstleistungen. Denn die Spielgeschwindigkeit kann so hoch werden, dass es schwierig wird, die Kontrolle über Fahrzeug und Strecke zu behalten. Die vielen Boost-Möglichkeiten muss der Spieler ebenfalls intelligent nutzen und zudem aufpassen, bloß kein Fehlerchen mit vernichtenden Konsequenzen zu machen. Interessenten sollten also bei ihrer Kaufentscheidung eines im Kopf behalten: FAST Racing Neo ist kein Spaziergang, sondern wirklich FAST.

Wertung:

8.5

Tim Herrmann meint:

"FAST Racing Neo besticht mit überragender Technik und sauberem Gameplay, könnte manche aber mit steiler Lernkurve und hoher Schwierigkeit überfordern."
Spielerlebnis: Herausragend
Umfang: Herausragend
Technik: Herausragend
Hinweis: die Kommentarsektion ist aktuell geschlossen.

12 Kommentare:


Tim
vor 5 Jahren | 0
WiiUX-Test zu FAST Racing Neo von Shin'en für den Wii U eShop

JoWe
vor 5 Jahren | 0
Klasse geschriebener Test! Der erste Absatz allein ist schon super ;-)

ProG4M3r
vor 5 Jahren | 0
Du hast unter Grafik und Sound? Shin'en Qualität einmal FAST Racing League statt Neo geschrieben @ Tim ;)

Ansonsten sehr schöner Test und ich muss mich jetzt noch ein paar Tage zusammen reißen und Xenoblade hinter mich bringen >.

Chris
vor 5 Jahren | 0
Also dass die Hintergründe meist statisch sind, kann ich nicht bestätigen. Ich hab die Strecken jetzt nicht penibel analysiert, da ich voll auf's Renngeschehen fokussiert bin, aber meinem Eindruck nach sind da schon oft so Details wie z.B. Sandwurm auf der ersten Strecke.

Zum eigentlichen Spiel: Ich liebe es! Diese Geschwindigkeit... dieser Flow... ich finde es einfach super, dass FAST in gewissen Punkten sehr verzeihlich ist und dafür seinen Anspruch meiner Meinung nach an genau der richtigen Stelle setzt. Es ist in FAST nicht so schlimm eine Wand zu streifen*. Es geht darum die Turbostreifen und vor allem viele Turbokugeln mitzunehmen. :)

Die Möglichkeit an gewissen Hindernissen zu crashen muss es natürlich auch geben, sonst gäbe es ja gar kein Risiko, keine Gefahr. ;)

Zum Schwierigkeitgrad: Ich hatte keine großen Probleme die Hypersonic-Liga freizuschalten und auch alle Hypersonic-Cups auf Gold abgeschlossen. Dabei sehe ich mich eigtl. nicht als übermäßig guten Spieler. Außerdem ist es normal in FAST Racing NEO nicht ständig erster zu sein. Die KI-Gegner schaffen auch nicht immer Topplatzierungen und wie im Test steht, reicht bereits der 3. Platz in einem Cup, um das nächste Fahrzeug und den nächsten Cup freizuschalten.

*außer natürlich im Hero-Modus. Da fungiert die Turboleiste gleichzeitig als Schildleiste und wenn man etwas rammt, wird etwas Energie abgezogen.

;)

Chris
vor 5 Jahren | 0
Habe den Hero-Modus noch nicht richtig probiert und erstmal die Regeln gecheckt... ich glaube er wird seinen Zweck als extraschwerer Modus erfüllen. xD

Achja: @Tim Der Online-Modus ist bis acht Spieler.

Gubbl
vor 5 Jahren | 0
Super Test von euch. Wertung ist auch okay, ich würde mehr geben, weil es einfach genau das ist, auf dass ich gewartet habe.

Mir macht das Spiel sehr viel spaß, und der Schwierigkeitsgrad ist auch enorm hoch, aber dass motiviert mich sehr.

Ich hoffe Shinen liefert auch in Zukunft solche Titel ab.
15 Euro ist natürlich geschenkt. Hoffentlich haben sie damit erfolg.

SecretOfMana
vor 5 Jahren | 0
Ich weiß das sehen die puristen vermutlich anders.. aber mir fehlen irgendwelche standardwaffen... So wie in extreme-G-Racing mit den laser standard geschossen.. nichts weltbewegendes aber es war eben da..

Belphegor
vor 5 Jahren | 0
Und da ist es endlich. Unser langersehntes F-Zero im Schafspelz. Schade das Nintendo nicht die Eier hatte die Lizenz komplett an die Münchener Jungs zu geben aber mit diesem Game haben sie eine mehr als deutliche Bewerbung abgegeben, um das kommende F-Zero programmieren zu dürfen. FAST ist wirklich fast und die Deatils sind der Oberhammer. Grafisch ist das Game eine einzige Augenweide und das bei konstanten 1080p / 60 fps. Hier könnten sich große Publisher mal anständige Scheiben abschneiden WAS technisch auf der HD-Konsole von Nintendo möglich ist. Und das bei diesem kleinen Download und 15 €. Chapeau. An sich wollte ich ne 9,5 geben aber wenn man alles zusammen zählt ist es in seiner Klasse das perfekte Game geworden. Danke Shin'en!

Dr_Lobster
vor 5 Jahren | 0
Sind es 720p oder 1080?

wal
vor 5 Jahren | 0
viele Jahre ist es her, das erste Wipeout zusammen mit Negcon Steuerung war mein Kaufgrund für eine Playstation. Das Spielgefühl ist zurück ! Was ich bisher in fast allen Tests vermisse: Die Analogsteuerung mit Wiimote (mein altes F1 Lenkrad) ist ebenfalls Spitze, totale Kontrolle. Das Ding groovt. Phantastisches Streckendesign, Super Grafik, Geschwindigkeitsrausch par excellence, Tunnelblick und reines Flowerlebnis. Keine unnützen Waffen, kein unnützes Aufrüsten, kein Sammelwahn. Die Musik passt auch. Von mir Bestnote.Ich brauch dann kein F-Zero mehr, danke. Und das für 15.- Euro !

ProG4M3r
vor 5 Jahren | 0
Es sind 720p @Dr_Lobster ;)

Dr_Lobster
vor 5 Jahren | 0
Danke Pro!